Montag, 11. November 2019

Was wollen die Juden überhaupt noch?

Interview mit Pierre-Alexander Richard, Politikwissenschaftler aus Potsdam, über die Rückübertragung von Grundstücken der Jüdischen Landarbeit GmbH an die Jewish Claims Conference (JCC) in Südbrandenburg.

RF: Anfang September hat in der Auseinandersetzung um die Rückübertragung von Grundstücken der Jüdischen Landarbeit GmbH an die Jewish Claims Conference (JCC) im Cottbuser Ortsteil Groß Gaglow die Schlichtung unter dem ehemaligen Präsidenten des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg, Jürgen Kipp, begonnen. Sie haben sich mit dem Streit um die Restitution in Ihrer Bachelorarbeit auseinandergesetzt. Weshalb siedelten Juden 1930 im südlichen Teil von Brandenburg und nicht in Palästina?

P-A.R.: Der ansteigende Antisemitismus der 20er Jahre vor allem in den ländlichen Gebieten im Osten des Deutschen Reiches, wie zum Beispiel Ostpreußen und Pommern, war die ausschlaggebende Motivation hinter der Idee nach Brandenburg zu ziehen. Die meisten Siedler waren Veteranen des 1. Weltkrieges, teilweise hoch dekoriert. Sie wollten unter Beweis stellen, dass Juden Landwirtschaft betreiben können. Bei dem Projekt handelte es sich um ein antizionistisches Projekt. Für die Siedler war es von höchster Wichtigkeit, in Deutschland zu bleiben und andere Juden auszubilden. damit diese in Deutschland Ackerland bewirtschaften können.

Donnerstag, 26. November 2015

Das Geplapper der Checker

Ein Blick in die sozialen Medien zeigt, dass viele deutsche Rapper den Feind genau kennen. Es gibt sogar Spekulationen, Bushido sei über die Anschläge in Paris informiert gewesen.

Ralf Fischer / Jungle World

Während viele HipHop-Musiker ihre Anteilnahmen zum Ausdruck brachten und die Anschläge in Paris verurteilten, gaben sich die üblichen Verdächtigen der deutschen Rap-Szene eher zynisch oder verstiegen sich gleich in Verschwörungstheorien.

»Mein tiefstes Beileid an die Angehörigen der Opfer in Paris. Es erfüllt mich mit Wut und Trauer, zu sehen, wie kaputt unsere Welt ist«, schrieb der als Kind nach Deutschland geflohene Azad. Cro twitterte das Wort »Trauer«, Prinz Pi »liberté, égalité, fraternité« und Sido die französische Nationalflagge. Viele weitere deutschsprachige Rapper nutzten das Hashtag #prayforparis, um ihre Anteilnahme in den sozialen Netzwerken auszudrücken. Zum Beispiel Animus aus Heidelberg und Nazar aus Wien, die beide einen iranischen Migrationshintergrund haben.

Das weitverbreitete Hashtag wurde aber auch benutzt, um eine verdrehte Sicht der Dinge zu präsentieren: »100 Tote und 260 Verletzte in Paris am gestrigen Abend, Allah yehamiken inshallah (soll Gott ihren Seelen gnädig sein) und jedem Hundesohn sein Leben nehmen, der dafür verantwortlich ist, und gerechte Strafe erfahren lassen, inshallah!!! By the way … in Afrika sterben jede Stunde … 100 Menschen an Hunger … In Kurdistan werden 100 Leute pro Tag exekutiert vor laufender Handykamera. In Palästina wissen 100 Leute pro Quadratmeter nicht, mit was sie im Ramadan ihr Fasten brechen und essen Kieselsteine. Aber ey … was weiß ich schon«, postete der zum Islam konvertierte Ruhrpott-Rapper Manuellsen. Der 36jährige steht in enger Verbindung zum türkischen Chapter der Hells Angels.

Größere Aufmerksamkeit wurde nur Bushido zuteil, der sich als Tabubrecher inszenierte. »Hab erstmal schnell meinen Paris-Pullover ausgezogen«, schrieb er auf Twitter. Gemeint war wohl der Pullover, mit dem er sich nach dem Attentat auf Charlie Hebdo Ende Januar präsentierte. Auch diesmal ließ der Shitstorm nicht auf sich warten. Sogar der private Fernsehsender Pro Sieben reagierte umgehend mit einem Kommentar: »Herr @Bushido, du widerst uns an.«

Im Internet kursiert das Gerücht, Bushido sei über die Anschläge zuvor informiert gewesen. Begründet wird die Spekulation mit einer Textzeile aus »Brot brechen«, seinem jüngsten Video. Bushidos Mitmusiker Shindy rappt dort: »Im November ist alles vorbei wie Oktoberfest/im November wie Chanukkah/dieses Jahr trag ich Camouflage«. Im Video sieht man Bushido an einem mit Kufiyas dekorierten Tisch sitzen, bewaffnete Männer stehen vermummt im Hintergrund. Irgendwann zeigt Bushido den erhobenen Zeigefinger, ein Symbol der Terroristen des sogenannten Islamischen Staats. Fler stellte einmal mehr unter Beweis, dass ihm die genretypische Doppelbödigkeit nicht liegt. Kurz nach den Anschlägen twitterte er: »Joko und Klaas hoffentlich in Paris«. Auf die ablehnende Reaktion eines Followers reagierte der Berliner ungehalten: »Kauf mal bitte nie wieder meine CDs!!!«

Kool Savas, der selbsternannte King of Rap, äußerte sich auf Facebook mit einer ausführlichen Bemerkung. Zuerst drückt er seine Hoffnung aus, dass »wir alle schlau genug« sind, »aus diesen widerlichen, menschenfeindlichen Hinrichtungen kein Anti-Islam-, Anti-Einwanderungs-, Anti-Flüchtlings-Ding zu machen«. Doch was folgt, ist eine Aneinanderreihung altbekannter Ressentiments: »Unsere wahren Feinde sind die Rüstungsindustrie und jene, die von Krieg und Leid profitieren. Es spielt für diese Menschen keine Rolle, ob Kinder sterben, ob Familien zerstört werden, und ob sie einem jegliche Lebensgrundlagen nehmen, solange die nächste Waffenladung bezahlt ist.« Kool Savas ist sich sicher: »Ob am Ende 100 oder 100 Millionen Zivilisten und Soldaten ihr Leben lassen«, habe keine »Bedeutung, solange jemand seine perversen Ziele langfristig umsetzen kann«. Wer dieser jemand ist, weiß Savas genau: »Eine Elite, die ganze Länder, Staaten und Kontinente wie zum Beispiel Afrika ausbluten lässt, die Regierungen in Schulden stürzt, um ihnen dann untilgbare Kredite zu verkaufen, hat niemals unser Wohl im Sinn.« Auf die Reaktion eines Fans, der sein Idol darum bat, doch »bitte kein Illuminaten-Geblubber« von sich zu geben, antwortete der Rapper, sein Kommentar sei »nicht mal im Ansatz ’ne Verschwörungstheorie«.

»Es ist so ekelhaft, den Islam dafür verantwortlich zu machen, da in diesen Ländern fast nur Muslime sterben bei Anschlägen. Die Drahtzieher sind sicher keine Muslime, sondern ganz andere Länder, ihr wisst genau, welche ich meine«, springt der Rapper Sinan-G dem vermeintlichen King of Rap auf Facebook bei. Beide Posts erhielten über 10 000 Likes. Weil das bloße Raunen über den wahren Feind auf Dauer unbefriedigend ist, werden einige Protagonisten der Szene schnell konkreter. »Nachdem 3000 Amerikaner durch ihre eigene Regierung geopfert wurden, um einen Krieg gegen die globale Freiheit zu rechtfertigen, kann man davon ausgehen, dass nach Paris ähnliche Züge auf dem Schachbrett folgen werden«, analysiert der Rapper B-Lash messerscharf und teilt ein Video von Ken Jebsen zum Thema. »Die USA gehören zu den größten Terroristen dieser Welt (…) Wer Waffen herstellt und verkauft, gehört genauso bestraft. Das ist echter Terror«, legt Sinan-G in seinem Kommentarbereich nach. Auch Tage nach dem Anschlag postete der 28jährige immer wieder mehr oder weniger ernstgemeinte Anklagen gegen den amerikanischen Weltfeind.

Wirklich überrascht hat nur die Reaktion des Berliner Rappers Bass Sultan Hengzt. »Ich freu’ mich schon richtig krass auf die Verschwörungstheoretiker … Nicht!« twitterte er.

Donnerstag, 5. November 2015

Für Volk, Reich und Palästina

Die umtriebige rechtsextreme Chemnitzer Ultra-Gruppierung NS-Boys ist Teil eines Netzwerks, zu dem auch Cottbuser, Leipziger und Züricher Kameraden gehören.

Ralf Fischer / Jungle World

Verpixeltes Gesicht, Anglermütze auf dem Kopf und zwei Trommelstöcke in der Hand. So präsentierte sich in den sozialen Netzwerken ein Mitglied der rechtsextremen Chemnitzer Ultragruppierung New Society (NS-Boys) beim Spiel Energie Cottbus gegen Wehen Wiesbaden am 12. Spieltag in der Dritten Liga. Neben der Zaunfahne der Energie-Ultras vom Preußen-Kartell hängt eine neue Zaunfahne der NS-Boys mit dem altbekannten Konterfei eines Hitlerjungen aus den dreißiger Jahren. Das ist eigentlich ein Verstoß gegen die Regeln der Ultras. Es gilt als ungeschriebenes Gesetz, dass ein Fanclub der einmal seine Zaun­fahne verloren hat, sich auflösen muss. Doch die NS-Boys sind weiterhin aktiv.

Zum Verlust der Zaunfahne kam es bei einer Hausdurchsuchung. Im Frühjahr 2014 erließ das sächsische Innenministerium ein Vereinsverbot gegen die Nationalen Sozialisten Chemnitz (NSC). Bei einer Razzia im Vereinsheim der Rechtsextremisten wurden zahlreiche Beweismittel sichergestellt, unter anderem die Fahne der NS-Boys. Doch weder das Vereinsverbot gegen die Nationalen Sozialisten noch das Stadionverbot aus dem Jahre 2006 gegen die NS-Boys sowie einige ihrer Mitglieder zeigten Wirkung. Spielberichte und Fotos ihrer Zaunfahne, die auf ihrem Blog sowie in den sozialen Netzwerken gepostet wurden, zeugen von unzähligen Ausflügen und Stadionbesuchen der vergangenen Jahre. Die in ihren Heimstadien verbotenen Fangruppierungen besuchen häufig Auswärtsspiele der eigenen Mannschaft und Spiele jener Vereine, mit deren Fans sie freundschaftlich verbunden sind. Im Falle der Chemnitzer NS-Boys sind das zumindest zwei Vereine, Energie Cottbus und Grasshopper Zürich.

Engen Kontakt haben die Chemnitzer in Cottbus den Fangruppierungen Inferno Cottbus, WK13 Boys, Collectivo Bianco Rosso 02 sowie dem Preußen-Kartell und in Zürich zu den Blue White Bulldogs. Die personelle Verbindung zwischen diesen Gruppen ist die Grundlage für eine bemwerkenswerte grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen deutschen und schweizerischen Neonazis. Am 15. Februar 2014 marschierten rund 80 Neonazis aus beiden Ländern im schweizerischen Solothurn zu einer unangemeldeten Demonstartion auf. Sie trugen bei dem nächtlichen Umzug Fackeln und vermummten sich mit weißen Theatermasken. »Asylanten raus« stand auf dem Fronttransparent und in einem dazugehörigen Video war zu sehen, wie einer der Demonstranten einen Zettel mit der Aufschrift »Freiheit« über das Straßenschild in der Judengasse klebte. Im Internet jubelten deutsche Neonazis: »Unsterbliche marschieren durch Judengasse«.

Bekannt geworden mit dieser Aktionsform ist die 2012 vom brandenburgischen Innenministerium verbotene »Widerstandsbewegung in Südbrandenburg«. Im Rahmen der Verbotsverfügung kam ans Licht, dass die Behörden den Capo von Inferno Cottbus 1999, William Puder, der »Widerstandsbewegung« zurechnen. Darüber hinaus hatten Razzien in Cottbus und Chemnitz ergeben, dass die sogenannten Unsterblichen aus Deutschland seit einiger Zeit Kontakte nach Zürich pflegen. Ihren Hass auf Juden zeigen die Chemnitzer Fußballfans gern auch im Stadion. Während des Gaza-Krieges im vergangenen Jahr demonstrierten sie ihre Parteinahme eindeutig. Beim Auswärtsspiel des Chemnitzer FC gegen Fortuna Köln im August hing neben der Reichskriegsflagge und ihrer Zaunfahne auch die palästinensische Fahne.

Als Feinde betrachten die Cottbuser und Chemnitzer Kameraden hauptsächlich die Vereine Dynamo Dresden, Erzgebirge Aue und Babelsberg 03 sowie deren Anhänger. Die entsprechenden Spiele sind perfekte Anlässe, um dem Hass freien Lauf zu lassen. Anfang des Jahres veröffentlichten die NS-Boys in den sozialen Netzwerken eine Bildmontage. Sie zeigt den Auswärtsblock von Dynamo Dresden, in den die Flagge Israels hineinmontiert ist. Außerdem wurde der Schriftzug »Ultras Dynamo« auf einem Banner durch »Juden Dynamo« ersetzt und eine antisemitische Karikatur eingearbeitet. Vor dem Spiel Erzgebirge Aue gegen Dynamo Dresden sprühten Chemnitzer Fans 2013 den Schriftzug »Juden SGD« mit einem Davidstern zur Begrüßung der anreisenden Fans. Höhepunkt in den letzten Jahren war aber ein Banner des Cottbuser Anhangs. Beim Landespokalhalbfinale zwischen Babelsberg 03 und Energie Cottbus in Potsdam hing ein kleines Transparent mit der Aufschrift: »ZCKN, ZGNR & JDN« (Szenecode für »Zecken, Zigeuner & Juden«) im Auswärtsblock.

Den Hass auf Linke und Antifaschisten zelebrieren die Chemnitzer Fans gerne in der Öffentlichkeit. So verunglimpfen sie in den sozialen Netzwerken den inhaftierten Antifaschisten und Bremer Ultra Valentin, der am 19. April einen rechten Hooligan verprügelt haben soll. Das in Chemnitz gesprühte Graffiti »Fuck Valentin« wurde auf der Facebook-Seite der NS-Boys zusammen mit einem großen CFC-Bombing hochgeladen, das durch die Sprüche »Nur der CFC – Alle nach DD« sowie mit einem »Fuck Antifa« komplettiert wurde.

Die tiefe Verwurzelung der NS-Boys in der ostdeutschen Neonaziszene zeigte darüber hinaus eine Solidaritätsaktion für den als Unterstützer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) angeklagten Neonazi Ralf Wohlleben. Beim letzten Heimspiel der Saison 2014/15 des Chemnitzer FC gegen die SG Sonnenhof Großaspach beabsichtigten sie, eine Tapete mit der Aufschrift »Komme was da wolle – Dich kriegen sie nicht klein« im Block zu präsentieren. Da dies nicht möglich war, wurde nach dem Spiel mit rund 40 Personen ein Mobfoto geschossen und später in den sozialen Medien verbreitet. Schon im Dezember vorigen Jahres nutzten die NS-Boys ihre Face­book-Präsenz für einen Gruß an den inhaftierten Neonazi: »Trotz vieler Beamter (an dieser Stelle einen besonderen Gruß an ›Wolle‹) gab es eine kleine Pyroeinlage.« Dass die NS-Boys alle Themen des Neonazismus bedienen, zeigte ein Posting am 5. März anlässlich des Jahrestages der Bombardierung von Chemnitz durch die Alliierten: »Den alliierten Mördern kein Vergeben und kein Vergessen für das, was sie unserem Volk angetan haben!!!« Die bisher alljährlich stattfindende Demonstration der Freie Nationalisten zum Thema fiel zwar aus, stattdessen aber laufen lokale Rechtsextremisten bei den Aufmärschen des Pegida-Ablegers in Chemnitz mit.

Das sächsische Innenministerium zählte bei Cegida regelmäßig rund zehn »New Society«-Mitglieder. So »tauchen bekannte Szene-Angehörige bei den verschiedenen Formen von Anti-Asyl-Protesten auf. Sie sind mehrfach bei Veranstaltungen von ›Chemnitz stellt sich quer‹ bzw. ›Chemnitz wehrt sich‹ und bei öffentlichen Auftritten von Cegida/Erzgida beteiligt gewesen«, bestätigt auch das Kulturbüro Sachsen. Das Cottbus-Chemnitzer Netzwerk fährt zusammen mit Gleichgesinnten auch zu Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft, ungeachtet der Tatsache, dass da mittlerweile Spieler mit beispielsweise türkischem Migrationshintergrund das Adlertrikot tragen. Hauptsache Schland.

Donnerstag, 26. März 2015

Wie ein Gallier

Xavier Naidoo versteht sich als »Wahrheitsfinder«, der durchschaut hat, welche Mächte die Welt beherrschen. Mit Verschwörungstheorien will er nichts zu tun haben.


Ralf Fischer / Jungle World

Normalerweise führt ein Auftritt vor NPD-Anhängern, Verschwörungstheoretikern und Antisemiten, wie ihn der Soulsänger Xavier Naidoo im vergangenen Herbst vor dem Reichstag hingelegt hat, schnurstracks in die gesellschaftliche Isolation. Nicht so bei dem 43jährigen. Nach einigen harschen Kritiken in verschiedenen Zeitungen und der obligatorischen Distanzierung der Mannheimer Lokalpolitik legte sich der Sturm der Entrüstung schnell wieder. Der Privatsender Vox teilte Anfang dieses Jahres mit, dass er eine zweite Staffel der Show »Sing meinen Song« mit dem prominenten Mannheimer als Gastgeber produziert. Als Grund für die weitere Zusammenarbeit gab der Sender an, dass Naidoo sich von den Vorwürfen distanziert habe. »Von daher gibt es für uns keinen Anlass, unsere Pläne mit ihm zu ändern.«

Sehr schnell stellte sich die Distanzierung des Sängers jedoch als Lippenbekenntnis heraus. In einem fünfseitigen Interview erklärt der ehemalige Dozent der Mannheimer Popakademie Anfang März gegenüber dem Magazin Stern, warum er nicht glaube, dass der 11. September 2001 »so abgelaufen ist, wie es in den Medien und von der Politik dargestellt wurde«. Außerdem beklagt sich Naidoo erneut darüber, dass »Deutschland kein souveränes Land« sei, weil »die Amerikaner uns überwachen« dürften. »Der Historiker Prof. Dr. Josef Foschepoth ist den geheimen Vereinbarungen zwischen den Amerikanern und der Bundesregierung nachgegangen. Sie existieren wirklich«, raunte er ganz geheimnisvoll. Und der Stern druckte es ab.

Naidoo spult in diesem Interview das gesamte Programm all seiner bekannten Verschwörungstheorien ab. Über die Finanzkrise habe er Jahre zuvor Bescheid gewusst, aus seiner Sicht hätte Deutschland »niemals in dieser Krise stecken müssen«, weil Naidoo bereits 2005 im Song »Abgrund« prophetisch darauf hingewiesen habe. Aber die Politik hatte versäumt, auf den Mannheimer Wahrsager zu hören. Gerne geriert er sich als der große Freiheitskämpfer. Auf die Frage, wieso er im Song »Raus aus dem Reichstag« die jüdische Bankiersfamilie Rothschild als »Füchse« bezeichnet, antwortet er, dass man »gerade als Künstler die Dinge beim Namen nennen« müsse, »wenn Leute weiter ihre Machenschaften treiben«. Er sieht sich keineswegs als »Verschwörungstheoretiker«, sondern bevorzugt lieber die Bezeichnung »Wahrheitsfinder« und beschreibt sein Innenleben als das eines trotzigen Kindes: »Und wenn mir jemand sagt, das darf man nicht sagen, dann mache ich es wahrscheinlich erst recht.«

Der ehemalige Chefredakteur von Rap.de, Marcus Staiger, bezeichnete Naidoo bereits vor einigen Jahren als christlichen Fundamentalisten, dessen gesamtes Werk die Beschwörung »einer gewissen Highlander-Romantik, eines völkischen Heroismus, in dem unentwegt einer aufsteht, einer sich erhebt, eine messianische Lichtgestalt, der eine, der von der Vorsehung Auserwählte, der die Massen mitreißt und in die Schlacht führt und am Ende das Dunkle vernichtet«, durchziehe. Im Interview mit dem Stern bestätigt Naidoo dies einmal mehr. So wusste er frühzeitig, dass »es aufgrund der überwiegend russischstämmigen Bevölkerung in der Ostukraine zu Schwierigkeiten kommen« könne. Er halluziniert sich als David, der »immer gegen die Großen« kämpft, egal ob es sich dabei um »Obama oder die Rockefellers« oder ganz allgemein um »Menschen mit Macht« handelt. Ob Horst Köhler, »die katholische Kirche, die Politiker, die Banker«, niemand ist vor dem Mannheimer Künstler »mit dem Gespür für manche Dinge« sicher.

Die Empörung in der Öffentlichkeit hält sich in Grenzen. 1999 gab Naidoo dem Musikexpress ein aufschlussreiches Interview. Neben allerhand religiösem Erweckungsnonsens antwortet er auf die Frage, ob ein Amerikaner weniger wert sei als ein Mannheimer: »Natürlich nicht. Aber ich muss als erstes sagen: Bevor ihr uns diktiert, was wir zu tun haben, hört erst mal auf, uns mit eurer Musik zuzuscheißen. Alles ist amerikanisiert. Da muss ich doch wie ein Gallier dagegen angehen, gegen diese blinde Verherrlichung Amerikas. Gegen die Art, wie Amerika mit der Welt umgeht. Keine Demut, keine Achtung. Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Und als Schwarzer kann ich das ohne irgendwelche Hintergedanken sagen.«

Manisch bezieht er sich auf krude Weltuntergangsphantasien, in denen es beinahe immer um die USA geht. So habe er »konkret aus der Bibel« herausgelesen, dass Amerika untergehe. Aber »nicht nur Amerika. Auch Frankfurt ist Babylon, London und Tokio. Babylon ist überall. Aber Amerika und Tokio sind ganz oben auf der Abschussliste.« Seine grenzenlose Abneigung richtete sich aber nicht nur gegen die Amerikaner. Bevor er »irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue«, lässt sich Naidoo zitieren, »agiere ich lieber für Mannheim«. Er bezeichnete sich damals als »ein Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe«. Und schließlich verstieg er sich zu der Aussage: »Ich bin nicht mehr Rassist, als jeder Japaner das auch ist.«

Antiamerikanismus ist keine Ausnahmeerscheinung in diesem musikalischen Genre, sondern unter deutschsprachigen Rappern und Soulsängern verbreitet. Programmatisch steht dafür die EP »Gotting« von Absolute Beginner aus dem Jahre 1993. Damals beklagten sich die Hamburger in ihrem Song »Dies ist nicht Amerika« darüber, dass in deutschen Städten »die dunkle Seite des US-Lebensstandards als Ideal« übernommen werde. Sie sahen »Imitation hier überall« und riefen ihre Mitstreiter aus der deutschen Rapszene dazu auf, »nicht in die USA, sondern nach Europa« zu schauen und bitte ja »kein Gehabe und Gelaber von da drüben« zu klauen. Jan Delay und Denyo waren damals noch nicht volljährig und es mag ihnen vor allem um die »Gangsterscheiße« gegangen sein, die in ihren Augen von deutschen Rappern übernommen wurde. Aber es stand auch »die Frage im Raum, US-Kultur übernehmen oder eine eigene baun« – worunter man sich eine »Mischkultur« vorstellte. Und im Refrain wiederholte sich dann immer wieder die Punchline: »Dies ist nicht Amerika!«

Im selben Jahr, als Xavier Naidoo mit dem Musikexpress sprach, veröffentlichte der Soulsänger Max Herre mit seiner Band Freundeskreis das Album »Esperanto«. Nicht ganz leicht zu verstehen, aber umso aussagekräftiger zwischen den Zeilen, textete er damals im Lied »Revolution der Bärte«: »Das Pentagramm kreuzt den pentagonschen Masterplan, aus den Weiten Kasachstans bis in die Höhen des Golan erklingt die Stimme der Massen righteous wie Rasta-Chants, Philister müssen gehen, sie ham’ zu lange abgesahnt, nehmt Ministern die Diäten, dass sie fasten wie an Ramadan, bald werden Köpfe rollen, weil jetzt andere an die Töpfe wollen, auch aus dem Vollen schöpfen wollen, ihr’n Tribut nicht falschen Götzen zollen, weil der Tanz ums goldene Kalb nicht ungescholten bleibt.«

Die Inszenierung als deutsche Rapper beziehungsweise Soulsänger, die zwar eine amerikanische Subkultur adaptieren, aber sich genau davon distanzieren, endet nicht selten in deutschnationalen Parolen. So rappt das multiethnische Berliner Quartett Zyklon Beatz gegen »MCs, die mit peinlichen Amibeats prollen«, und propagiert dagegen den Dreiklang »deutsche Frauen, deutscher Rap, deutsches Bier«.

Donnerstag, 24. Juli 2014

»Marina, wie blöd bist du eigentlich!«

Die Facebook-Seiten einiger Deutschrapper verbreiten eine brisante Mischung aus Pop, Promotion und antiisraelischer Propaganda.


Ralf Fischer / Jungle World

Seit Tagen ergeht Massiv sich auf Facebook in Hasstiraden gegen Israel, aber manchem Fan reicht das noch immer nicht. »Du Hund, was du bist«, schreibt ein erboster Facebook-User dem deutschen Rapper mit palästinensischem Migrationshintergrund ins virtuelle Stammbuch, »teil mal lieber was von dein Lande, du Jude, was du bist«, schimpft er, weil Massiv seit gefühlten zehn Postings nichts mehr über Gaza, sondern nur über sein neues Album geschrieben hat. Dabei gelingt es Massiv geschickt, Pop, Promotion und Propaganda zu verbinden. Seit Beginn der israelischen Mi­litäroperation verbreitet Wasim Taha, wie der Rapper mit bürgerlichem Namen heißt, seine Sicht auf den Konflikt. »Gaza ist das dicht besiedelte Gebiet der Welt, jede Bombe fällt auf unschuldige Zivilisten und wird immer wieder billig gerechtfertigt, dass es eine gezielte Terroristen-Tötung sei. Diese drei verschwundenen Kinder auf Israels Seite sind selbst Soldaten gewesen und haben sich selbst immer mit gefangenen palästinensischen Jugendlichen fotografieren lassen in dreckigen Posen!!!!«

Erst einmal so richtig in Rage, bringt er seinen Followern weitere unumstößliche Fakten nahe: »Frauen werden an ihren Haaren durch die Straße gezogen, Kinder werden verschleppt, systematisch werden seit Jahren die Straßen gesäubert in einem Warschauer Ghetto 2.0. Stacheldraht, Stromzäune, Mauern, so hoch, dass man den Himmel nicht sehen kann.« Dem Publikum gefällt die alte Platte mit dem Sprung, 28 123 Personen liken den Beitrag von Massiv. Einwände, dass diese Behauptungen nicht mit den Tatsachen übereinstimmen, werden glattweg abgewiesen: »Almans müssen mal wieder ihren unnötigen falschen Senf dazu geben, weil sie keine Ahnung von dem haben.«

Das zu dem Beitrag gehörende Bild soll einen israelischen Soldaten zeigen, der mit seinem Stiefel einem palästinensischen Kleinkind auf den Brustkorb tritt; in der rechten Hand eine AK47. Der Hinweis einiger Kommentatoren, dass die israelische Armee solche veralteten Maschinengewehre russischer Bauart nicht verwendet, wird nicht eben logisch beantwortet: »Halt dein Maul, du Depp, wenn du keine Ahnung hast, dann lass es lieber!!! Es geht ums Prinzip!!!«

Mit dieser verbalen Strategie – Kraftmeierei und Überlegenheitsgestus durch gefühlten Wissensvorsprung – wird Kritik an der eigenen Position verhindert. Das entbehrt nicht einmal einer gewissen Logik: Wenn alle Nachrichten, alle Fotos und Videos von »den Zionisten« manipuliert sind, dann bleibt einem nichts, als an die eigenen Bilder zu glauben. Aus Prinzip. Deshalb stört der Vorwurf nicht, dass es sich bei den Bildern um eine Fälschung handelt. Die Wahrheit wird ja bekanntlich auf allen Kanälen unterdrückt: »Ob Fake-Bild oder nicht, diese Situationen gibt es wirklich!!!« Wer nicht daran glaubt, dass die Palästinenser Opfer der zionistischen Aggressoren sind, kann nur ein Ungläubiger sein. Es ist wie eine religiöse Of­fenbarung. »Das Bild spielt keine Rolle, ihr Lutschers«, kommentiert ein User, ein anderer sekundiert und greift eine noch skeptische Userin an: »Marina, wie blöd bist du eigentlich, denkst du es, hängt vom Bild ab!!«

Der Einbruch der Realität wird mit allen Mitteln abgewehrt. So zum Beispiel, wenn es um den islamistischen Terror geht: »Ihr behinderten Spackos, Al-qaida bzw. Terroristen sind eine Erfindung der Amis.« Muslime werden als prinzipiell friedlich wahrgenommen; diese Projektion führt letztlich zur völligen Verkehrung der Geschichte: »Bis jetzt haben muslimische Länder keinen einzigen Krieg angefangen. Die diese Kriege angefangen haben, sind Christen, Juden und weiß der Geier«. Das bedeutet auch: »Die Isis sind bezahlte Krieger, die alles andere als Muslime sind.«

Das Wissen um die wahren Feinde wird zum wichtigsten Motiv der Facebook-Glaubensgemeinschaft. »Die wirklichen Terroristen sitzen überall auf der Welt und lachen euch aus, da ihr diesen Mist auch glaubt«, ist eine verklausulierte Version antiamerikanischer und antiisraelischer Propaganda. Wer aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, schreibt frei heraus: »Verfickte Israelis!!! Elendig sollen sie verrecken« oder: »Free Palästina. Weg mit Israel!« Doch wie im Battlerap gibt es noch eine weitere Steigerungsform, in diesem Fall, die offene, völlig ungenierte nationalsozialistische Vernichtungsdrohung: »Scheißjuden, euer Vater, der Adolf, wusste ganz genau, was ihr braucht« beziehungsweise: »Schade, dass Hitler nicht alle Juden vernichtet hat.«

Die spezifisch deutsche Variante des derzeitigen Furors versucht sich an netten Ratschlägen: »Dann machs doch wie Deso Dogg und unterstütze deine Brüder und Schwestern statt hier große Reden zu schwingen«, sucht sich ein User konstruktiv in die Debatte einzubringen. Andere pendeln aufgeregt zwischen ihren rassistischen und antisemitischen Ressentiments hin und her. »Alle regen sich auf über die Deutschen, wenn sie was gegen Juden haben … werden sofort als Nazis beschimpft, aber so, wie ich das sehe und lese bei manchen, die nicht deutsch sind … meine Fresse ... da sind wir ja garnet so schlimm … ihr seid wesentlich schlimmer!!!« lässt sich ein User aus, um dann gleich mit einer Ansage weiter zu machen: »Aber kommt bloß nich her, wenn ihr ne Unterkunft braucht und euch nur durchschnorrt«.

Nicht nur auf der Facebook-Seite von Massiv toben sich die Judenhasser aus. Die Follower des Rappers Eko Fresh fordern ihr Idol auf, dass er ein Lied produzieren solle »wegen dem Zeug in den Ländern, wo die Amerikaner und Israelis Krieg führen«. Die Rapper Bushido und Fard mobilisieren ihre Anhänger zu antiisraelischen Kundgebungen und Demonstrationen. Der Renner in Deutschrapkreisen ist jedoch ein Video, in dem sich der ehemalige Radiomoderator und Veranstalter der Montagsdemos, Ken Jebsen, und die auf die Verbreitung antizionistischer Propaganda spezialisierten Evelyn Hecht-Galinski gemeinsam in der Diffamierung Israels üben.

Die zitierten Facebook-Beiträge wurden behutsam orthographisch bearbeitet.

Dienstag, 24. Juni 2014

Festhalten woran?

Platz zwei soll nicht vergeben sein: Die Gruppe C im Prophetendiskurs

Ralf Fischer / Junge Welt


Griechenlands Kapitän Konstantinos Katsouranis hatte am vergangenen Donnerstag einen kurzen Arbeitstag. Nach 38 Minuten des Spiels gegen Japan flog der Mittelfeldspieler mit Gelb-Rot vom Platz. Nach dem Unentschieden droht den Hellenen das dritte Vorrunden-Aus bei der dritten WM-Teilnahme. Der Katzenjammer ist groß, sollte man meinen. Dem ist aber nicht so. »Ohne die rote Karte hätten wir gewinnen können. Japan war in der zweiten Halbzeit dominierend, aber wir haben uns gewehrt«, analysiert Griechenlands Nationaltrainer Fernando Santos das bisher schlechteste Spiel in der Gruppe C. Nur auf den positiven Einfluß bewußtseinserweiternder Drogen ist seine Zuversicht noch zurückführen: »Hinter Kolumbien ist der zweite Platz noch nicht vergeben.«

Möglicherweise steckt die FIFA dahinter. Ein lang gehegter Traum aller durchgeknallten Junkies: Eventuell wurde das Leitungswasser mit Drogen verunreinigt. Denn auch die fernöstlichen Kicker, die in Überzahl nicht gegen die spielerisch limitierten Griechen gewinnen konnten, gehen überzogen selbstbewußt ins letzte Gruppenspiel: »Wir werden nur unseren Stil spielen. Obwohl wir bislang nicht die erhofften Ergebnisse geholt haben, halten wir an dem fest, woran wir glauben«, erklärte der enttäuschende offensive Mittelfeldmann Shinji Kagawa von Manchester United. Festhalten woran? fragt sich der ohne Not ins Elend gestürzte Zuschauer, der sich noch zu gut an den völlig uninspirierten Mitternachtskick erinnern kann.

Größenwahn und Realitatsverlust durch Drogen? Dem Kenner der Materie drängt sich ein Verdacht auf: Koks ist im Spiel! Und wenn wir schon bei Klischees sind, steht Kolumbien oben auf der Liste der Verdächtigen. Wie in der Tabelle. Zu verdanken haben das die Südamerikaner ihrem Sieg gegen die Elfenbeinküste. Bei dem gefühlten Heimspiel ließ sich sogar der wiedergewählte kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos blicken. Er sah eine muntere Partie, in der sich die Elfenbeinküste zu keinem Zeitpunkt aufgab. Deutlich wurde, daß der Zauber von Didier Drogba längst nicht mehr so wirkungsvoll ist wie früher. Als Trainer Sabri Lamouchi den Stürmer nach einer Stunde ins Spiel brachte, köpfte ausgerechnet der ihm zugeordnete Gegenspieler Rodríguez nach einer Ecke zur Führung ein.

Zwar schoß Gervinho kurz vor Schluß noch den Anschlußtreffer für die Ivorer, doch als Sieger ging Kolumbien vom Feld. Surprise! Die Kokainkicker qualifizierten sich wohl mit Hilfe des Hauptexportschlagers ihres Landes frühzeitig für die Endrunde. Ich habe gestern all meine Ersparnisse zum Buchmacher getragen. Wenn Kolumbien nicht Weltmeister wird, bin ich offiziell bankrott. Aber was soll da schon schiefgehen?

Wie geht’s aus? Kolumbien – Japan 1:1, Elfenbeinküste – Griechenland 2:1

Donnerstag, 19. Juni 2014

Traumwandlerische Unsicherheit

Der Glaube an das Schicksal. Die Gruppe C im Prophetendiskurs

Ralf Fischer / Junge Welt


Mein ambitioniertes Projekt als kongenialer Fußballprophet endete schon in der ersten Runde. Mit einer faustdicken Niederlage, tatsächlich sogar zwei faustdicken Niederlagen. Weder die griechischen Piraten noch die japanischen Samurai waren willens, meine in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Im Gegenteil, die Griechen kapitulierten schon nach wenigen Minuten, während wenigstens die Japaner in der ersten Halbzeit noch den Anschein erweckten, daß die Elfenbeinküste möglicherweise als Verlierer den Platz verlassen würde. Doch Didier Drogba drehte das Spiel. Seine Einwechslung brachte die Japaner auf die Verliererstraße. Dort erst einmal angelangt, machten es sich die fernöstlichen Kicker gemütlich.

Mit traumwandlerischer Unsicherheit spazierten die Griechen 90 Minuten hinweg über den Platz, ihnen bleibt jetzt nur noch das Spiel um Platz drei in der Vorrundengruppe gegen Japan, damit sie nicht frühzeitig und mit Schimpf und Schande nach Hause fahren müssen. Für die Zuschauer dieses Spiels prognostiziere ich ein veritables Zugunglück. Eigentlich will man es nicht, muß aber trotzdem ständig hinsehen. Not gegen Elend, altersmüde Griechen treffen auf überforderte Japaner. Wenn der Schiedsrichter nicht das Salz in der Suppe ausmacht, dann wird es richtig häßlich. Keine der beiden Mannschaften kann es sich leisten zu verlieren. Aber bisher haben weder die Japaner noch die Griechen nachgewiesen, daß sie bei dieser WM auch nur ein Spiel gewinnen wollen.

Die kolumbianischen Spieler wirken dagegen äußerst motiviert. Das Schicksal von Andrés Escobar möchte kein Nationalspieler teilen. Der Abwehrspieler wurde nach einem Eigentor bei der Fußballweltmeisterschaft 1994 von einem Bodyguard und Fahrer mächtiger Drogenbosse erschossen. Aktuell berichten kolumbianische Medien, daß ein ELN-Guerillero namens »Mocho« seine Fußballbesessenheit mit einigen Jahren Freiheitsentzug bezahlen wird. »Der Kämpfer installierte in seinem Versteck eine Antenne mit Kabelanschluß und organisierte Verpflegung sowie alkoholische Getränke, um die WM zu verfolgen«, weiß Wolf-Dieter Vogel in der taz zu berichten. Das Verhalten seines Chefs empörte dessen unorthodoxen Bodyguard derart, daß dieser ihn bei den Behörden denunzierte. Kurz darauf wurde »Mocho« festgenommen.

Für die Elfenbeinküste wird der Einzug in die Endrunde gewiß kein Spaziergang. Wenn das Team seine Nervenschwäche abstellt und mit einem Drogba in Topform ist aber alles möglich. Der alternde Stürmerstar entpuppte sich im ersten Gruppenspiel als Lebensversicherung der Westafrikaner. »Ich glaube sehr an das Schicksal. Das alles ist schon lange vorher geschrieben worden«, verkündet der 36jährige Spieler von Galatasaray Istanbul selbstsicher. Leider haben weder er noch der Fußballgott mir voher verraten, welche Ergebnisse das Schicksal konkret im Auge hat. Im Diskurs der Fußballpropheten bin ich eher ein Federgewicht. Nur ein letzter Tip von mir: Egal was Sie tun, passen Sie verdammt noch mal auf ihren Bodyguard auf!

Wie geht’s aus? GRN-JAP 0:0, KOL-CIV 2:1