Freitag, 15. Februar 2013

Immer nur Streß

Dresdner und Cottbuser Fans stehen in der Kritik

Ralf Fischer / Junge Welt


Unsere Probleme auf dem Spielfeld sind anstrengend genug«, diktierte Seffen Menze, Sportchef von Dynamo Dresden, nach dem 0:3 in Kaiserslautern den Journalisten ins Mikrofon. Der sächsische Traditionsklub hat mal wieder mit den eigenen Fans zu kämpfen. Beim Auswärtsspiel gegen den 1. FCK zündeten sie mehrmals Pyrotechnik im Block, nach dem Spiel kam es zu schweren Ausschreitungen mit gegnerischen Fans und der Polizei. Rein sportlich betrachtet stecken die Dresdner übrigens mitten drin im Abstiegskampf.

Freitag abend, ein Flutlichtspiel. Die Stimmung auf dem Betzenberg unterstreichen die Heimfans mit Hunderten Wunderkerzen, im Block von Dynamo Dresden dagegen brennen über ein Dutzend Bengalos. Sächsische Hooligans versuchen zeitgleich, den Nachbarblock zu stürmen. Nach dem Spiel zerstören vermummte Dresdner Anhänger mehrere Shuttlebusse, in denen sich nicht nur Lautern-Anhänger in Todesangst zu verstecken suchen. Anschließend betont der Einsatzleiter der Polizei, solche Ausschreitungen in seiner Karriere noch nie erlebt zu haben. Der Sachschaden beläuft sich auf rund 70000 Euro. Es soll zwei Verletzte gegeben haben.

Nach den Ausschreitungen in Dortmund und Hannover nun also auch in Kaiserslautern. Der Geschäftsführer von Dynamo, Christian Müller, sieht einen deutlichen Zusammenhang: »Es scheint Strömungen bei uns zu geben, die Unterlegenheit auf dem Feld gegen vermeintlich große Klubs mit anderen Aktionen kompensieren.« Peter Pacult, Dynamos Trainer aus Österreich, hat dagegen einen etwas gelasseneren Blick auf die Vorkommnisse: »Warum man jetzt wieder auf die Dynamo-Fans losgeht? Es passiert in jedem Stadion irgend etwas. Auch Wunderkerzen gehören zu Pyrotechnik.« Bestraft werde aber immer nur Dynamo.

Geschäftsführer Müller rechnet mit einer deftigen Geldstrafe vom DFB. In der Hoffnung, diese Strafe etwas abzumildern, will der Verein auf die Kartenkontingente für die drei Auswärtsspiele in Aue, Braunschweig und Berlin freiwillig verzichten. Für den Fall, daß in den nächsten Wochen ein »Dialog« mit den Fans zustandekommen sollte, wollen die Verantwortlichen noch einmal endgültig überprüfen, ob das Kartenkontingent für das Spiel gegen Union Berlin zurückgegeben wird.

Auch der Traditionsverein aus der Lausitz, Energie Cottbus, steht in der Kritik wegen seiner Fans. Der Brandenburger Verfassungsschutz befaßt sich seit einiger Zeit mit der Ultragruppe »Inferno Cottbus« wegen deren fester Verankerung in der örtlichen Neonaziszene. Dem Verein wirft die brandenburgische Verfassungsschutz-Chefin Winfriede Schreiber öffentlich vor, nicht genügend gegen die rechtsextremen Aktivitäten seiner Fans vorzugehen.

Energie-Klubpräsident Ulrich Lepsch weist dies entschieden zurück. Im vergangenen Jahr habe man acht Aktionen gegen rechts im Verein gestartet und gegen 15 Inferno-Ultras Stadionverbote verhängt. Mehr könne ein Sportverein nicht tun.

Freitag, 1. Februar 2013

Betreten verboten

Wenn antirassistische Ultragruppen aufgeben, kehren die Hooligans in die Fußballstadien zurück

Ralf Fischer / Junge Welt


Braunschweig, Rostock, Dresden, Aachen und Düsseldorf. Fünf traditionsreiche Fußballklubs und das gleiche Problem. Die ortsansässigen, antirassistischen Ultragruppen haben sich im Laufe der letzten zwei Jahre aufgelöst oder aus den Stadien komplett zurückgezogen. Auslöser waren gewalttätige Auseinandersetzungen innerhalb der Fanszene, initiiert zumeist von rechtsextremen Fangruppierungen.

Beim Zweitrundenspiel ihrer Alemannia im Mittelrheinpokal gegen Viktoria Köln Anfang Januar sangen die Aachen Ultras (ACU) ihrer Mannschaft das letzte Ständlein. Es war das unschöne Ende einer zweijährigen Auseinandersetzung zwischen antirassistischen Ultras und rechten Hooligans innerhalb der Aachener Fankurve. Drei Tage später verkündeten die Ultras aus Düsseldorf ihren vorläufigen Rückzug aus dem Stadion. In ihrer Erklärung beteuert die linke Gruppe, ihre »Auszeit« habe »interne und strukturellen Gründe«. Trotzdem ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß der Druck von rechten Hooligans auch sie zur Aufgabe zwang.

Ihren Anfang nahm diese Entwicklung im Januar 2011 mit der Auflösung der Unique Rebels (UR) aus Rostock. Ein halbes jahr lang hatten die Antirassisten versucht, sich als Teil der Fankurve von Hansa Rostock zu etablieren. Schließlich wurde den UR-Mitgliedern das Betreten der Südkurve verboten. Auch in Dresden endete der Versuch, eine explizit antirassistische Ultragruppe zu gründen, mit einem internen Blockverbot. Nach dem Zweitligaheimspiel gegen Union Berlin im August 2011 griffen organisierte, rechte Dynamofans die Solo Ultras (SU) mit Flaschen und Steinen an. Seitdem gehen die Solo Ultras ihren eigenen Weg und besuchen nur noch die Fußballspiele der Juniorenmannschaften von Dynamo Dresden.

Oder Braunschweig. Nach fast vier Jahren bei Handball, Jugend-Fußball und Wasserball kehrten Anfang Oktober 2012 die antifaschistischen Ultras aus Braunschweig auf die Ränge des Eintracht-Stadions zurück. Keine vier Wochen später mußten sie sich wieder zurückziehen. Wiederholte Angriffe durch rechte Hooligans in und außerhalb der Stadien zwangen sie dazu. Die Vereinsführung von Eintracht Braunschweig hat das nicht interessiert.

Nicht nur in Braunschweig drücken die Vereinsverantwortlichen bei rechten Straftaten gerne einmal ein Auge zu. Der Fanbeauftragte von Alemannia, Lutz van Hasselt, sieht die Lage in der eigenen Fanszene ebenfalls nicht so dramatisch: »Alemannia Aachen hat sich sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell immer wieder klar gegen Rechtsextremismus und Rassismus positioniert, außerdem wurden Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund konsequent unter anderem mit Stadionverboten bestraft.« Die Realität sieht anders aus.

Seit 1999 begleiten die Aachen Ultras ihre Mannschaft durch die unterschiedlichsten Ligen. Der Konflikt mit den organisierten Neonazis und den mit ihnen sympathisierenden Personen aus den Gruppierungen Karlsbande Ultras, Alemannia Supporters und Westwall Aachen schwelt nun beinahe drei Jahre. Auf Druck der Öffentlichkeit zogen die Verantwortlichen einige halbherzige Konsequenzen. Doch selbst diese angekündigten Sanktionen gegen die rechten Schläger erwiesen sich als abgedroschene Worthülsen. Das Zaunfahnenverbot wurde für die Karlsbande Ultras zu keiner Zeit konsequent durchgesetzt. Schon zwei Monate nach Aussprache des Verbotes hing die Fahne wieder am Zaun. Statt dessen wurden die Aachen Ultras als »Nestbeschmutzer« hingestellt und als »Linksextremisten« denunziert.

Das Zusammenwirken von untätigen Vereinsführungen und wachsender Repression gegen die Ultragruppen, u.a. wegen dem Abrennen von Pyrotechnik, läßt in den Stadien eine Subkultur wieder aufleben, die man schon längst für tot erklärt hatte: die Hooligans. Im Gegensatz zu den Ultras wollen die Hooligans nicht mittels akustischem und optischem Support die eigenen Spieler anfeuern und müssen sich deshalb auch nicht konstruktiv mit der Vereinsführung auseinandersetzen. Hooligans sind Gewalt und Repression nicht fremd, sie machen einen gewichtigen Teil ihrer rebellischen Identität aus. Die Bühne, die sie für ihre Kämpfe suchen, ist nicht öffentlich, statt dessen verabreden sie sich für ihre Kämpfe an abgeschiedenen Orten.

Zwar läßt sich eine pauschale Einteilung in linke Ultras und rechte Hooligans nicht immer aufrechterhaltebn, aber in der Tendenz ist sie richtig. Das zeigt auch, bei aller Rivalität, die Solidarität der Ultras untereinander. Bei ihrem letzten Ausflug begleiteten rund 300 Mitglieder anderer Ultragruppen aus ganz Deutschland die Aachen Ultras, um ihre Unterstützung für deren antirassistisches Engagement zu demonstrieren. Auf ihren Transparenten waren Sprüche wie »Lieber Parasit als Antisemit« oder »Nazis Am Tivoli? Nie gesehen.« zu lesen. Nur solche gemeinsamen Aktionen der Ultras, verbunden mit der Unterstützung durch die Vereine und den DFB können den erneuten Aufmarsch der Hooligans in den Kurven verhindern.

Montag, 14. Januar 2013

Bier, Schnaps und Kotze

Fußballprofi Uli Borowka beichtet sein Leben

Ralf Fischer / Junge Welt


Es ging durch die gesamte Boulevardpresse: Ehemaliger Fußballnationalspieler verprügelte im Suff seine Ehefrau. Kurz darauf jagte er seinen gerade neu gekauften Porsche gegen einen Baum und randalierte in der Wohnung seiner Exfrau. Mitte der 90er Jahre schaffte Uli Borowka einen kaum für möglich gehaltenen Imagewandel. Vom härtesten Verteidiger der Bundesliga wurde er innerhalb von zwei Jahren zum größten Schwein Deutschlands.

Dank seiner Alkoholeskapaden flog Borowka aus beinahe jedem Team. Bei Werder Bremen räumte ihn Manager Willi Lemke beinahe so skrupellos ab wie Borowka in seinen besten Zeiten die gegnerischen Stürmer. 1997 wechselte Borowka nach Polen, wo er unter dem späteren polnischen Nationaltrainer Franciszek Smuda zwar die Meisterschaft gewann, aber dessen Geduld mit dem eingefleischten Trinker auch nicht unendlich war. Zwischenzeitliche Versuche, bei Tasmania Berlin, Hannover 96 und beim Bremer Vorortklub Oberneuland wieder Fuß zu fassen, scheiterten ebenso an Borowkas zu hohem Promillegehalt. Kein Job, keine Frau und keinen Kontakt zu den Kindern, Borowka stand vor einem Scherbenhaufen.

Die Tragödie nahm ihren Lauf. Ein Versuch, sich mittels Tabletten und Alkohol das Leben zu nehmen, scheiterte. Borowka lebte in einer kleinen, schlecht beleuchteten Bruchbude, schlief zwischen dem eigenen Erbrochenem sowie den letzten Alkoholvorräten auf einer Matratze. Wenn er mal den Weg nach draußen fand, dann nur, um Nachschub zu besorgen oder in einer Kneipe zu verweilen, wo er noch anschreiben konnte. Bei seinen ehemaligen Mitspielern tauchte er nur noch auf, um sich Geld zu leihen. Doch das rettete ihm womöglich das Leben.

Eines Tages, als Borowka mal wieder knapp bei Kasse war, tauchte er beim damaligen Sportdirektor von Borussia Möchengladbach, Christian Hochstätter, auf. Der geniale Freistoßschütze merkte recht schnell, daß sein ehemaliger Mitspieler statt Geld etwas anderes viel dringender benötigte: eine Therapie. So kam Borowka Anfang 2000 in eine Entzugsklinik und lernte dort mit seinen Dämonen umzugehen.

Die Autobiographie »Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker« zeichnet ungeschliffen den Aufstieg sowie tiefen Fall des Abwehrkünstlers. Das Buch ist eine rühmliche Ausnahme in der Sparte: Fußballprofi läßt nach seiner Karriere ein launiges Buch schreiben, um dafür eine Menge Tantiemen einzustreichen. Natürlich erfährt man auch von der einen oder anderen schlüpfrigen Fußballer­anekdote, aber der Fokus liegt auf dem Versuch zu verstehen, wie es möglich war, daß ein deutscher Nationalspieler gleichzeitig schwerster Alkoholiker sein konnte. Und niemand es gewußt haben wollte.

Als Jugendlicher lebte Borowka von seinem unbedingten Willen, der Kraft sowie seiner Ausdauer, aber nicht dem überragendem Talent. Als er am Abgrund stand, retteten genau diese Eigenschaften ihm das Leben. Und seine Freunde. Seit über zehn Jahren ist Uli Borowka nun trockener Alkoholiker. Gerne möchte er sein Wissen als Berater an die heutigen Profis weitergeben, doch der DFB unterstützt ihn nicht. Die Dopplzünglichkeit der DFB-Granden ist dabei kaum zu überbieten. Während überall mit dem Slogan »Keine Macht den Drogen« geworben wird, darf der Premiumsponsor mit »Bitte ein Bit« dagegen halten. Solange solche zynischen Zustände im deutsche Fußball herrschen, ist wohl ausgeschlossen, daß es bald ein offizielles Beratungsangebot für alkoholabhängige Profisportler geben wird.

Uli Borowka/Alex Raack: Volle Pulle - Mein Leben als Fußballprofi und Alkoholiker. Edel Germany, Hamburg 2012, 302 Seiten, 19,95 Euro

Freitag, 28. Dezember 2012

Ultras im Visier

Das Buch zum Feuer im Stadion: Politologen und Pädagogen erobern sich eine neue Subkultur

Ralf Fischer / Junge Welt


Die Ultras sind in aller Munde. Es vergeht kaum ein Tag, an dem das Jugendphänomen mit Gewaltproblem nicht prominent in den Medien auftaucht. Schon der Bilder wegen: Brennende Pyrotechnik im Stadion ist immer ein attraktives Motiv für die Titelseite. Daß dann in schöner Regelmäßigkeit von Gewalt gesprochen wird statt nur über das verbotene Abbrennen von Feuerwerkskörpern ist eine jener verkaufsfördernden, aber der Wahrheit abträglichen Maschen der deutschen Journalistenzunft.

Auf diesen propagandistischen Zug wollen nun auch Politologen und Pädagogen aufspringen. Denn mit renitenten Jugendsubkulturen läßt sich in einer immer älter werdenden Gesellschaft immer noch gutes Geld verdienen. Was auch für Kriminologen gilt.

Martin Thein und Jannis Linkelmann, der eine Politologe, der andere Kriminologe, legen mit ihrem Buch »Ultras im Abseits. Porträt einer verwegenen Fankultur« einen Sammelband vor, den man getrost als eine Anleitung für Sozialpädagogen und andere Sachverwalter des Elends sofort wieder ins Bücherregal zurückstellen kann. Organisierte Ultras kommen in dem Buch zumeist nur in domestizierter Form vor. Hauptsächlich sind es Politologen, Soziologen und Polizisten, die über die nonkonforme Jugendsubkultur herfallen, deren Anspruch, sich dem erwachsenen Gestus des Nicht-mehr-verändern-wollens zu entziehen sie ja gerade erst so sympathisch macht. Durch die ablehnende Haltung gegenüber Autoritäten und mit dem Versuch, sich gegen die Eventkultur beim Fußball zu stemmen, geraten die Ultras selbstverständlich ins Schußfeld aller Konformisten.

Dementsprechend schlägt das Imperium nun an allen Fronten zurück. Mit allem, was es hat. In diesem konkreten Fall einem alternativen Fußballfanschutzbericht: Auf den ersten Seiten des Buches zerpflücken mehrere Soziologen die Subkultur der Ultras in ihre einzelnen Bestandteile, einige Seiten später beschäftigen sich die Politologen mit den Auswirkungen auf die Gesellschaft, und am Ende werden die alternativen Kettenhunde des Kapitals, also die Sozialpädagogen, auf die ahnungslose Meute losgelassen. Es gilt wie immer folgende Faustregel: Umso komplexer dem geneigten Zuschauer das »soziale Gebilde« erscheint, umso länger können die Politologen und Soziologen den Gegenstand ihres Interesses erforschen, während gleichzeitig die Pädagogen die daraus gewonnenen Erkenntnisse am lebendigen Objekt durchexerzieren dürfen. Und am Ende räumt die Polizei dann die besonders renitenten Teile der Subkultur ab.

Die Autoren geben vor, die Subkultur der Ultras in Deutschland näher zu beleuchten, statt dessen bieten aber Soziologen, Journalisten und Politologen auf über 200 Seiten nur ihre Meinung feil. Bis auf die dreißig Seiten, auf denen leider ziemlich langweilige Interviews mit einzelnen Ultras dokumentiert sind, handelt es sich um eine paternalistische Veranstaltung, wie sie jeder junge Fan längst zu hassen gelernt hat. Eine der Hauptforderungen der Autoren ist folglich nicht die Legalisierung von Pyrotechnik und der Rückzug der Bereitschaftspolizei aus dem Umfeld der Fußballpartien, sondern die Einrichtungen von Fanprojekten, die – siehe da – von kompetenten Pädagogen mit Kompetenz im Bereich Fußball betreut werden sollen.

Ganz allein zu diesem Zweck wurde das Buch veröffentlicht: Es ist eine Stellenbeschreibung. Und eine Aufforderung nach Stellenausschreibung durch DFB, DFL oder die Vereine. Die einzelnen Beiträge sind Bewerbungen. Nur wer dabei ganz genau die derzeitigen Richtlinien beim Ausverkauf der Fußballkultur einhält, hat eine Chance, in Zukunft einen Job als Fanbeauftragter oder beim neuen Institut für Fankultur zu ergattern. Mit dem Ultragedanken hat das alles nichts zu tun.

Martin Thein/Jannis Linkelmann (Hg.): Ultras im Abseits - Porträt einer verwegenen Fankultur. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2012, 272 Seiten, 14,90 Euro

Freitag, 14. Dezember 2012

Ein Lümmel wird König

Nein, früher war im Fußball nichts friedlich: Christian Wolter legt das Standardwerk über die Berliner Anfänge dieses Sports vor

Ralf Fischer / Junge Welt


Jeden Tag Fußball. Das Paradies auf Erden scheint ausgebrochen, wenn man über den magischen Zugang zum Bezahlfernsehen verfügt. Bei dieser Reizüberflutung scheint es unvorstellbar, daß König Fußball im Deutschland vor rund 120 Jahren ein kaum beachteter Bauernlümmel war, der sich irgendwo weit hinten auf der Beliebheitsskala, zwischen Kegelschubsen und Ameisenzählen einreihen mußte. Fußball galt als Sport aus dem fernen England, verachtet als unkultivierte Veranstaltung der unteren Schichten.

Doch irgendwann fing man in Berlin und Umgebung damit an und krempelte nach und nach die gesamte deutsche Sportwelt um, wie man in Christian Wolters Buch »Rasen der Leidenschaften« nachlesen kann.

Die Hauptstadt verfügt über den ältesten noch bestehenden Fußballklub Deutschlands: Der Berliner FC Germania von 1888 aus dem Bezirk Tempelhof, spielt zur Zeit in der neunten Liga. Da sind auch die BSC Kickers 1900 aus Schöneberg zu finden, die im Besitz des ältesten erhaltenen deutschen Fußball-Pokals sind. Und das erste Heimspiel der DFB-Nationalmannschaft fand in Berlin statt, 1908 vor 6000 Zuschauern in Mariendorf, gegen eine englische Amateurauswahl (Profis spielten auf der Insel seit 1888).

In Berlin orientierte auch der organisierte Arbeitersport in Richtung Fußball. 1923 kam es zum ersten Kräftemessen zwischen einer deutschen und einer sowjetischen Fußballmannschaft im Stadion Lichtenberg. Zwei Jahre später gastierte eine ukrainische Mannschaft in Berlin und spielte zugunsten der chinesischen Kommunisten auf einem Sportplatz unweit des Ostkreuzes. Auch die letzte kommunistische Fußballmeisterschaft wurde in Berlin ausgespielt, das Finale fand 1931 vor 10000 Zuschauern im Wedding statt.

Dem Sporthistoriker Christian Wolter ist mit seinem Buch die erste umfassende Enzyklopädie über den Berliner Fußball und seine wichtigsten Sportstätten gelungen. Auf 278 Seiten sichtet Wolter die letzten 130 Jahre Fußballtradition anhand von mehr als 60 Sportplätzen und Stadien, garniert mit vielen schönen historischen Fotos, endlosen Statistiken und spannenden Anekdoten. Beispielsweise erfährt man vom skurrilen Versuch, den Profifußball in Deutschland ausgerechnet im proletarisch dominierten Bezirk Lichtenberg auf den Weg zu bringen. Auch die vielfach verbreitete Mär, früher sei es beim Fußball friedlich gewesen, wird von Wolter en passant zurückgewiesen. 1900 etwa wurde nach dem Abpfiff des Spiels zwischen Hamburg-Altona und einer Berliner Stadtauswahl der aus Wien stammende Schiedsrichter »nach kurzer Verfolgung zu Fall gebracht und mit einem Stock über den Kopf geschlagen«. Und das war nur der Anfang einer gepflegten Randale. »Natürlich liefen unsere Berliner Fußballer sogleich zu Hilfe, aber an dem Geschehenen läßt sich nichts ändern – unsere Gäste sind malträtiert worden.« Sogar die Ausreden waren zu dieser Zeit exakt dieselben wie heute: »Unsere einzige Entschuldigung ist eben, daß die Angreifer sich scheinbar nur aus diesem Janhagel zusammensetzen, diesem unerwünschten Anhängsel des Berliner Fußballspiels«. Janhagel ist ein altes Synonym für Pöbel.

Wolter merkt man die von ihm im Titel angerufenen Leidenschaften auch an. Er vermittelt dem Leser das Gefühl, mitten drin und nicht nur dabei zu sein. Zwei Jahre lang hat er staatliche und städtische Archive durchstöbert, in Vereinsheimen geforscht und unzählige Privatpersonen aufgesucht, um in diversen Fotoalben an die besten Motive für sein Buch heranzukommen. Alles für die Sache, die runde! Selbstverständlich sieht das Buch toll aus.

Christian Wolter: Rasen der Leidenschaften: Die Fußballplätze von Berlin – Geschichte und Geschichten. vierC print+mediafabrik, Berlin 2012, 280 Seiten, 19,80 Euro

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Im Wiederholungsfall

Dynamo Dresden braucht ein Wunder

Ralf Fischer / Junge Welt

Nach der erfolgreichen Zweitligasaison 2011/12 brennt bei Dynamo Dresden kurz vor Weihnachten der Baum, und zwar lichterloh. Auf eine deftige Heimniederlage gegen den VfL Bochum, Mitkonkurrent im Abstiegskampf, folgte am Wochenende die obligatorische Entlassung von Cheftrainer Ralf Loose. Am Montag wurde der Traditionsklub dann von seinem Ausschluß aus dem kommenden DFB-Pokalwettbewerb unterrichtet.

Durch die 0:3-Niederlage gegen Bochum ist Dresden auf den Relegationsplatz abgerutscht. Die Reaktion des Vorstandes war abzusehen. Am Sonntag übernahm Dynamos Sportlicher Leiter Steffen Menze als Interimscoach das Training. Unterstützt wird er von Kotrainer Nico Däbritz und Torwarttrainer Gunnar Grundmann. Am Sonntag beim TSV 1860 München soll Menze auf der Bank sitzen. Erst in der Winterpause will der Vorstand einen neuen Cheftrainer vorstellen. Leicht wird der sich nicht finden lassen, auch weil Französischkenntnisse zum Stellenprofil gehören. Mit sieben Spielern des Kaders ist eine Verständigung sonst schwer möglich, weshalb die Mannschaft in der Presse gerne »Klein Frankreich« genannt wird.

Der Pokal-Ausschluß schließlich war abzusehen, auch wenn viele Anhänger der Schwarz-Gelben noch auf Gnade gehofft hatten. Grundlage der Entscheidung ist das Fehlverhalten einiger sogenannter Fans beim Pokalspiel in Hannover. Das DFB-Sportgericht unter Vorsitz von Hans E. Lorenz konstatierte »fortgesetztes unsportliches Verhalten« des Dresdner Anhangs.

Geschäftsführer Christian Müller sprach nach dem Urteil von einer »wirtschaftlich einschneidenden Bestrafung«. Wahrscheinlich wird der Klub in Berufung gehen. Laut Müller gibt es »gute Argumente«, erneut vor das DFB-Bundesgericht zu ziehen. Dort konnte Dynamo im vergangenen Jahr einen Pokalausschluß noch abwenden. Das Urteil wurde in ein Geisterspiel plus Geldstrafe abgemildert. »Im letzten Jahr hat das DFB-Bundesgericht nach den Vorfällen in Dortmund ausdrücklich davor gewarnt, daß im Wiederholungsfall der Pokal-Ausschluß droht«, erklärte Hans E. Lorenz nun bei der Urteilsbegründung. Möglicherweise geschieht ja in der Winterpause wieder eines dieser schwarz-gelben Wunder. Dynamos Talfahrt wäre damit keineswegs gestoppt, aber der wahrscheinliche Aufprall in der dritten Liga zumindest nicht ganz so hart.

Donnerstag, 20. September 2012

Genosse Zufall lebe hoch

Weg mit den kleinen Engländern: Das Fußballbuch von Kuper/Szymanski versucht, König Fußball mathematisch zu ­entzaubern

Ralf Fischer / Junge Welt

Genosse Zufall ist ein ekliges Biest. So richtig fies wird es immer dann, wenn es um Millionen geht und der langfristig im Hinterstübchen angefertigte Masterplan grandios scheitert. Ein frühzeitiges Ausscheiden aus den internationalen Pokalwettbewerben kann einen ganzen Verein ruinieren, zumindest der Lächerlichkeit preisgeben. Red Bull Salzburg kann davon ein Lied singen. Eine luxemburgische Amateurauswahl aus Düdelingen verhinderte in der diesjährigen Champions-League-Qualifikation das Weiterkommen des österreichischen Brausegiganten. Wäre es aber nach dem Sportjournalisten Simon Kuper sowie dem Wirtschaftswissenschaftler Stefan Szymanski, Autoren des Buches »Warum England immer verliert«, gegangen, dann wäre dieses Malheur niemals passiert.

Die beiden Autoren versuchen in ihrem Buch, den Einfluß der Mathematik auf den Fußball zu ergründen. Ihre drei Hauptthesen sind, daß der Erfolg eines Landes im Fußball stark von den drei Variablen Bevölkerungsgröße, Einkommen pro Kopf und Spielerfahrung abhängt. Ihrer Meinung nach wurde im europäischen Profisport viel zu lange auf das Bauchgefühl ehemaliger Spieler vertraut anstatt auf handfeste Statistiken.

Ihre Idee, dem Fußball eine neue Ordnung aufzuzwingen, entsteht aus dem Bedürfnis heraus, alles Unabwegbare, Chaotische fein säuberlich in Zahlenreihen einzuordnen, um dadurch in Zukunft zuverlässigere Vorhersagen über den Spielverlauf zu berechnen. Möglicherweise könnte eine solche Zahlenarithmetik der Wettmafia helfen. Aber einem Fußballfan ein paar Zahlen an die Hand zu geben, nur damit er sich vor dem Spiel ausrechnen kann, wie das voraussichtliche Spielergebnis aussehen wird, ist so, als würde man einem Angler, bevor er an den See geht, schon die zu fangenden Fische aushändigen.

Zwar wimmelt es in ihrem Buch von höchst interessanten Anekdoten, die dann aber oft den vorher getroffenen Analysen diametral gegenüberstehen. Ob es sich nun um das Lob an den Trainer Arsene Wenger von Arsenal London für sein Transferverhalten, Spieler die auf die 30 zugehen schnellstmöglich zu verkaufen, handelt, während Wenger aber im Laufe der Saison dann doch einige ältere Spieler dazu kaufte. Oder die Beurteilung der Arbeit des ehemaligen Managers vom FC Liverpool, Damien Comolli, der es ebenso verpaßt hat, in seiner Amtszeit mit Titeln oder Transfererfolgen zu glänzen. Beinahe jede ihrer Analysen hat mindestens einen Haken: Genosse Zufall und die Realität.

Zum Beispiel die Behauptung der Autoren, daß es kein Zufall ist, daß andere Regionen der Welt mit dem Zuwachs wirtschaftlicher Macht im Fußball ebenfalls zur Weltspitze aufschließen, steht gerade die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in der EU entgegen. Während die griechischen Fußballer in diesem Jahr wieder einmal die Runde der letzten acht erreichten, Spanien sogar Europameister wurde, sind die wirtschaftlichen Aussichten für beide EU-Länder eher trübe.

Die Realität führt diese Hauptthesen regelmäßig ad absurdum. So hätte bei den letzten acht Turnieren wenigstens einmal die deutsche Nationalmannschaft gewinnen müssen. Der letzte Trainer, dem dies gelang, war allerdings ein ehemaliger Spieler namens Berti Vogts. Ebenso müßten Länder wie Rußland und die USA weitaus besser abschneiden. Glücklicherweise läßt sich König Fußball nicht durch eine obskure Zahlenarithmetik enträtseln. Im Fußball bestehen noch derart viele Widrigkeiten, angefangen von plötzlichen Krankheiten der Spieler, unerwarteten Wetterumschwüngen bis hin zu falschen Schiedsrichterentscheidungen, daß der verzweifelte Versuch, in diesem Chaos auch nur ansatzweise eine Ordnung zu erkennen, zum Scheitern verurteilt bleibt. Genosse Zufall ist im Sport eine unberechenbare Variable, und das ist auch gut so! Ansonsten wäre zum Beispiel statt dem Halleschen FC nun ein Klub aus der sächsischen Nachbarstadt mit seinen Brausemillionen in der Dritten Liga. Aber wie schon Salzburg in der Champions-League-Qualifikation bewiesen hat: Geld schießt keine Tore. Statistiken ebenso nicht.

Simon Kuper/Stefan Szymanski: Warum England immer verliert - Und andere kuriose Fußballphänomene. Edition Tiamat, Berlin 2012, 320 Seiten, 18 Euro