Mittwoch, 22. Juni 2005

Kartoffelernte

In die Ecke, Besen, Besen: Erst wollte man bei der SPD eine Deutschquote, jetzt kriegt man Angst vor den üblen Folgen

Ralf Fischer / Junge Welt

Durch die angekündigten Neuwahlen lassen sich die Politiker des Landes derzeit zu äußerst peinlichen PR-Aktionen hinreißen. Die größten Klassenkasper kommen dabei aus den Reihen der Regierung. Hier herrscht Panik vor dem Kassensturz. Statt einfach den Sack zuzumachen und sich in Würde darauf vorzubereiten, für mindestens die nächsten vier Jahre mit einer Rumpfmannschaft auf den Oppositionsbänken im Bundestag abzuhängen, plärren die Regierenden in alle verfügbaren Mikrofone, was niemand wissen will, aber im Wahlkampf vielleicht ein paar Punkte bringt.

Monika Griefahn (SPD) etwa, als Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien gewichtige Befürworterin einer Deutschquote im Radio, macht Theater wegen deutschnationalem Rap, der außerdem pornographisch und gewaltverherrlichend sei, es zugegebenermaßen auch ist. Anfang Juni forderte sie im Focus nicht weniger als ein Verbot der Videos zweier Berliner Rapper, Fler und Sido.

Nicht diese Forderung nach Zensur verblüfft; nur, wer sie vorbringt. Mit einer nationalen Quote im Radio sollte der einheimische Mittelstand des Verwertungsgewerbes gegen die Weltkonzerne SonyBMG, Warner, EMI und Universal mit stetig fließendem Kapital ausgestattet werden. Genau das ist mittlerweile realisiert. Auch ohne Quote. Im übrigen macht, wer die Geschichte als düster und vor allem abgeschlossen darstellt, alles falsch und viel Kohle. Viele distanzieren sich zwar vom Rechtsextremismus, bedienen sich aber faschistischer Ästhetik.

Das Label der beiden Rapper, Aggro Berlin, beantwortete Griefahns Anwürfe nüchtern: »Keiner unserer Künstler oder Mitarbeiter ist rechtsradikal«. Das ist unwahrscheinlich, könnte aber sogar stimmen. Ein grottenschlechter Rapper wie Fler braucht einen marketingstrategisch eingefädelten Skandal, um Tonträger abzusetzen. Deshalb setzt er in seinen Texten auf die nationale Karte, frontet gegen Amirap, das Label wirbt mit deutschnationaler Ästhetik für sein Album. Sowas kommt an, gerade weil es nicht politisch korrekt ist und deswegen skandalisiert wird. Dieser Entwicklung ist mit Polemik nicht beizukommen.

Obwohl Fler, den der Rapper Eko treffsicher Kartoffel taufte, mit Sido das Label gemeinsam hat, gibt es frappante Unterschiede. Hätte sich Griefahn Videos von Sido angeschaut, wüßte sie, daß er im Gegensatz zu Fler bisher nur eine polnische Nationalfahne schwenkte. Hätte sie den Text seines Hits »Mama ist stolz« gelesen, wüßte sie: Das ist schon keine Farce mehr, das ist Parodie.

Nur weil die Vernunft sich endgültig in den Sommerurlaub verabschiedet hat, will ich hier nicht zwei selten bekloppte Rapper gegen berechtigte Kritik verteidigen. Fler ist widerwärtig, schon wegen seiner Frauenfeindlichkeit und Deutschtümelei. Dazu kommt seine beispiellose Unfähigkeit am Mike. Um Sido ist es nicht viel besser bestellt. Doch was sind diese beiden Spinner gegen Berufspolitiker im Überlebenswahlkampf? Der Feind steht eben überall.

Aus den ersten und zweiten Reihen der etablierten Parteien werden in nächster Zeit noch etliche absurde Vorschläge kommen, zumal eine ernst zu nehmende Alternative auf der linkspopulistischen Überholspur aufgetaucht ist. So geht die Mediendemokratie. Eine derbe Mobilisierung von Ressentiments aller Art ist zu erwarten. Wie wäre es z. B. mit einem generellen Tanzverbot zu US-amerikanischer Musik? Das käme der Moral zugute, und mehr ist ja nicht zu heben, außer der Arbeitslosenzahl natürlich.

Samstag, 18. Juni 2005

Fix

Der 20jährige Berliner Sprayer NOUS 1 über das am Freitag vom Bundestag verschärfte Antigraffitigesetz, die Streetart der Latte-macchiato-Modepuppen und seine Kunst

Ralf Fischer / Junge Welt

RF: Sprayer können künftig zu mehrjährigen Haftstrafen verknackt werden, sofern sie das »äußere Erscheinungsbild« einer Sache »nicht nur vorübergehend« und »nicht nur unerheblich« verändern. Mit den Stimmen von SPD, Grünen und Union verabschiedete der Bundestag am Freitag einen entsprechenden Gesetzentwurf. Bislang war die Sachbeschädigung nur strafbar, wenn die Substanz der Sache beschädigt war. Die Neuregelung ist im Frühjahr auf den Weg gebracht worden. Wie hat die Sprayer-Szene sie aufgenommen?

Nous1: Ziemlich locker. Bis auf Denunzianten, die durch die Hetze in den Medien mehr Verantwortungsgefühl zeigen, hat sich nicht viel verändert. Verfolgt wurde man schon vorher.

Pünktlich zum Antigraffitikongreß in Berlin veranlaßte Otto Schily im April den Einsatz von Hubschraubern zur Bekämpfung der Szene. In der Hauptstadt gibt es seitdem eher mehr Graffitis. Haben die Sprayer den Kampf um die Stadt aufgenommen?
Graffiti paßt sich den Umständen an, siehe New York. Die Antwort auf verschärfte Repression und Säuberungen waren dort mehr Throw-Ups. An frisch gestrichenen Wänden oder sanierten Häusern ist selten ein Piece zu finden, einfach weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, daß die Wand gleich wieder gesäubert wird. Dort entstehen weniger aufwendige Sachen wie T-Ups und Tags. Sanierungs- und Säuberungswahn gehören zusammen. Mit der Ausbreitung von teuren Modeläden, die kein Mensch braucht, werden ganze Stadtteile auf Dauer verändert, nicht im kulturellen, sondern im ökonomischen Sinne. Ich hoffe, daß hier keine Ermüdung oder gar Resignation bei den Writern einsetzt. Das sollte im Gegenteil eher Ansporn sein.

Hat die verschärfte Repression persönliche Konsequenzen? Sind Sie vorsichtiger geworden?

Ich versuche, vorsichtiger zu sein, weil ich schon mindestens noch zehn Jahre malen möchte.

Nur vereinzelt tauchen im Stadtbild Schriftzüge auf, die sich inhaltlich auf die verschärfte Repression beziehen. Kann man so gegen die Ordnungsmacht punkten oder macht nur die Masse der Bilder den Erfolg aus?
Politische Äußerungen können zwar neben ein Piece gesetzt werden. Grundsätzlich aber stehen der Name, die Buchstaben und Formen im Vordergrund. Die politische Aussage wird indirekt vermittelt. Man kann das Writing als Spiegel der Gesellschaftsform verstehen: Es ist egoistisch, man benutzt seine Ellenbogen, um als Individuum bekannt zu werden. Gleichzeitig aber ist es mehr als ein Wettkampf in einer Parallelwelt.

Sie sind nun schon viele Jahre illegal unterwegs. Wie würden Sie Ihre Entwicklung beschreiben? Vom Schmierer zum Styler?

Schmieren ist Bestandteil der Entwicklung eines Writers. Es hat den gleichen Wert wie das Malen von Styles, wobei es mir schwer fällt, ein gutes Tag zu machen. Richtig gute Tagger gibt es ja auch nicht viele.

Was benutzen Sie außer Spraydosen und Markern?

Streichfarbe, Bitumen, Kreide und Aufkleber. Manchmal auch Wasserpistolen, Plastikflaschen mit einem Loch vorne drin oder einfach meinen Finger für Staub.

Ihr Style ist sehr auf die Typo fixiert, auf Buchstaben statt Characters.

Characters sind nur Schmuck. Beim Writing geht es um Buchstaben! Figürliche Mittel können diese nur in einem gewissen Rahmen unterstützen.

Machen Sie Streetart oder Kunst?

Ich schreibe nur einen Namen, ästhetisch, schön. Graffiti sollte allgemein als Kunstform anerkannt werden. Punkt.

Ist der Hype um Streetart nur ein PR-Gag gelangweilter Kunststudenten?

Ich war auf ein, zwei Streetart-Ausstellungen. Mindestens 80 Prozent der Leute dort waren Latte-macchiato-Modepuppen. Sowas macht etwas aggressiv. Diese Streetart-Sachen sind mir inzwischen fast egal, auch wenn ich 90 Prozent davon Scheiße finde – sie sind absolut unspannend. Die Leute kopieren zu Hause irgendwelche Sachen aus Zeitschriften, machen 100 Reproduktionen von Figuren, die oft nicht mal selbst gemalt sind.

Man kann sich über diese Arbeiten auch kaum unterhalten. Es gibt keine Regeln der Form wie beim Writing. Da werden einfach kackniedliche Pinguine oder Meerschweine an die Wände geklebt. Ein Piece oder Tag dagegen wird direkt an die Wand gemalt. Wie es aussieht, ist extrem abhängig von der konkreten Situation. Dadurch strahlt es für mich viel mehr Kraft und Intensität aus.


Im Alten Rom wurden Parolen, Theatertermine und vieles mehr wie selbstverständlich an die Wände geschrieben. Leider gelten in unserer Gesellschaft Stahl- und Betonflächen als Eigentum, Straßen als Verkehrswege für Güter und Waren. Jeder geht zur Arbeit und gleich wieder nach Hause, ohne sich auch nur einen Augenblick umzuschauen.


Was würden Sie auf den Vorwurf sagen, daß Sie weiche Standortvorteile förden, mit Ihrer Kunst für gute Laune im beschissenen Alltag sorgen, Lokalpatriotismus stärken und Lohnsklaven produktiver machen?
Das ist ziemlich abwegig, oder?

Könnte es sein, daß Streetart als neue Mode Frauen den Einstieg in die Welt des kreativen Vandalismus erleichtert? Die Dominanz von Männern in der Szene ist erdrückend.
Wäre ganz nett. Ich kenne auch nur zwei bis drei Frauen, die malen.

Bleibt die Straße Ihre Ausstellungsfläche oder möchten Sie auch mal in Galerien?

Ja, schon, aber nicht mit Graffiti. Auf Leinwand oder Foto funktioniert das nicht.

Wie stehen Sie zu legalen Freiflächen?

Es gibt viele geduldete Wände: Fabrikhallen, Hinterhöfe oder Freiflächen. Diese aufzuspüren und zu erkunden kann ich jedem empfehlen. Dort sind die schönsten Pieces versteckt. Richtig legal malen gehe ich eigentlich nur, wenn ich gerade viel Geld habe, sonst sind mir die Dosen zu schade.

Montag, 30. Mai 2005

Geh weg vom Mic!

Aus der Kneipe: Auf DVD dokumentiert das Berliner HipHop-Label Royal Bunker sich selbst

Ralf Fischer / Junge Welt

Jeder wäre gerne ein berühmter Popstar. Via Katapult raus aus der ländlichen Scheiße des elterlichen Reihenhauses in der Kleinstadt am Rande des Wahnsinns, direkt rein in den kurzen Rock der Bourgeoisie mitten in der City. Aus dem Untergrund der Großstädte direkt in die Klingelton-Charts – das ist nicht nur in der Nacht der Traum vieler Teenager. Es ist der Traum des Kapitalismus, eigentlich für das gesamte (erwachsene) Proletariat konzipiert. Niemand, der diesem Traum anhängt, braucht sich oder anderen einzureden, er sei Teil einer unbedeutenden Minderheit. Das ist Selbstbetrug. Doch die Quadratur des Kreises wird trotzdem noch häufig genug versucht. Eine gezielte Verarschung um der Selbstinszenierung willen. Die in diesem Frühjahr veröffentlichte DVD »Gegen die Kultur« des Berliner Musiklabels Royal Bunker wandelt genau auf diesem Pfad.

Kein Traum

Daß der Traum vom Aufstieg in die Oberschicht machnmal kein Traum bleibt, kann man täglich in der Boulevardpresse nachlesen. Geschenkt, hier ist nicht der Boulevard. Hier geht es um Untergrund-Attitüde als Verkaufsargument. So ungefähr läßt sich das Konzept der Royal-Bunker-Crew aus Westberlin, wie sie oft betonen, in vier Worte fassen. Darüber hinaus glänzen die meisten MCs des Labels, vom Bunkerboß Marcus Staiger auch schon mal treffsicher als CDU-Rapper bezeichnet, mit sexistischen und homophoben Verbalinjurien, die lange Zeit kaum woanders in HipHop-Germany zu hören waren. Unabhängig von den übermächtigen Majors macht die Crew um den Bunker seit 1998 ihre eigene Politik. Von einem Hinterzimmer mit Bühne, hin zu einem kleinen Tapelabel arbeitete sich das selbsternannte Untergrundlabel langsam nach oben. Als 2000 die erste CD des Labels, »N.L.P.« von MOR veröffentlicht wurde, stellten sie ihre Strategie erstmals einem breiteren Publikum dar. Anzeigen, auf denen die Bosse der Majors aufgefordert wurden, sich selbst zu ficken, gehören seitdem zur Labelpolitik wie die Ansage auf dem Cover der aktuellen DVD: »Hart! Ehrlich! Konsequent! – Royal Bunker. Geh weg vom Mic – Nutte!«

Dies wirkt wie das übliche sexistische Männergehabe, ganz auf das Männer-Marketing der deutschen HipHop-Szene zugeschnitten. Ist es auch. Hier versammeln sich die Teile des städtischen Proletariats am Mikrofon, die lieber komplett die Schnauze halten sollten. Ganz so, wenn sich Männer abends an den Stammtischen der Eckkneipen versammeln, um dort ihrer reaktionären Ideologieproduktion zu frönen. Einigen aus dem Bunker war diese Beschäftigung wohl zu unmodern und langweilig. Sie rappten lieber in der Kneipe.

Doch es muß mehr als nur Langeweile gewesen sein, als die ersten HipHop-Jams im Royal Bunker, einer stinkenden Kellerkneipe in Kreuzberg, von Staiger initiiert wurden. Es roch wie nach einem Buttersäureanschlag, Mikrofone waren Mangelware, MCs manchmal auch und trotzdem schockte die Atmosphäre niemanden. Der Flavor, zwischen Jam und Battle, brachte die gesamte Berliner MC-Szene nach und nach auf die Bühne des Bunkers. Hier machten viele ihre ersten Schritte, die heute über die Stadtgrenzen hinaus Rap aus Berlin repräsentieren und manchmal auch die Charts rocken.

Kool Savas, damals noch MOR, und Sido sind die bekanntesten ehemaligen Bunkergänger. Man ahnt es heute kaum noch, doch ihre gemeinsame Wurzel ist der Royal Bunker. Sido lernte hier seinen Partner B-Tight kennen und gründete mit ihm die Crew Royal-TS.

Der Rest blamiert sich

Der Hauptfilm auf der ersten Royal-Bunker-DVD berichtet von diesen Anfängen, die in Interviewparts sowie einigen Filmschnipseln von Auftritten, leider meist in schlechter Qualität, versuchsweise wiederaufleben sollen. Reflektiert wird wäre zuviel gesagt. Die Interviews haben wenig Tiefgang, eben maximal genauso so viel wie der jeweilige Interviewpartner. Marcus Staiger, der sich selbst als linksozialisierter Managertyp in der eigenen Show entlarven läßt, macht dabei, neben Kool Savas und Justus Jonas, noch den besten Schnitt. Der Rest blamiert sich nach besten Kräften.

In den Interviewparts von Savas sowie Staiger blitzt Nachdenken über die eigene Rolle auf. Aus ihren Mündern hört es sich auch schon fast wieder logisch an, daß nachdem Ende der 90 Jahre die Welle von Funny-HipHop Made in Germany das Land von Norden aus überflutete, eine derbe Ansage aus dem dreckigsten, chauvinistischsten und chaotischsten Loch des Landes folgen mußte. Und dies ist bekanntlich nun mal Berlin-West. Keine Frage.

Zurück zur Beweisführung. Rapper Kool Savas beweist den Aufsteigertraum vom Tagesspiegel-Werber und Sozialarbeiter zum Millionär, vom Royal-Bunker zum Popstar. Er ist derjenige, der durch außergewöhnliche Fähigkeiten und besonderen Ehrgeiz am Mikrofon den Aufstieg in die Oberklasse klarmachen konnte. Ähnlich wie Labelchef Staiger war er von seiner Mission überzeugt. Doch der wollte Untergrund. Und wird es auch bleiben. Savas wollte immer beweisen, daß alle MCs in Deutschland scheiße sind. Hat er auch fast geschafft. Und die restliche Bunkerclique? Die macht weiter auf Westberlin – maskulin. Mehr ist nicht drin. Battle ist alles, das muß reichen. Es bleibt eben kein Auge trocken, soll es ja auch gar nicht. Kleine Erfolge feiern sie damit trotzdem.

Als Bonus sind einige davon zu sehen. Neben den drei teuersten Videoclips der Welt von MOR findet sich eine Dokumentation der Kotzen-und-Ablegen-Tour der Crew u. a. zusammen mit dem Berliner Rapper Taktlos. Der Konzertmitschnitt wird komplettiert durch einige skurrile Promoaufnahmen gemeinsam mit Punkern auf dem Alexanderplatz und sonstig verrückten Filmaufnahmen während der Tour. Timing ist alles. Der gesamte Produktionsprozeß der N.L.P., die es auf Anhieb bis in die Top 100 schaffte, wird schon vorher im Hauptfilm dokumentiert. Dabei sind auch die Mitwirkenden wie Rapper Azad aus Frankfurt/Main und die Produzentin Melbeatz zu sehen und hören.

Zur Motivation gefragt, antwortet Fuat von MOR im Hauptfilm: »Wettbewerb? Seit ich denken kann, gibt es Wettbewerb. Schon in der Schule gab es Bundesjugendspiele …« Im Battle sei eben alles erlaubt. Womit die Antwort aus dem Bunker auf die Kritik an ihren sexistischen und homophoben Phrasen schon vorweg bekannt sein dürfte: »Du behauptest, wir seien stumpf, weil du die Lyrics nicht magst.« Oder auch »Deine Crew, das bist du, deine Fische und Oma!« Punkt.

Sozialarbeiter umschulen

Vielleicht macht dieses Modell Berlin ja Schule. Vom armen Schmuddelrapper zum Millionär. Dann werden wohl bald bundesweit Kommunen, in der Hoffnung, damit zumindest Geld zu sparen, einige Sozialarbeiter zu Labelchefs umschulen. Vielleicht klinkt sich auch noch die Agentur für Arbeit ein. Agenturrap statt Aggrorap. Prost Mahlzeit, schlimmer könnte es kaum kommen, höre ich da schon aus der linken Ecke schreien. Doch Vorsicht, es kommt immer schlimmer, als man denkt. Nationalrap à la Dissau Crime oder Fler war auch schneller da, als so manch besoffener Neonazi die Nationalhymne grölen kann.

* V.A.: »Gegen die Kultur« (Royal Bunker)

Montag, 2. Mai 2005

"Der Schornstein stand mir bevor“

Ralf Fischer ist 26, Ernst Bellasch 81. Beide trafen sich im April 2005 auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen. Fischer half, dort als Student die Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZs vorzubereiten. Er interviewte Bellash, der als Zeitzeuge aus Belarus kam. Nur durch Glück hat der Weissrusse seine Leidenszeit in deutschen Lagern überlebt.

Ralf Fischer / Politik Orange


Dichtes Gedränge auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg. Einige hundert Überlebende aus Russland, Frankreich, der Ukraine, Israel, Holland, Polen, Dänemark und anderen Ländern sind zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ durch sowjetische und polnische Soldaten angereist.

Die meisten noch lebenden ehemaligen Häftlinge sind schon 80 bis 90 Jahre alt. Oder noch älter. Doch trotz des Alters beeindruckt ihr Willen, sich dem Ort des Grauens zu stellen. Ernst Bellash aus Belarus, mit seinem Lächeln und seiner charmanten Art des Erzählens, ist einer von ihnen. Statt eines Namens steht eine vierstellige KZ-Nummer auf seinem Schild. Die Nummer ersetzt einen Namen. Kaum fassbar für Menschen, die nach 1945 geboren wurden. Ziffern statt Buchstaben, um Menschen zu unterscheiden, „8268“ statt Ernst Bellash.

Als er im Dezember 1925 in der Sowjetunion geboren wurde, war er der Sohn eines Revolutions- helden. Eines großen Helden, wie er sagt. Sein Vater kämpfte während des Bürgerkriegs auf Seiten der Bolschewiki. Fünf Jahre nach seiner Geburt zog er gemeinsam mit seinem Vater aus der belorussischen Heimat nach Leningrad. Sein Vater studierte an der Akademie, der zwei Jahre ältere Bruder und er kamen in die Schule.

1935 verlor er seinen Vater, sein Vorbild

Ernst Bellash verlor 1935 seinen Vater, sein Vorbild. Während seine beiden anderen Brüder auf das Internat gingen, zog Ernst Bellash zu seiner Großmutter nach Belarus zurück. Mit ihr ging er nach Ostpolen, als dieser Landesteil unter sowjetische Herrschaft kam. Hier war die Großmutter geboren worden. Zwei Jahre lang lebte er im Dorf Loknovic bis die Deutschen 1941 einrückten. Mit 15 Jahren musste er untertauchen und sich verstecken.

1942 wurde er zum Arbeitsdienst herangezogen. Auf einem Gut half er dem Buchhalter beim Auszahlen der Löhne. Seinen Job nutzte er auch, um antifaschistische Zeitungen, Papiere und wichtige Informationen weiterzuleiten. Doch eine Lehrerin verriet ihn an die Polizei. Nur knapp sagte er dazu: „Mein Glück war es, dass die einheimische Polizei mich verhaftete. Sonst wäre ich wahrscheinlich sofort erschossen worden.“

Als Zwangsarbeiter rekrutiert

Aus dem Knast wurde er im März 1943 wieder für den Arbeitsdienst rekrutiert. Die Nazis holten sich junge, kräftige Männer und Frauen als Sklaven per Zug ins Reich. Wieder arbeitete er auf einem Landgut. Diesmal in der Nähe von Greifswald und gemeinsam mit Franzosen und Polen. Im Herbst wurde er nach einem Reitunfall in den Westen des Nazi-Reichs nach Reith bei Krefeld beordert. 

Die Zwangsarbeiter säuberten nach den Bombenangriffen der Alliierten Straßen und schichteten die noch nutzbaren Ziegelsteine aufeinander. In Krefeld schloss er sich einem Antifa-Zirkel an und bereitete gemeinsam mit anderen Gefangenen seinen Ausbruch vor. Nach dem ersten Versuch kehrten sie wieder in die Unterkünfte zurück. Doch beim zweiten waren sie zu viert erfolgreich. Es gelang ihnen, über die Kanalisation die Stadt zu verlassen und bis zur Weichsel zu fliehen.

Der Glaube an den Kommunismus sowie ihre patriotischen Gefühle ließen die jungen Männer diese waghalsige Flucht wagen. Fast wäre sie gelungen. Doch hungrig, müde und schmutzig griff sie Kriminalpolizei an der Weichsel auf. Von dort kamen sie in ein Nazi-Lager. Weil die Verhöre keine Ergebnisse brachten, lieferte man die Flüchtlinge in das Gestapo-Gefängnis in Poznan ein.

Weil auch dort alle vier Männer, trotz Folter, nicht verrieten, dass sie eigentlich entflohene Zwangsarbeiter waren, wurden sie zusammen zur Arbeit auf ein Schloss geschickt. Gefesselt mussten sie wenig später nach Groß Rosen. Dort rasierte man ihnen einen Streifen auf den Kopf. Als Erkennungszeichen. Nach einigen Wochen bekam Bellash ein Augenleiden. Es wurde so schlimm, dass er eine Augenbinde tragen musste und arbeitsunfähig wurde. Das war im Frühling 1944.

Von Sachsenhausen nach Bergen-Belsen

Arbeitsunfähigkeit bedeutete Abtransport. Die Richtung entschied der Lagerleiter. Der „Schornstein stand mir bevor“, sagte Bellash wortkarg zu dieser Situation. Warum es das Konzentrationslager Sachsenhausen wurde, kann er sich auch nicht erklären. Auch nicht, wieso er nach einem Monat weiter musste, nach Rechlin, den Flughafen ausbauen.

Die Qualen waren unbeschreiblich. Als unser Gespräch auf die Zeit nach der Zwangsarbeit in Rechlin kam, in der Bellash im KZ Dora arbeiten musste und später sogar noch in das KZ Bergen-Belsen verschleppt wurde, brach er das Gespräch ab. Die Herzlichkeit mit der er erzählte, bekam einen radikalen Bruch, die ahnen lässt, wie entsetzlich diese Zeit gewesen sein muss. Bellash sagte zum Abschied sehr leise: „Vielleicht erzähle ich es ein anderes Mal. Heute nicht mehr.“

Freitag, 22. April 2005

Das Rudel tollt, damit der Rubel rollt

Modell der Krisenlösung im deutschen HipHop: Die Beginner gehen mit einer DVD an den Start

Ralf Fischer / Junge Welt

Den meisten wird es längst aufgefallen sein: Es kriselt in der Wirtschaft. Der Druck, sich produktiv verwerten zu müssen ist überall spürbar. Den Fließbandarbeiter bei Opel trifft es ähnlich wie den Musiker und sein Label. Schon vor Jahren brachten die Fantastischen Vier das Problem auf den Punkt: »Das Geld, das du nicht hast, kauft sich das, was du nicht willst.«

Die vier Jungs zogen daraus die Konsequenz, soviel wie möglich davon in ihren Besitz zu bringen, damit sich nie wieder jemand etwas kauft, was er nicht braucht. Bei begrenztem Kohlevorrat bleibt einem immer nur die gleiche Frage: In was investieren? Nicht selten zieht Musik bei der Entscheidung den kürzeren. Dies hat zwei plausible Gründe: Eine CD kann man nicht essen, und Musik läßt sich einfach kostenlos als MP3 aus dem Netz ziehen. Davon kann aber nur die Telekom, vielleicht noch Microsoft leben, aber kein freischaffender Künstler. Locker bleiben in der Krise die wenigsten. Weder die Produzenten noch die Konsumenten. Mit der Furcht vor materieller Armut wächst die geistige. Und das in allen Bereichen des Biz, also auch im HipHop. Während Berliner Rapper mit oder ohne Maske Aggressivität und Gewalt zelebrieren, machen in Hamburg einige bekanntere Rapstars lieber auf Deutschquote statt auf dicke Hose. Komischerweise haben beide damit beim Publikum kommerziellen Erfolg.

Ob Party, Fun oder Gangsta, deutscher Rap ist weiterhin ein gutes Geschäft. Um so mehr verwundert es, daß sich gerade die Hamburger Beginner dafür stark machen, daß eine Quote dafür sorgt, daß zur Hälfte deutschsprachige Musik im Radio gespielt wird. Eißfeldt, DJ Mad und Denyo hätten eigentlich kaum Grund zu klagen. Sie sind seit über einem Jahrzehnt erfolgreich unterwegs und haben mit ihrer letzten CD neben vielen Preisen auch die Charts abgeräumt. Dessen ungeachtet, engagierte sich Eißfeldt im vergangenen Jahr in der Öffentlichkeit unermüdlich für die Deutschquote. Allein die Bündnispartner hätten dem singenden Sohn Stammheims die Augen öffnen müssen: Gemeinsam mit der Berliner Band 2Raumwohnung, Heinz Rudolf Kunze und einigen weiteren Volksmusikern warf er sich in die Bresche. Die Beginner, die ehemaligen Sympathisanten der Autonomen, sind in der Mitte Deutschlands angekommen. Sie verteidigen die deutsche Kultur gegen die Überfremdung und musizieren auch mal gemeinsam mit den Protagonisten der Kampagne »Neu Anfangen«, die in Deutschland den Patriotismus fördern will. Mit Mietze zum Beispiel, der Sängerin von MIA, trällerte er im vergangenen Jahr auf dem Album »Rapper’s Delight«, einer Veröffentlichung der Berliner Produzentin Melbeatz. Langsam kommt zusammen, was deutsch denkt und hören will.

Doch wo Schatten ist, war vielleicht auch mal Licht, was die Beginner nun mit einer DVD belegen. Das Hamburger Rudel tollt, damit der Rubel weiter rollt – wenn man will auf dem eigenen Fernseher. Denyo, DJ Mad und Eißfeldt bringen dem geneigten Zuschauer die Geschichte der Band in bewegten Bildern mit viel Sound gemixt näher. DJ Mad – die coolste Sau im TV – der sich, als der Hype um die Band 1999 begann, entschloß nicht mehr öffentlich aufzutreten, da er keinen Bock auf die Nachteile des Startums hatte ...

Nun erzählt er vor der Kamera mit seinen »friends of good taste« von alten Zeiten, der Gegenwart und einer möglichen Zukunft. Auch die Weggefährten der Beginner wie Main Concept, Samy Deluxe, Tropf oder der Altmeister des deutschen HipHop der Heidelberger Torch dürfen auf der DVD ihre sachkundigen Kommentare zum besten geben. Komplett versammelt: Die Fresh Family on DVD. Entstanden ist so, mittels alter Mitschnitte, gesammelter Erinnerung oder privaten Filmaufnahmen, eine Reise durch einen wichtigen Abschnitt in der Geschichte des deutschsprachigen HipHop.

Man bekommt fast alles zu sehen. Vom Anfang, dem Autonomen-Hip Hop gegen Neonazis, noch gemeinsam mit Live-Schlagzeuger und natürlich, legendär, dem vierten absoluten Beginner: PlatinMadin, über die Entstehungsgeschichte von »ill styles«, Touren durch die Jugendzentren des Landes bis hin zu »Flashnizsm«, der enorme Karrieresprung mit »Bambule«. Ob nun Liebeslied oder nicht, bis zum Flash Crash 2000 stürmten die Jungs aus Hamburg die Herzen, Bühnen und Charts des Landes. Dies ist alles auf der DVD zu sehen und zu hören. Der Break folgte ein Jahr später. Die HipHop-Depression 2000 brachte die Beginner nach eigener Aussage darauf, mal abseits der üblichen Pfade eine Krisenlösung zu suchen. Sie verschwanden für zwei Jahre von der Bühne, stattdessen kam der Guerillatownrocker Jan Delay.

2003 setzten die drei Jungs ihren gemeinsamen Siegeszug fort. Auf der DVD wird die Entstehung der letzten Platte »Blast Action Heros« ausführlich kommentiert und dokumentiert sowie mit einigen Mitschnitten von der letzten Tour aufgelockert. Die »Derbste Band der Welt« macht dabei eine gute Figur.

* Beginner: Derbste Band der Welt. DVD. (Buback/Universal)

Dienstag, 12. April 2005

Gegen die Wand

Auf einem Anti-Graffiti-Kongreß diskutierten Ordnungsfanatiker, mit welchen Mitteln ihr Traum von einer sauberen Stadt umzusetzen sei und ließen Taten folgen

Ralf Fischer / Junge Welt

Vor 25 Jahren fing alles völlig harmlos an. Im Westberlin der 80er Jahre tauchten an der kilometerlangen Mauer immer öfter bunte Schriftzüge auf, die manchmal politisch codiert, aber meistens unpolitisch, via Buchstaben und Charakters die unterschiedlichsten Visionen in den öffentlichen Raum katapultierten. Vorbilder für die Kids im Zonenrandgebiet waren Crews aus den Vorstädten der USA, die neben HipHop, Breakdance auch Graffiti weltweit zum Durchbruch verhalfen. Generationen von Jugendlichen fanden seither Gefallen daran, mittels Aufklebern, Markern oder Spraydosen Wände, Gelände, den eigenen Wohnblock, ja die gesamte Stadt in Besitz zu nehmen, um wenigstens von außen die Verhältnisse ein wenig zum Tanzen zu animieren.

Gegner dieser unkonventionellen Aneignung des öffentlichen Raumes gab es seit ihren Anfängen. Doch über den Kreis der üblichen Verdächtigen – Polizei, konservative Politiker und Hausbesitzer – ging die Allianz der Saubermänner selten hinaus. Ihr Ziel: Die Verschärfung der Gesetze. Doch die Rollen waren immer klar zu ihren Ungunsten verteilt. Ein Großteil der politischen Entscheidungsträger setzte auf andere Strategien. Während die organisierte Sozialdemokratie – Gewerkschaften, Sozialarbeiter und sozialdemokratische Partei selbst – immer das Argument der Kunst im Munde führte und für legale Flächen plädierte, waren sich die radikalen Linken sicher, es bei den Sprayercrews mit natürlichen Verbündeten im Kampf gegen die bestehende Ordnung zu tun zu haben. Beides Trugschlüsse mit Langzeitwirkung.

Die Speerspitze

Kulminieren die gut gepflegten Ressentiments, wie rund um den ersten internationalen Anti-Graffiti–Kongress am 7. April in Berlin, dann wundern sich alle beteiligten Seiten einerseits über die merkwürdigen neu entstandenen Bündniskonstellationen sowie die plötzlich zu Tage tretenden unüberbrückbaren Widersprüche zu alten Freunden. In Berlin kam es in den letzten Tagen ganz verrückt: Radikale Linke mobilisierten im Bündnis mit RTL 2 und SPIEGEL TV gegen die selbsternannte internationale »Anti-Graffiti-Bewegung« rund um NoFitti, den Verein zur Rettung des Berliner Stadtbildes, der den Kongreß ausrichtete.

Die organisierte Speerspitze der Bewegung, bestehend aus CDU-Politikern, Unternehmern aus der Reinigungsbranche und anderen Ordnungsfanatikern, konnte auf ihrer Seite den Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), die Senatorin für Justiz des Landes Berlin, Karin Schubert (SPD), und den Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) aufbieten. Selbst der Bundestagsabgeordnete für Friedrichshain-Kreuzberg Hans Christian Ströbele (Bü90/Die Grünen), obwohl Gegner einer Verschärfung der Gesetze, wünschte dem Kongreß per Fax viel Erfolg. Dagegen ließ sich schwer punkten.

Dementsprechend groß die Schmach der Niederlage auf der anderen Seite der Barrikade. Die radikalen Linken blieben mehr oder weniger unter sich. Bei einer Gegendemonstration am vergangenen Donnerstag fehlte das Lager der Sprayer fast vollständig. Die Kongreßinitiatoren luden zu einem Spaziergang durch das Historische Berlin ein, und Aktivisten aus der Graffitiszene riefen zur eigenen Protestkundgebung auf. Sie wollten nicht gemeinsam mit den »Polit-Rowdies« demonstrieren. Auch kein Erfolg. Vor dem Roten Rathaus versammelten sich nur rund 80 Jugendliche und Supporter der Graffiti-Szene. Nachrichtenwert hatte das Mini-Event trotzdem.

Zum Rundgang von NoFitti erschienen dafür rund 100 Personen. Hauptsächlich ältere Männer im besten Anzug und Alter. Ihr Interesse galt zwar auch den Sprayern, doch viel interessanter für sie war die Besichtigung des Holocaust-Mahnmals, wo sie die Stelen mit dem Anti-Graffiti-Schutz made by Degussa bestaunen konnten. Dr. Sabine Giessler von der Degussa AG, Bereich Aerosil & Silane, war denn auch einen Tag später Rednerin vor über 200 Kongreßteilnehmern. Referenten wie Stephan Schwarz, Präsident der Handelskammer Berlin und geschäftsführender Gesellschafter der GRG Dienstleistungsgruppe, oder Dieter Blümmel, seit 1989 geschäftsführender Gesellschafter des Grundeigentum-Verlages Berlin und Vorstandsmitglied der deutschen Fachpresse im Verband der Zeitschriftenverleger (VDZ), paßten da bestens ins Bild und heizten die Stimmung kräftig an.

Nägel mit Köpfen

Insgesamt gelang es den Organisatoren, ihrem altbackenen Image ein neues, etwas moderneres öffentliches Gewand zu verleihen, indem sie teilweise auch vor laufender Kamera zugestanden, daß vereinzelte Graffitis durchaus Kunst seien. Doch bitte nur legale, schoben sie meist hinterher. Ihr Auftreten als Bürgerbewegung täuscht die Öffentlichkeit darüber hinweg, daß es sich bei ihrem Verein einzig um ein paar Hinterbänkler der CDU handelt, die mit Unterstützung einiger Firmen aus der Reinigungsbranche ihrem ordnungspolitischen Traum einer »sauberen und sicheren« Stadt Ausdruck verleihen.

NoFitti schaffte es, die Forderung nach einer Verschärfung der bisher geltenden Gesetze wieder auf die Tagesordnung der Politik zu bringen. Ihre aus der Luft gegriffene Schlußfolgerung, es könne erst dann richtig sozial werden, wenn es so richtig sauber ist, macht dem amerikanischen Vorbild »Zero Tolerance« alle Ehre und darf auch hierzulande mit einer Mehrheit rechnen. Wer einmal angefangen hat, mittels Sprühdosen die Umwelt zu verändern, so der Tenor auf dem Kongreß, der ist auch anfällig für weitere Straftaten, wie zum Beispiel Drogenkonsum oder Beschaffungskriminalität. Stundenlang wurden Statistiken aus skandinavischen Ländern präsentiert, die beweisen sollten, daß die harte Gangart auch schnelle Resultate zeitigt

Und auf der Straße? Dort eskalierte der Krieg in den letzten Tagen. Eine große Koalition der Hardliner möchte mittels BGS-Hubschrauber der »Graffiti-Seuche« (Wolfgang Bosbach, CDU) gleich bundesweit Einhalt gebieten. Schily, ganz Realpolitiker, machte Nägel mit Köpfen: In Berlin flogen prompt Hubschrauber Patrouille. Unerwarteter Weise jedoch hagelte es massive Proteste von Bürgern gegen den lauten Nachteinsatz der fliegenden Überwachungskameras. Selbst in den noblen Randgebieten Berlins war den Einwohnern ihr Schlaf heiliger als unbefleckte Wände.

Sauberer Traum

Die Umsetzung des Traums der Ordnungsfanatiker von einer sauberen Stadt à la 1984 wird nicht nur Widerstand ernten, sondern auch massive »Kollateralschäden« verursachen. Um eine Jugendkultur zu zerstören sind Einschränkungen der persönlichen Freiheiten und viele Sicherheitskräfte erforderlich. Und ob diese Strategie zum Ziel führt, wo doch gerade das Verbotene den Reiz ausmacht, steht in den Sternen. Die Berliner Polizei könnte davon ein Lied singen, wenn sie wollte. Übereifrige Polizisten überfuhren, nur wenige Stunden nach dem Ende des Anti-Graffiti-Kongresses, auf der Jagd nach einem Sprayer, einen völlig unbeteiligten Motorradfahrer in Marzahn. Der 22jährige starb noch am Unfallort. Dem Sprayer gelang die Flucht.

Ende der Story? Noch lange nicht. Der junge Motorradfahrer wird nicht der letzte Tote im Kampf der »Anti-Graffiti-Bewegung« sein. Beide Seiten werden keinen Zentimeter Wand freiwillig aufgeben ... Das steht fest, und damit auch: Graffiti wird auch noch die nächsten 25 Jahre dafür sorgen, daß Berlin als lebendiges Bilderbuch bezeichnet werden kann.

Mittwoch, 6. April 2005

Mob und Elite

Faschismustheorie neue alte Folge: Eine Broschüre macht die »Gefängnisthesen« des fast vergessenen Heinz Langerhans wieder zugänglich

Ralf Fischer / Junge Welt

Als deutsche Truppen im Mai 1940 nach Belgien einmarschierten, wurden Staatsangehörige der Achsenländer zunächst interniert und anschließend nach Südfrankreich deportiert. Unter ihnen war auch Heinz Langerhans, Marxist der sogenannten Korsch-Gruppe, der sich in Belgien vor den Nazis versteckte. Doch er kam schnell in die USA. Vor allem Mitglieder des exilierten Frankfurter Instituts für Sozialforschung und Karl Korsch setzten sich für ein Visum für die USA ein.

1973 erzählte Langerhans in einem Interview von seiner glücklichen Flucht: »Um die scharfen amerikanischen Einwanderungsbestimmungen, wonach kein organisierter Kommunist ins Land gelassen wird, kam ich herum, da ich ein vom Matteotti-Komitee anerkannter politischer Flüchtling war und Fritz Heine mir in Marseille bestätigte, daß ich ein wackerer Sozialdemokrat sei. Die Fahrt nach Amerika verlief auf Umwegen, denn das erste für mich mögliche Schiff ging nach Martinique, der französischen Kolonie im Karibischen Meer. Unsere ›Mannschaft‹ auf diesem Dampfer war ein recht buntes Gemisch. Da war z. B. Victor Serge, die deutsche Dichterin Anna Seghers, André Breton, der mit uns surrealistische Fragespiele veranstaltete; und natürlich Mitglieder der verschiedensten Oppositionsgruppen. Als ich im Mai 1941 endlich in New York ankam, wartete dort durch Vermittlung von Korsch Dr. Felix Weil vom Institut für Sozialforschung, das mir in der ersten Zeit mit einer Art Stipendium weiterhalf.« Bald ging Langerhans nach Boston, wo Korsch lebte, und belegte an der Harvard-Universität einige Kurse, bis er am Gettysburg College eine Professur erhielt.

Einige Jahre zuvor, im Juli 1934, saß Langerhans in einem Zuchthaus der Nazis, da er eine antifaschistische Zeitung produziert hatte. In der Haft verfaßte er auf Zigarettenpapier seine sogenannten »Gefängnisthesen«, die aus dem Zuchthaus geschmuggelt wurden und ihren Adressaten Korsch schließlich Ende 1934 im dänischen Exil erreichten. Im Mai des darauffolgenden Jahres veröffentlichte Langerhans einen Aufsatz mit dem Titel »The Next World Crisis, the Second World War and the World Revolution« in der von Paul Mattick redigierten International Council Correspondence. Wie auch in den »Gefängnisthesen« entwickelte er den Begriff vom »Staatssubjekt Kapital«. Für Langerhans war die von den Nazis behauptete »Volksgemeinschaft« keine Propagandalüge, sondern eine »große soziale Pazifizierungsaktion«. Ein Bündnis von Mob und Elite, das mit allen Mitteln der »politischen Revolution und der Sozialreform die Arbeiterklasse und alle übrigen Schichten weitgehenden Veränderungen« unterwarf und Klassenkampf stillstellte. Die »Zerschlagung aller Klassenorgane der Arbeiter war seine erste Tat«.

Der Aufstieg der NSDAP resultiert für Langerhans nicht aus der Zerfallsperiode der Weimarer Republik. Die faschistische Epoche beginnt für ihn bereits mit dem Ersten Weltkrieg. Die Produktivkräfte waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit dem liberalen System des Konkurrenzkapitalismus kompatibel. Sie drohten schon während des Krieges, »das auf Lohnarbeit und Kapital beruhende Nationalstaatensystem zu zersprengen«. Zwar gelang es in den Nachkriegskrisen, die Produktivkräfte wieder in das Produktionsverhältnis Lohnarbeit-Kapital in den kapitalistischen Rahmen einzufügen, »aber die Kapazität des industriellen Apparats kann auch in der Prosperität nicht voll ausgenutzt werden«. In seinen Thesen prohezeite Langerhans auch den Zweiten Weltkrieg, dessen Beginn er für das Jahr 1940 datierte. Im Interview dreißig Jahre später gibt er zwar zu, mit dieser Einschätzung »Schwein« gehabt zu haben, findet aber hierin seine Theorie über das »Staatssubjekt Kapital« bestätigt.

In der nun vorliegenden Broschüre »Staatssubjekt Kapital« sind neben dem Interview von Michael Buckmiller und Jörg Kammler mit Heinz Langerhans von 1973 die beiden wichtigsten und bisher nur schlecht zugänglichen Texte von Langerhans wiederveröffentlicht: »Die nächste Weltkrise, der zweite Weltkrieg und die Weltrevolution« (1934) sowie »Krieg und Faschismus« von 1929.

Ab 1944 publizierte Langerhans in der antistalinistischen Zeitung Network, die von Ruth Fischer herausgegeben wurde. Die Exvorsitzende der KPD war ebenso wie Langerhans 1926 aus der Partei ausgeschlossen worden. Fischer wegen »ultralinker« Positionen, Langerhans wurde »Korschismus« vorgeworfen.

In der ersten Ausgabe von Network – das Ende des Faschismus ist abzusehen – rief Langerhans die deutschen Emigranten in den USA dazu auf, den Stalinismus als neuen Hauptfeind zu erkennen. Zusammen mit Fischer versuchte er in einer Art Vorgriff auf das Komitee für unamerikanische Umtriebe einige Jahre später, tatsächliche oder vermeintliche Stalinisten und GPU-Agenten zu denunzieren. In dem Interview von 1973 finden sich neben Ausführungen seiner Theorie auch Äußerungen, die an Thesen revisionistischer Historiker erinnern. Der faschistische Terror, führte er beispielsweise aus, habe diejenigen nicht überraschen können, »die im Widerstand gegen die Stalinisierung, wie z. B. die Korsch-Gruppe, alle Methoden schon erfahren und erkannt haben«.

Korsch selbst ging noch zu Kriegszeiten auf Distanz zu Langerhans, während Max Horkheimer vom Institut für Sozialforschung, bei dem Langerhans 1931 promovierte, zumindest Verständnis zeigte: »... sein Geist«, so Horkheimer in einem Brief an Felix Weil, »scheint gestört zu sein. Es ist eine Tatsache, daß die meisten Menschen, die in einem Konzentrationslager festgehalten wurden, die Spuren der Hölle in sich tragen.« Heinz Langerhans starb, eher unbekannt, 1976.

* Heinz Langerhans: Staatssubjekt Kapital – Texte zur Diskussion um Faschismus, Krieg und Krise, Reihe »Materialien zur Aufklärung und Kritik« 1, 50 S., 3 Euro, Broschüre zu bestellen bei shg, PF 110706, 06021 Halle, shg.halle@gmx.de