Dienstag, 11. Januar 2005

Demonstration gegen Antisemitismus

Friedlicher Protest in Berlin-Spandau

Ralf Fischer / hagalil.com

Im eisigen Wind versammeln sich die ersten Demonstranten vor dem S-Bahnhof Spandau. Sie fallen kaum auf im normalen Einkaufsverkehr. Normales Geschäftstreiben an einem Samstag Nachmittag am anderen Ende der Großstadt. Die meisten Demonstranten tragen schwarz, sind sehr jung, aber haben schon viel Zeit damit verbracht auf Deutschlands Straßen zu demonstrieren. Einige ältere Passanten beobachten das Treiben verständnislos. Demonstrationen in Spandau sind etwas ungewohntes, linke anscheint erst recht.
Für die jungen Demonstranten ist es nicht die erste Manifestation per pedes. Wie ihr gegenüber, die Polizei, sind sie schon fast beinahe professionell in ihrem Protest.


Die Polizei ist rund um den S-Bahnhof massiv präsent. Mehrere Mannschaftswagen und der BGS stehen am Bahnhof zum Schutz der Demonstration versammelt. Doch sie werden nicht gebraucht. Bis zum Ende der Demonstration blieb es friedlich.

Insgesamt 150 Menschen folgten am Samstag dem Aufruf eines Bündnisses von antifaschistischer Gruppen aus Berlin und Brandenburg und demonstrierten in Spandau gegen den anwachsenden Antisemitismus in Deutschland. Vor einem Monat, in der Nacht vom 06. zum 07. Dezember, schmierten bisher unbekannte Täter die Straßenschilder der Jüdenstraße in der Spandauer Altstadt mit roter Farbe voll und pinselten ferner die Parole "Die Juden sind unser Unglück" an die Geschäftsstelle der PDS in Spandau. Mit ähnlichen Parolen störten schon am 01. November 2002 mehrere Anwohner die Umbenennung der ehemaligen Kinkelstraße in Jüdenstraße auf der auch der damalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Alexander Brenner, sprach.
Die antisemitischen Farbschmierereien in Spandau waren der Anlaß für die Initiative gegen Antisemitismus Berlin-Brandenburg (IgA-BB) die Demonstration zu organisieren, doch nicht der einzige Grund. Torsten Lange, Sprecher der Initiative, verweist "auf die ständigen antisemitischen Schmierereien und Übergriffe in Berlin, sowie die ständige Diffamierung des Staates Israel in den Medien" als Motiv für die Demonstration. Auch die Transparente die auf der Demonstration mitgeführt wurden, sprachen Tacheles. 'Antisemiten angreifen', 'Solidarität mit Israel' oder 'Gegen jeden Antisemitismus' stand auf ihnen geschrieben.

It’s true, baby

Sozialistischer Realismus mit Studio Braun auf CD

Ralf Fischer / Junge Welt

Kennen Sie Bartmakramee? Das Gurkitier? Nein? Vielleicht das Polizeiboot Norbert? Auch nicht? Dann fehlt Ihnen etwas. Dann könnte man glatt eine Bildungslücke am Fips-Asmussen-Äquator diagnostizieren und als Pädagoge vielleicht schon wieder den PISA-Alarm auslösen. Doch so schlimm ist es nicht, nur halb so wild. Normalzustand in Grauland. Keine Panik, es geht vielen so. Dieses Unwissen wirkt auch nicht sofort tödlich. Ob medizinisches Fachpersonal ausreicht, um dies wieder einzurenken, darf aber bezweifelt werden. Auch im veganen Naturkostladen wird es keine Hilfe geben. Sondern, es klingt empörend, viel eher im Media Markt oder Saturn Ihres Vertrauens. It’s true, baby. Es scheint wie immer die alte Leier zu sein, entscheidend ist nicht, wie teuer etwas ist, sondern wie gut, und vor allem von wem, es ist.

Ein Trio aus Hamburg hat den Dreh jedenfalls heraus. Drei Ochsen an der Tankstelle, »die unkorrumpierbaren Bigstyler« von Studio Braun. Ihre Idee, bizarre bis blöde Leute einfach anzurufen und so in die Wohnstuben und Bürozimmer der Nation zu leuchten bzw. zu horchen, ist keineswegs neu. Doch sie schaffen es immer wieder, einen zum swingen zu bringen.

In Reaktion auf ihre neue CD »Ein Kessel Braunes« kommt selbst die konservative Hamburger Morgenpost nicht umhin, festzustellen, daß die »mysteriöse Backmischung« der Hamburger Jungs mehr als den üblichen Comedy-Pep zu bieten hat. Der Pfad zwischen genial und genial daneben ist schmal. Ein Kessel Braunes verspricht the telefon people mit Höhen und Tiefen. Wer auf Sachsen-Wortspiele steht, weiß Bescheid. Geschenkt. Kurzen Enttäuschungen folgt im nächsten Augenblick langes Lachen. Die Episode »Brudertwist« auf der CD ist die akustische Fortsetzung der eigenen Jugend mit anderen Mitteln. Es ist auch zu hören, was der Auspuffmann gerne mal dazwischenschiebt, warum das Gewissen eines Säufers lieber die Fresse halten sollte und auch, wie der Job eines Gagschreibers zur Hölle wird. Traurig. Und wer das nicht lustig findet, kann sich getrost für die nächsten Jahre im Keller einmauern.

Nach dem Hören der CD ist auch die gewohnte Leichtigkeit beim Telefonieren dahin. Ich zum Beispiel werde beim nächsten Telefongespräch meinen Vermieter davon unterrichten, daß ich ernsthaft die Haltung von mehreren Wildschweinen in meiner Einraumwohnung in Berlin in Erwägung ziehe. Mal sehen, was geht. Mein MD-Player liegt schon am Telefon zur Aufnahme bereit. Es ist ja eigentlich egal, ob Vermieter oder nicht, fast ganz Deutschland ist ein Kessel Braunes.

* Studio Braun: »Ein Kessel Braunes« (Trikont)

Donnerstag, 6. Januar 2005

Führer Paule

Der Musiker und Produzent Paul van Dyk ist für den Grammy 2005 nominiert

Ralf Fischer / Junge Welt

Das bisherige Leben des Musikers und Produzenten Paul van Dyk gestaltete sich wie am Reißbrett. Er wurde ja auch 1971 in Eisenhüttenstadt geboren. Aufgewachsen ist er aber im Ostteil von Berlin. Bekanntlich entstand dort 1989 eine veritable Clubszene mit massenhaft Techno. Als elfjähriger stand van Dyk erstmals hinter den Turntables im Tresor. Mit Cosmic Baby begann er anschließend Platten zu machen. Spätestens 2004 startete er in den USA mit seinem Album »Reflections« völlig durch. Im Februar 2004 wurde er vom BPM Magazin in den Staaten zum beliebtesten DJ des Landes gewählt. Einen Monat später gewann er in drei Kategorien bei den American DanceStar Awards und wurde zum Repräsentanten der Organisation »Rock the vote«. Als erster Deutscher, wie die Presse der BRD nicht aufhört zu betonen.

Und jetzt wurde er für den Grammy 2005 nominiert. Der gesamte BRD-Boulevard war voll nationaler Freude. Einer von uns – van Dyk steht für das gesamte unmusikalische deutsche Kollektiv. Er kann das auch würdigen. Mit dem Song »Wir sind wir« ist er hierzulande, gemeinsam mit Peter Heppner von Wolfsheim, unter die Nationaldichter gegangen. Inspiriert worden sei er durch die ZDF-Dokumentation »Das Wunder von Bern – die wahre Geschichte«, sagt er. Ähnlich wie um 1954 hätten Deutsche in Ost und West das Selbstwertgefühl verloren, da könne nur noch er helfen, meint van Dyk. Mit seiner Musik möchte er Ersatz anbieten. Elektronische Musik mit nationalistischen Texten. Wir sind nun einmal wir.

Entsprechend glaubt die deutsche Presse, daß van Dyk internationalen Medien als »Leader« der DJ-Elite gelte. Nicht vergessen: Führer braucht es immer. Anstatt sich einfach dem Traum vom Tellerwäscher zum Millionär hinzugeben, wird an die nationale Mission erinnert. Als gäbe es zu wenig Marschmusik. Das Reißbrett marschiert.

Sonntag, 12. Dezember 2004

"Ein Abgrund an Aufklärungsverrat"

Über die Befindlichkeiten der deutschen sowie österreichischen Linken, sowie Irrwege bei Bündnis- und Gedenkpolitik in Zeiten der Regression.

 

Ralf Fischer / hagalil.com


Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Autor in Tel Aviv. Er gehört zur Gruppe "Café Critique" und ist unter anderem Herausgeber des im Freiburger ça ira-Verlag erschienenen Sammelbandes "Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus."

R.F.: Sie waren auf der Konferenz "Antisemitismus in der deutschen Linken" der Hans Böckler Stiftung Ende November 2004 in Berlin Referent zum Thema "Nahost-Konflikt und deutsche Linke." Ihre Debatte mit der Berliner Journalistin Elfriede Müller auf der Konferenz war für viele Teilnehmer einer der emotionalen Highlights. Können sie sich erklären wieso das Thema so gefühlsbetont diskutiert wird? Und welche Reflexe sind dabei besonders in der Linken immer wieder zu beobachten?

S.G.: Wenn das Podium mit Elfriede Müller und mir von vielen Teilnehmern als "emotionales Highlight" gesehen wurde, zeigt das nur, daß es auch diesen Teilnehmern nicht um Inhalte und Kritik ging, sondern um Politshow. Für meinen Teil würde ich in Anspruch nehmen, daß ich nicht sonderlich "gefühlsbetont" diskutiert habe, ja daß ich über vieles gar nicht diskutiert habe, da es, wie ich gleich eingangs bei meinem Referat festgestellt hatte, nicht möglich ist, über die Rationalisierung antisemitischen Massenmordes, die sich in dem Dossier "Schuld und Erinnerung" von Elfriede Müller und anderen (1) findet, Argumente auszutauschen. Mir ging es darum, darzustellen, warum man darüber keine wissenschaftliche Debatte führen kann, und aufzuzeigen, wie solch ein aufgeklärt daherkommender Antizionismus funktioniert. Elfriede Müller hat darauf tatsächlich reflexhaft reagiert, indem sie mit den obligatorischen Schlagworten um sich geworfen hat, die für das Ressentiment gegenüber antideutscher Kritik charakteristisch sind: "Projektion", "Identifikation", "NS-Relativierung", "Rassismus" und - besonders dumm und ekelhaft - "deutsche Schuldabwehr".

Diese Schlagworte klingen toll, auch irgendwie kritisch und kommen bei vielen Linken gut an, da sie einem die Mühe ersparen, sich beispielsweise mit der argumentativen Begründung dafür auseinander zu setzen, warum ganz bewußt, jenseits von Provokation und Polemik, in der antideutschen Kritik Begriffe wie "islamistische Nazis" oder "Ummasozialismus" verwendet werden. Letzeres ist übrigens ein Begriff, der meiner Einschätzung nach zur Charakterisierung der djihadistischen Mordbrennerei sowohl in Anlehnung als auch in Abgrenzung zu ihrem nationalsozialistischen Vorbild besonders gut geeignet ist. Die notwendige Diskussion über die richtige Begrifflichkeit in der Auseinandersetzung mit dem Islamismus ist ja keineswegs abgeschlossen. Wie sollte sie auch? Schließlich ist das ein Phänomen, mit dem sich Kommunisten und Linke erst seit einer vergleichsweise kurzen Zeit beschäftigen. Die erwähnten Schlagworte sind aber gerade kein Beitrag zu solch einer Diskussion, sondern zeugen vom Unwillen, eine solche zu führen.

Sie sind viel in Österreich und Deutschland unterwegs. Können sie Unterschiede zwischen der Linken in Deutschland und Österreich ausmachen? Gibt es überhaupt welche?

In Österreich finden viele Entwicklungen mit einiger Verzögerung statt. Auch in der Linken. Was die Kollegen von der Initiative Sozialistisches Forum aus Freiburg bei der deutschen Linken diagnostiziert haben, zeigt sich aber ebenso deutlich bei der österreichischen: ein Abgrund an Aufklärungsverrat. Dieser Verrat, der sich unter anderem darin ausdrückt, daß man viel von Betroffenheit redet, Gesinnungsnachweise veröffentlicht und hochmoralische Bekenntnisse von sich gibt, aber keinen materialistischen Begriff von der Sache entwickelt, die es zu kritisieren gilt, macht sich in letzter Zeit leider auch bei jenen Linken bemerkbar, die man in den letzten Jahren nach endlosen Diskussionen immerhin soweit gebracht hatte, daß sie mit Israelsolidarität irgendetwas anfangen konnten.

Wohin das noch führen wird, läßt sich im Augenblick nicht abschätzen. Ich denke, daß sich in solchen Entwicklungen sowohl in Österreich als auch in Deutschland zeigt, daß es auch in der israelsolidarischen Linken einen noch aus Auseinandersetzungen vom Beginn der neunziger Jahre herrührenden Gramcsianismus und Althusserianismus gibt. Die taugen zum einen gut dazu, entgegen den eigenen Einsichten an einem linken Politizismus und einem positiven Bezug auf die linke Szene festzuhalten; zum anderen dienen sie, insbesondere wenn sie sich unkritisch auf die Diskussionen über kulturalistischen und differentialistischen Rassismus von vor rund fünfzehn Jahren beziehen und dabei so tun, als hätte sich seit dem nichts Wesentliches verändert, zu einer "antirassistisch" daherkommenden Relativierung der Islamismuskritik.

Bei dieser Islamismuskritik wäre es im übrigen auch sinnvoll, wenn bei den Debatten in der Bundesrepublik stärker zur Kenntnis genommen würde, daß sich das Verhältnis von Mehrheitsgesellschaft und Islam nicht in allen Ländern so entwickelt hat wie in Deutschland. In Österreich beispielsweise existiert durchaus ein gesellschaftlich relevanter antiarabischer Rassismus, der sich des Ressentiments gegenüber dem Islam bedient, etwas also, das in Deutschland insbesondere in den Medien mittlerweile in sehr viel geringerem Ausmaß existiert als die meisten Linken behaupten - was aber nicht heißt, daß es so etwas in Deutschland nun überhaupt nicht mehr gibt. In Österreich mit seinem politischen Katholizismus und dem eher antiquiert-rassistischen Anhang der FPÖ ist die Situation diesbezüglich von jener in der BRD jedenfalls zu unterscheiden.

Ich habe den Eindruck, daß die jeweils andere Lage weder in der deutschen noch in der österreichischen Linken reflektiert wird. Zur Kritik des Rassismus, sei es eines rot-grünen, multikulturell-kulturrelativistischen und offen islamfreundlichen, sei es eines traditionalistischen, auf das christliche Abendland pochenden, braucht man allerdings weder den aufgeblasenen Begriffsapparat poststrukturalistischer Theoriebildung, noch neoalthusserianische Rassismusstudien und schon gar nicht eine identitätspolitische Selbstbezüglichkeit, welche die moralische Dignität des eigenen Handelns auf Podien und in Texten permanent zur Schau stellt, sondern man braucht einen aus der Kritik der politischen Ökonomie zu entwickelnden materialistischen Rassismusbegriff - so ziemlich das Gegenteil von political correctness also.

Die Polarisierung zwischen sogenannten Antideutschen und Antiimperialisten wird häufig als triftiger Grund vorgeschoben, weshalb es sich nicht ziemt den weitverbreiteten Antizionismus in der Linken zu thematisieren und kritisieren. Die Einheitsfront gegen den organisierten Neonazismus soll nicht gespalten werden. Die Vertreter dieser Strategie behaupten aus den Fehlern der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts gelernt zu haben. Ist dies die richtige Lehre aus dem Nationalsozialismus? Kritik zurückzustecken, um mehr Menschen zu erreichen?

Wie soll man mit Freunden und Unterstützern des islamistischen und panarabischen Judenmordens gegen Nazis demonstrieren? Das ist mir unbegreiflich. In Österreich, auch dies ein Unterschied zu Deutschland, ist die Antifa recht stark von trotzkistischen Gruppen geprägt, von denen einige ganz offen die Zusammenarbeit mit Hamas oder Hisbollah propagieren und sich mit den baathistischen und islamistischen Killern im Irak solidarisieren. Da kann es keine Gemeinsamkeiten geben.

Auch antideutsche Gruppen arbeiten ja in breiten Bündnissen, z.B. mit zivilgesellschaftlichen Gruppen zusammen. Welche Maßstäbe sind ihrer Meinung nach für eine emanzipatorische Politik in der Bündnisarbeit anzusetzen?

Ich weiß nicht, was "emanzipatorische Politik" ist. Es geht um Kritik. Und bei der gibt es auch in einer Zusammenarbeit keine inhaltlichen Abstriche. Wenn man notwendige Dinge macht, auch mit Menschen zusammen, die einen anderen Begründungszusammenhang für ihre Tätigkeit haben, braucht man das nicht mit so hochtrabenden Etiketten wie "Bündnispolitik" oder "Bündnisarbeit" zu versehen und womöglich im Sinne einer "politischen Strategie" zu theoretisieren. Wenn es möglich ist, mit irgendwelchen Demokratieidealisten, Staatsfetischisten und Ausbeutungsapologeten jemanden daran zu hindern, antisemitische Propaganda zu verbreiten, soll man das natürlich machen. Nur ist das kein Grund, denen ihren Demokratieidealismus und Staatsfetischismus oder ihre Ausbeutungsapologie durchgehen zu lassen.

Aber das sind solche Selbstverständlichkeiten, daß ich immer das Gefühl habe, es geht bei diesen Fragen nach "Bündnissen", "Politik machen", "Strategie und Taktik" um ganz andere Dinge. Es kommt immer darauf an, die materialistische Kritik stark zu machen, also für den Kommunismus zu agitieren, was die Solidarisierung mit Israel impliziert. Letzteres tritt der kommunistischen Kritik ja nicht als Akzidentielles hinzu, sondern ist die zwingende Konsequenz aus der Kritik der politischen Ökonomie. Das zu betonen, ist auch in Debatten über die Gründe für den linken Antisemitismus notwendig. Man kann sich mit manchen Vertretern der sogenannten "Zivilgesellschaft" heute schnell darauf verständigen, daß maßgebliche Teile der Linken üble Israelhasser sind. Die Frage ist aber ja, warum das so ist. Und da gilt es deutlich zu machen, daß der linke Antisemitismus, daß das mal indifferente, mal von Mißtrauen geprägte, mal haßerfüllte Verhalten der Linken gegenüber Israel nicht aus der Radikalität ihrer Gesellschaftskritik resultiert, sondern aus einem Mangel an Radikalität. Der linke Antisemitismus resultiert nicht aus dem Marxschen Denken, sondern aus dem Desinteresse großer Teile der Linken gegenüber der Marxschen Kritik.

Es ist ja schön, wenn ein TAZ-Redakteur wie Philipp Gessler ein Büchlein über Antisemitismus schreibt, und endlich auch den Antisemitismus bei Linken und Migranten thematisiert. Aber solche Leute kommen über reine Empirie natürlich nicht hinaus und verbreiten dementsprechend auch jede Menge Blödsinn. Wenn Gessler beispielsweise auf der Böckler-Tagung Marx' Schrift "Zur Judenfrage" als "antisemitische Hetzschrift" tituliert, sagt das viel über das theoretische Niveau des linksliberalen Journalismus aus, wenig aber über die Gründe für einen linken Antisemitismus. Es ginge ja darum zu erklären, warum der junge Marx sich in einem Text, der sich gerade gegen eine antisemitische Hetzschrift wendet, antisemitischer Sterotypen bedient. Das Instrumentarium für diese Erklärung findet sich aber nicht in der TAZ oder bei irgendwelchen zivilgesellschaftlichen Initiativen, sondern in der entfalteten Marxschen Kritik der politischen Ökonomie.

Aktuell ist zu beobachten, dass das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus mit dem Gedenken an die Täter, weil sie zum Beispiel während der Nachkriegszeit in sowjetischer Gefangenschaft waren oder als Zivilbevölkerung aus den besetzten Gebieten vor den vorrückenden Alliierten flohen, in eins gesetzt wird. Fehlt es hier nur an der entsprechenden Aufklärung oder handelt es sich eher um den altbekannten Geschichtsrevisionismus?

Es handelt sich um die aktuelle Artikulation des postnazistischen Bewußtseins, um deutsche Ideologie auf der Höhe der Zeit, die ein Leugnen der deutschen Verbrechen nicht mehr nötig hat. Der deutsche Opferdiskurs (hier scheint mir dieses poststrukturalistische Unwort ausnahmsweise angebracht) ist nichts anderes als die Vorbereitung neuer Verbrechen mit den Mitteln der Gedenkkultur.

Was erwarten Sie von den im nächsten Jahr anstehenden 60. Jahrestagen der Befreiung vom Nationalsozialismus, den unterschiedlichen Zeremonien im Gedenken an die Opfer der Shoah? Können diese zur Verwirklichung des Diktums Adornos 'das Auschwitz sich nie wieder wiederhole' beitragen?

Soweit es sich dabei um staatspolitische Veranstaltungen in Deutschland handelt, geht es um Antifaschismus zum Wohle des Rechtsnachfolgers des Dritten Reiches, also um die Wiedergutmachung Deutschlands. Dem Adornoschen Imperativ, alles Handeln so einzurichten, daß Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts ähnliches geschehe, kann letztlich nur entsprochen werden, wenn man sich dem Marxschen Imperativ verpflichtet fühlt, alle Verhältnisse umzustürzen.

Solange letzteres keine Aussicht auf Erfolg hat, gilt es, kritische Theorie als entfaltetes Existenzialurteil zu betreiben und an einem materialistisch zu interpretierenden zionistischen kategorischen Imperativ festzuhalten: alles zu tun, um die Möglichkeiten reagierender und präventiver Selbstverteidigung des Staates der Shoahüberlebenden aufrecht zu erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch.


Anmerkungen:

(1) Jungle World Dossier "Schuld und Erinnerung"

Freitag, 19. November 2004

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Ol’ Dirty Bastard ist tot

Ralf Fischer / Junge Welt

Am Samstag verstarb Ol’ Dirty Bastard (O.D.B.), mit bürgerlichem Namen Russell Tyrone Jones in einem New Yorker Musikstudio. Er brach plötzlich zusammen, kurz vorher hatte er über Schmerzen im Brustkorb geklagt. Bei Ankunft des Notarztes war er schon tot – zwei Tage vor seinem 36. Geburtstag. Er hinterläßt 13 Kinder, deren Namen er sich auf die Arme tätowieren ließ.

Nach eigenen Angaben wurde Ol’ Dirty Bastard Mitte der 80er Jahre von Außerirdischen mit einem Ufo nach Brooklyn verfrachtet, um HipHop zu retten. Dies hat er zusammen mit vielen Freunden zumindest zeitweise in den 90ern geschafft. 1991 gründete er gemeinsam mit Robert Diggs aka RZA und Greg Grice aka The Genius den Wu-Tang Clan. Im Laufe der Jahre gesellten sich weitere bekannte Rapper dazu wie Method Man, Raekwon oder Ghosthface Killah. Der Kosmos der Crew drehte sich nicht einfach nur um dicke Beats und fette Reime. Ihre Performance aus asiatischen Styles sowie den dazugehörigen Mythen, unterschiedlichen Weltverschwörungstheorien, Gangstermaskeraden, und einer Menge Drogen machten sie weltberühmt. Wu-Wear wurde zur Trendmarke. Ein Muß für jeden HipHopfan. Die angepeilte Rettung des HipHop stand fast bevor.

Ol’Dirty glaubte, daß er Jesus sei und zwar »Big Baby Jesus«. Man durfte ihn aber auch »Dirt McGirt«, »Dirt Dog« oder »Joe Bananas« nennen. So richtig entscheiden konnte sich O.D.B. nie. Mal hielt er sich für die Wiedergeburt des ägyptischen Totengotts Osiris und dann eher wieder für einen Kämpfer der Shaolin, der das Wu-Tang-Schwert in Kammer 36 erobern möchte. Oder muß?

Viel Phantasie hatte er, Glück eher weniger. Seine Jugend verbrachte er in Brooklyn bei den Jugendgangs der Armen. Für die gibt es nur Musik oder Sport als Weg nach draußen. Der Lieblingssport von O.D.B. war die Vernichtung von Marihuana und noch viel mehr. 2001 wurde er wegen Drogenbesitzes und Flucht aus einer Entziehungsklinik zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seit seiner Entlassung im letzten Jahr mußte er sich regelmäßig einem gerichtlich verordneten Drogentest unterziehen. Zum Zeitpunkt seines Todes soll er drogenfrei gewesen sein. Da bastelte er gerade zusammen mit Macy Gray an einem neuen Soloalbum. Im Sommer hatte er an der Reunion des Clans in Kalifornien teilgenommen. Es ging wieder los, die Mission fest im Blick. Die Rettung von HipHop war wieder möglich. Bis letzten Samstag. Werkimmanent kann man die Hoffnung hegen, daß er bald wieder auftaucht, und von seinem spektakulären Ausflug ins Weltall, gemeinsam mit seinen Freunden, den Außerirdischen, berichtet, bzw. rappt.

Dienstag, 2. November 2004

Was man merkt

Kunst und Kommerz: In Berlin fand am Wochenende »Pictoplasma« statt – die erste internationale Konferenz über Characters in Trickfilm, Comic und anderswo

Ralf Fischer / Junge Welt

Man kann sie sich kaum merken, die Zehntausenden Figuren und Characters in Trickfilm, Comic, Spielzeugland oder Graffitiwelt. In unseren Breitengraden denken wir recht häufig an die drei glorreichen Paare Lolek und Bolek, Asterix und Obelix oder Tim und Struppi. Variante: die Handpuppe Barbie. Bei denen wissen alle Bescheid, denn sie gehören schon lange zum alten Eisen. Die Konkurrenz ist ebenso massiv und so vielfältig.

Character-Design will etwas Spezielles sein, sogar Kunst. Weder richtig Kommerz noch Non-Profit-orientiert. Auch nicht festgelegt auf das Material. Es kann Stoffpuppe, Animation oder nur Aufkleber oder Streetart sein, eben alles oder nichts. Fast jeder kann mitmachen. Selbst einen Character designen und den dann fast völlig frei umsetzen. Die sehen dann so ähnlich aus wie die vom alten Eisen. Nur haben sich die technischen Möglichkeiten in den letzten Jahren komplett geändert.

Character-Design versucht, selbstbewußt zwischen den beiden unversöhnlichen Polen Kunst und Kommerz eine Mittelposition einzunehmen. Das ist dann trotzdem sehr exklusiv. So wurde »Pictoplasma«, die erste internationale Konferenz zum Thema, die am Wochenende in Berlin stattfand, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, der Schweizer Kultustiftung, dem British Council, dem japanischen Kulturinstitut und von Popzeitungen wie Spex, Style und De:BUG. Es kamen bekannte Streetartaktivisten, Kunststudenten, junge Unternehmer, Künstler und Journalisten. Manche wurden gefeiert wie Popstars: Autogramme und persönliche Zeichnungen, anzufertigen in Menschentrauben, lang anhaltender Applaus für ihre Videoanimationen, alles inklusive im Kino International und dem Cafe Moskau schräg gegenüber in Berlin-Mitte.

Dem Publikum sind geschichtliche Anekdoten zu den Event-Gebäuden nicht wichtig. Kein Grund, Tausende Kilometer Flug zurückzulegen. Die meisten sind zwischen 25 und 35 Jahre alt, modisch gekleidet, weltgewandt. Sie verlangen nach Kunst. Die gezeigten Animationen von Künstlerkollektiven, Einzelpersonen und Character-Design-Firmen waren sehr vielfältig. Durchweg gewitzt, mal bombastisch animiert, dann wieder schlichter, aber nicht unbedingt schlechter und immer sehr schnell, von einem zum nächsten, nicht endlos bunt. Am Freitag hielt die Präsentation der Produktionsfirma der virtuellen Band Gorillas aus England das Publikum in Atem.

Am Samstag demonstrierte unter anderem die holländische Crew The London Police ihre großartigen schwarz-weißen Characters, teilweise live gezeichnet. Einer führt ein, die anderen beiden führten eine Show zwischen Variete, Kabarett und Kunst. Staunen und lachen. Mit ein paar schnellen Handbewegungen ist ein Character von London Police auf einen Gegenstand nach Wahl verewigt, die japanische Firma FuFuri braucht dagegen ein Jahr, um einen Character komplett zu designen. Im bunten Mangastil entwerfen sie Characters, um sie später gewinnbringend zu vermarkten. Zum Beispiel das »Girl Power Manifesto«: Alles grell, alles bunt, alles von und für Girls. In Japan gibt es von ihnen gestaltete T-Shirts, Taschen, Puppen, Zahnbürsten, Videospiel usw., die Zukunft soll auch Lizenzprodukte außerhalb Japans bald auf den Markt bringen.

Der Unterschied ist, daß man die Kunstwerke der London Police und der vielen anderen Aktivisten überall in der Stadt nicht umsonst, aber kostenlos betrachten kann.Es gibt Streetartaktivisten, die die Straßen zupflastern und gleichzeitig versuchen, in Galerien zu verkaufen. Wovon soll man leben? Solche Diskussionen wurden kaum geführt. Der Eintrittspreis zu dieser Veranstaltung betrug 100 Euro.