Mittwoch, 12. Oktober 2005

»Ich bin alt und brauche das Geld!«

Jeder soll sagen, was er will: Ein Gespräch mit Denyo (Beginner) über sein neues Soloalbum »The Denyos«

Ralf Fischer / Junge Welt

RF: Auf der letzten Denyo-Platte »Minidsico« gab es die Aufforderung, daß die Hörer sich die Platte brennen sollen.

D: Da war ich jung und brauchte kein Geld.

Das hat sich jetzt geändert?

Jetzt bin ich alt und brauche das Geld! Nein, Quatsch, ich sehe das natürlich jetzt anders. Wenn man etwas cool findet, dann soll man sich das kaufen. Wenn ich zu wenig Platten verkaufe, dann kann ich halt keine neue Platte mehr machen.

Das erste Denyo-Soloalbum »Minidisco« war dann auch 2001 ein kommerzieller Flop. Jetzt kommt »The Denyos«. Welche Entwicklung liegt dazwischen?
 
Wenn man »Minidisco« und »The Denyos« nacheinander hört, bleiben viele Fragen offen. Wenn man aber »Blast Action Heroes«, die letzte Platte der Absoluten Beginner, dazwischen schiebt, versteht man die Angelegenheit besser. Ich bin nun mal Mitglied in einer Band und gleichzeitig ein Solokünstler, dementsprechend kann ich bestimmte Epochen nicht einfach rausschneiden. Mit »The Denyos« habe ich nun etwas ganz anderes vor!

Was soll das sein?

Mich zu etablieren! Ich bin einfach seit vierzehn Jahren Mitglied bei den Beginnern und das ist wunderbar. Aber darüber hinaus sehe ich in mir noch mehr, als nur der Beginner Denyo zu sein. »The Denyos« ist so etwas für mich, wie: »Ich scheiße auf die Beginner, ich bin Denyo und ich komme hier mit meinen Soloscheiß und der ist geil. Damit zeige ich Euch mal was geht.« Das ist aber keine Konkurrenz für die Beginner, denn mit denen kann man nicht konkurrieren. Das versuche ich auch gar nicht erst, weil ich da gnadenlos scheitern würde.

Auf dem letzten Album waren noch viele befreundete Kollegen aus Hamburg vertreten, bei »The Denyos« ist Denyo fast komplett allein am Wirken.
 
Ich sehe mich als Rapper, der nicht mehr unbedingt lokal gebunden ist. Es gibt diese Familie in Hamburg nicht mehr in der alten Form. Sie ist auf jeden Fall kleiner geworden. Ich habe natürlich noch meine Kollegen Dendemann, Illo, Bo und Digger Dance. Die finde ich alle cool, und wenn man sich mal trifft, ist alles entspannt. Aber die Leute, die mir am Herzen liegen, sind ganz wenige und die sind alle auf dem Album vertreten: Tropf, Jan und Mad. Mit den alten Hasen habe ich auch schon zuviel gemacht. Und zu den ganzen neuen Leuten passe ich nicht, denn ich bin zu different.

Und auch politisch enttäuscht von den Schröder-Jahren? In einem Lied von der neuen Platte heißt es: »Schrecklich dieser linke Staat, der einen nervt wie Linkin Park!«
 
Ja, das ist traurig. Es gibt kein Wachstum, was aber gar nichts mit der Innenpolitik zu tun hat, sondern einfach mit äußeren Umständen: Zum Beispiel mit Kriegen, mit den Ölpreisen und mit
George Bush, der im Irak einmarschiert. Mit irgendwelchen Wahnsinnigen, die mit Flugzeugen in Riesengebäude rein fliegen. Dann heißt es immer, die Politik funktioniert zu schlecht. Das Volk ist nun mal dumm, und die Medien sind hetzerisch.


In Berlin hetzten die Medien in den letzten Monaten vor allem gegen Graffiti. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) setzte sogar Hubschrauber zur Jagd auf Sprüher ein.
 
Das ist halt die typische Politik hier, die dem Volk die Schuldigen immer schön einfach präsentiert, à la Ausländer und Graffitisprüher sind an allem Schuld, und wenn die weg sind, ist alles gut. Somit fängt man Wählerstimmen, damit Spießer ihre Tagträume ausleben können. Polizeiaktionen gegen Sprüher gab es allerdings schon früher. Wir haben dann immer Jams veranstaltet, wo wir umsonst gespielt haben. In Berlin sollte das wohl auch möglich sein.

Das Verhältnis zwischen einzelnen Rappern und den Jugendschützern ist auch nicht viel besser. Immer häufiger sorgen Raptexte für moralische Empörungen und Rufe nach dem starken Staat.
 
Hier zeigt sich ein totales Unverständnis. Heute hört ein 13jähriges Mädchen den derbsten Gangstarap, weil seine Mama das bestimmt noch nicht gehört hat. Wir leben in einer Demokratie. Jeder kann sagen, was er will! Es ist ja auch immer die Frage nach der Henne und dem Ei. Wenn es zu wenig Bildung gibt und zu wenig Möglichkeiten, sich auszuleben, dann muß man sich nicht wundern, wenn die Leute sich irgendwann auf die Fresse hauen oder es geil finden, Texte zu hören, in denen sich Leute auf die Fresse hauen.

Apropos Bildung. »Also geht in den Plattenladen und nicht ins Klassenzimmer, habt ihr kleinen Kinder von Tuten und Blasen keinen blassen Schimmer?« hieß es noch auf »Minidisco«. 
 
Ich würde niemanden raten, nicht zur Schule zu gehen. Im Gegenteil, ich habe selber einen jüngeren Bruder, der ist 14, und der schwänzt jetzt auch die Schule. Das geht aber nicht klar so! Aber das weiß man immer erst, wenn man ein bißchen älter ist. Ich wollte kein Album machen, auf dem ich die Leute dazu animiere, Bong zu rauchen, sich gegenseitig zu prügeln und die Schule zu schwänzen. Ich will etwas positives aussagen und zwar ohne den Will-Smith-Faktor! Andererseits muß man das Zitat auch im Ganzen sehen: Ich wollte damit eigentlich ausdrücken, daß es auch außerhalb der Schule Möglichkeiten gibt, etwas zu lernen. Damit meinte ich zum Beispiel das Zeug, das einem Chuck D. vermittelt. Aber den gibt es ja heute nicht mehr, sondern nur noch 50 Cent für die Typen und Ashanti für die Frauen, und da würde ich schon sagen: »Geht lieber in die Schule«.

* Denyo, »The Denyos« (Universal)

Montag, 5. September 2005

Neonaziaktion stieß auf Widerstand

Antifaschisten blockierten rechten Aufmarsch und feierten antirassistisches Fest

Ralf Fischer / Neues Deutschland


Zwei Polizei-Hubschrauber flogen am Sonnabend bedrohlich tief über die Landsberger Allee hinweg, überall standen am S-Bahnhof Polizisten in Kampfmontur bereit. Die Berliner Neonaziszene hatte mobil gemacht. So genannte »Freie Kräfte Berlins« wollten zwei Tage nach dem weltweiten Antikriegstag unter dem Ruf "gegen imperialistische Kriegspolitik" ihre eigene Propagandaschau auf den Straßen Berlins durchsetzen.

Rund 500 Antifaschisten stellten sich unter dem Motto "Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!" in den Weg. Sie folgten dem Aufruf des Bündnisses »Gemeinsam gegen Rechts« und versammelten sich südlich des S-Bahnrings, um den Neonazis ihren Protest entgegen zu halten. Da die Gegendemonstranten die ursprüngliche Nazi-Route besetzt hielten, sah sich die Polizei gezwungen, den fünfstündigen Nazi-Aufmarsch über eine Ersatzstrecke umzuleiten.

Die bis zu 100 Anhänger der braunen Kameradschaften um den landesweit berüchtigten Neonazi Christian Worch aus Hamburg traten in schwarzen Kapuzenpullovern auf, waren äußerlich kaum von den linken Gegendemonstranten zu unterscheiden und trugen auch einige Palästinafahnen und verkehrt herumgedrehte USA-Flaggen. 

Nach Polizeiangaben wurden drei Neonazis wegen eines Angriffs auf Polizisten und ein weiterer Rechter wegen Tragens von Nazisymbolen festgenommen. Ein antifaschistischer Demonstrant wurde wegen der Straßenblockade festgesetzt. Eine weitere antifaschistische Aktion gab es am Bahnhof Schöneweide mit dem Fest für Demokratie und Toleranz, zu dem 1000 Besucher erschienen waren. Der Ort hat sich in der Vergangenheit zu einem Treffpunkt der rechten Szene entwickelt.

Bei einer parallel stattfindenden NPD-Kundgebung wurden nach Polizeiangaben nur bis zu 20 Teilnehmer gezählt. Nach Informationen der Antifaschistischen Linken haben zahlreiche Rechtsextremisten versucht, das antirassistische Straßenfest zu stören. Besucher wurden auf dem Nachhauseweg angegriffen und verletzt. Laut Polizei gab es während des Festes keinerlei Zwischenfälle.

Freitag, 19. August 2005

Grafitti überall

Mit »Backjump« wird Berlin zur temporären Streetart-Kunstzone

Ralf Fischer / Junge Welt

Kunst außerhalb der Museen und Galerien ist für viele Berliner der pure Vandalismus, der mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft werden sollte, zum Beispiel auch BGS-Hubschrauber. Neben Bundesinnenmnister Otto Schily kämpft vorallem Karl Hennig von der Pankower CDU an vorderster Front. Er ist Vorsitzender des Vereins »Nofitti«, der es sich einerseits zur Aufgabe gemacht hat ehrenamtlich Graffitis in der Stadt zu entfernen und andererseits massiv in der öffentlichen Debatte gegen die vitale Jugendsubkultur zu agitieren.

Nun schlägt Hennig mal wieder kräftig Alarm, denn heute beginnt das Festival »Backjumps«. In der Montagsausgabe der Berliner Morgenpost durfte Hennig den Umstand, daß das Festival mit 35000 Euro vom Hauptstadtkulturfonds unterstützt wird, auf Seite eins skandalisieren. Mit der Subventionierung des internationalen Streetartfestivals sieht er »alle politischen Bemühungen, die auf null Toleranz gegenüber Graffiti-Straftaten abzielen« konterkariert. Hennig befürchtet, daß durch das Festival ausgelöst eine Welle von Graffiti durch Berlin rollen würde. Fragt sich, ob der arme Mann überhaupt noch Augen im Kopf hat: Die Graffiti-Welle rollt jeden Tag über Berlin, egal, ob dafür extra ein Festival angesagt ist, oder nicht.

So rollte zum Beispiel im Wortsinn am Montag der japanische Künstler Yukinori Yamamura mit seinem aus Holz gezimmerten Graffiti auf Rädern durch die Berliner Straßen. Direkt im Kiez des Herrn Hennig fing Yamamura damit an, seinen Anhänger mit gesägter Grafitti auf einem Podest durch die Straßen zu ziehen und forderte dabei immer wieder die umstehenden Passanten auf, die Holzkonstruktion mit einer Farbe ihrer Wahl zu besprühen. Unter anderem hatte er die Wörter »West« und »Ost« in japanischen Schriftzeichen zu bieten. Er kam auf diese Idee, nachdem er nach eigenem Bekunden in Berlin soviele Grafitti wie nirgendwo sonst bisher in seinem Leben gesehen hatte. Und so zog er von der Schönhauser Allee über den Mauerpark in Richtung Alexanderplatz, um der Streetart den nötigen Auslauf zu gewähren.Überall sorgte er mit dem Kunstgefährt für helle Freude und viel Aufsehen.

Die Organisatoren des »Backjump«-Festivals haben ebenfalls etwas mit Holz vor. Neben einer zweimonatigen Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien soll auf dem Mariannenplatz eine kleine Stadt aus Holz, die »City of Names«, gebaut werden. Die Grafitti-Künstler AKIM und ZAST wollen mit Kollegen, Anwohnern und Kindern Holzhäuser als dreidimensionale Übertragung ihrer Spray-Kunst errichten.

Desweiteren werden im Kreuzberger Wrangelkiez in Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement die Brandwandfassaden von Künstlern neugestaltet. Ihre Arbeiten sind auch in verschiedenen Galerien zu finden. Doch nicht nur dort – überall in der Stadt werden die kreativen Vandalen versuchen, zuzuschlagen. Man sollte die Augen offen halten und immer schön die temporären Kunstzonen suchen. Getreu dem Motto eines CBS-Pieces am nördlichen Berliner S-Bahnring: »Billig, darauf steht ihr doch«.

www.backjumps.org

Mittwoch, 22. Juni 2005

Kartoffelernte

In die Ecke, Besen, Besen: Erst wollte man bei der SPD eine Deutschquote, jetzt kriegt man Angst vor den üblen Folgen

Ralf Fischer / Junge Welt

Durch die angekündigten Neuwahlen lassen sich die Politiker des Landes derzeit zu äußerst peinlichen PR-Aktionen hinreißen. Die größten Klassenkasper kommen dabei aus den Reihen der Regierung. Hier herrscht Panik vor dem Kassensturz. Statt einfach den Sack zuzumachen und sich in Würde darauf vorzubereiten, für mindestens die nächsten vier Jahre mit einer Rumpfmannschaft auf den Oppositionsbänken im Bundestag abzuhängen, plärren die Regierenden in alle verfügbaren Mikrofone, was niemand wissen will, aber im Wahlkampf vielleicht ein paar Punkte bringt.

Monika Griefahn (SPD) etwa, als Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien gewichtige Befürworterin einer Deutschquote im Radio, macht Theater wegen deutschnationalem Rap, der außerdem pornographisch und gewaltverherrlichend sei, es zugegebenermaßen auch ist. Anfang Juni forderte sie im Focus nicht weniger als ein Verbot der Videos zweier Berliner Rapper, Fler und Sido.

Nicht diese Forderung nach Zensur verblüfft; nur, wer sie vorbringt. Mit einer nationalen Quote im Radio sollte der einheimische Mittelstand des Verwertungsgewerbes gegen die Weltkonzerne SonyBMG, Warner, EMI und Universal mit stetig fließendem Kapital ausgestattet werden. Genau das ist mittlerweile realisiert. Auch ohne Quote. Im übrigen macht, wer die Geschichte als düster und vor allem abgeschlossen darstellt, alles falsch und viel Kohle. Viele distanzieren sich zwar vom Rechtsextremismus, bedienen sich aber faschistischer Ästhetik.

Das Label der beiden Rapper, Aggro Berlin, beantwortete Griefahns Anwürfe nüchtern: »Keiner unserer Künstler oder Mitarbeiter ist rechtsradikal«. Das ist unwahrscheinlich, könnte aber sogar stimmen. Ein grottenschlechter Rapper wie Fler braucht einen marketingstrategisch eingefädelten Skandal, um Tonträger abzusetzen. Deshalb setzt er in seinen Texten auf die nationale Karte, frontet gegen Amirap, das Label wirbt mit deutschnationaler Ästhetik für sein Album. Sowas kommt an, gerade weil es nicht politisch korrekt ist und deswegen skandalisiert wird. Dieser Entwicklung ist mit Polemik nicht beizukommen.

Obwohl Fler, den der Rapper Eko treffsicher Kartoffel taufte, mit Sido das Label gemeinsam hat, gibt es frappante Unterschiede. Hätte sich Griefahn Videos von Sido angeschaut, wüßte sie, daß er im Gegensatz zu Fler bisher nur eine polnische Nationalfahne schwenkte. Hätte sie den Text seines Hits »Mama ist stolz« gelesen, wüßte sie: Das ist schon keine Farce mehr, das ist Parodie.

Nur weil die Vernunft sich endgültig in den Sommerurlaub verabschiedet hat, will ich hier nicht zwei selten bekloppte Rapper gegen berechtigte Kritik verteidigen. Fler ist widerwärtig, schon wegen seiner Frauenfeindlichkeit und Deutschtümelei. Dazu kommt seine beispiellose Unfähigkeit am Mike. Um Sido ist es nicht viel besser bestellt. Doch was sind diese beiden Spinner gegen Berufspolitiker im Überlebenswahlkampf? Der Feind steht eben überall.

Aus den ersten und zweiten Reihen der etablierten Parteien werden in nächster Zeit noch etliche absurde Vorschläge kommen, zumal eine ernst zu nehmende Alternative auf der linkspopulistischen Überholspur aufgetaucht ist. So geht die Mediendemokratie. Eine derbe Mobilisierung von Ressentiments aller Art ist zu erwarten. Wie wäre es z. B. mit einem generellen Tanzverbot zu US-amerikanischer Musik? Das käme der Moral zugute, und mehr ist ja nicht zu heben, außer der Arbeitslosenzahl natürlich.

Samstag, 18. Juni 2005

Fix

Der 20jährige Berliner Sprayer NOUS 1 über das am Freitag vom Bundestag verschärfte Antigraffitigesetz, die Streetart der Latte-macchiato-Modepuppen und seine Kunst

Ralf Fischer / Junge Welt

RF: Sprayer können künftig zu mehrjährigen Haftstrafen verknackt werden, sofern sie das »äußere Erscheinungsbild« einer Sache »nicht nur vorübergehend« und »nicht nur unerheblich« verändern. Mit den Stimmen von SPD, Grünen und Union verabschiedete der Bundestag am Freitag einen entsprechenden Gesetzentwurf. Bislang war die Sachbeschädigung nur strafbar, wenn die Substanz der Sache beschädigt war. Die Neuregelung ist im Frühjahr auf den Weg gebracht worden. Wie hat die Sprayer-Szene sie aufgenommen?

Nous1: Ziemlich locker. Bis auf Denunzianten, die durch die Hetze in den Medien mehr Verantwortungsgefühl zeigen, hat sich nicht viel verändert. Verfolgt wurde man schon vorher.

Pünktlich zum Antigraffitikongreß in Berlin veranlaßte Otto Schily im April den Einsatz von Hubschraubern zur Bekämpfung der Szene. In der Hauptstadt gibt es seitdem eher mehr Graffitis. Haben die Sprayer den Kampf um die Stadt aufgenommen?
Graffiti paßt sich den Umständen an, siehe New York. Die Antwort auf verschärfte Repression und Säuberungen waren dort mehr Throw-Ups. An frisch gestrichenen Wänden oder sanierten Häusern ist selten ein Piece zu finden, einfach weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, daß die Wand gleich wieder gesäubert wird. Dort entstehen weniger aufwendige Sachen wie T-Ups und Tags. Sanierungs- und Säuberungswahn gehören zusammen. Mit der Ausbreitung von teuren Modeläden, die kein Mensch braucht, werden ganze Stadtteile auf Dauer verändert, nicht im kulturellen, sondern im ökonomischen Sinne. Ich hoffe, daß hier keine Ermüdung oder gar Resignation bei den Writern einsetzt. Das sollte im Gegenteil eher Ansporn sein.

Hat die verschärfte Repression persönliche Konsequenzen? Sind Sie vorsichtiger geworden?

Ich versuche, vorsichtiger zu sein, weil ich schon mindestens noch zehn Jahre malen möchte.

Nur vereinzelt tauchen im Stadtbild Schriftzüge auf, die sich inhaltlich auf die verschärfte Repression beziehen. Kann man so gegen die Ordnungsmacht punkten oder macht nur die Masse der Bilder den Erfolg aus?
Politische Äußerungen können zwar neben ein Piece gesetzt werden. Grundsätzlich aber stehen der Name, die Buchstaben und Formen im Vordergrund. Die politische Aussage wird indirekt vermittelt. Man kann das Writing als Spiegel der Gesellschaftsform verstehen: Es ist egoistisch, man benutzt seine Ellenbogen, um als Individuum bekannt zu werden. Gleichzeitig aber ist es mehr als ein Wettkampf in einer Parallelwelt.

Sie sind nun schon viele Jahre illegal unterwegs. Wie würden Sie Ihre Entwicklung beschreiben? Vom Schmierer zum Styler?

Schmieren ist Bestandteil der Entwicklung eines Writers. Es hat den gleichen Wert wie das Malen von Styles, wobei es mir schwer fällt, ein gutes Tag zu machen. Richtig gute Tagger gibt es ja auch nicht viele.

Was benutzen Sie außer Spraydosen und Markern?

Streichfarbe, Bitumen, Kreide und Aufkleber. Manchmal auch Wasserpistolen, Plastikflaschen mit einem Loch vorne drin oder einfach meinen Finger für Staub.

Ihr Style ist sehr auf die Typo fixiert, auf Buchstaben statt Characters.

Characters sind nur Schmuck. Beim Writing geht es um Buchstaben! Figürliche Mittel können diese nur in einem gewissen Rahmen unterstützen.

Machen Sie Streetart oder Kunst?

Ich schreibe nur einen Namen, ästhetisch, schön. Graffiti sollte allgemein als Kunstform anerkannt werden. Punkt.

Ist der Hype um Streetart nur ein PR-Gag gelangweilter Kunststudenten?

Ich war auf ein, zwei Streetart-Ausstellungen. Mindestens 80 Prozent der Leute dort waren Latte-macchiato-Modepuppen. Sowas macht etwas aggressiv. Diese Streetart-Sachen sind mir inzwischen fast egal, auch wenn ich 90 Prozent davon Scheiße finde – sie sind absolut unspannend. Die Leute kopieren zu Hause irgendwelche Sachen aus Zeitschriften, machen 100 Reproduktionen von Figuren, die oft nicht mal selbst gemalt sind.

Man kann sich über diese Arbeiten auch kaum unterhalten. Es gibt keine Regeln der Form wie beim Writing. Da werden einfach kackniedliche Pinguine oder Meerschweine an die Wände geklebt. Ein Piece oder Tag dagegen wird direkt an die Wand gemalt. Wie es aussieht, ist extrem abhängig von der konkreten Situation. Dadurch strahlt es für mich viel mehr Kraft und Intensität aus.


Im Alten Rom wurden Parolen, Theatertermine und vieles mehr wie selbstverständlich an die Wände geschrieben. Leider gelten in unserer Gesellschaft Stahl- und Betonflächen als Eigentum, Straßen als Verkehrswege für Güter und Waren. Jeder geht zur Arbeit und gleich wieder nach Hause, ohne sich auch nur einen Augenblick umzuschauen.


Was würden Sie auf den Vorwurf sagen, daß Sie weiche Standortvorteile förden, mit Ihrer Kunst für gute Laune im beschissenen Alltag sorgen, Lokalpatriotismus stärken und Lohnsklaven produktiver machen?
Das ist ziemlich abwegig, oder?

Könnte es sein, daß Streetart als neue Mode Frauen den Einstieg in die Welt des kreativen Vandalismus erleichtert? Die Dominanz von Männern in der Szene ist erdrückend.
Wäre ganz nett. Ich kenne auch nur zwei bis drei Frauen, die malen.

Bleibt die Straße Ihre Ausstellungsfläche oder möchten Sie auch mal in Galerien?

Ja, schon, aber nicht mit Graffiti. Auf Leinwand oder Foto funktioniert das nicht.

Wie stehen Sie zu legalen Freiflächen?

Es gibt viele geduldete Wände: Fabrikhallen, Hinterhöfe oder Freiflächen. Diese aufzuspüren und zu erkunden kann ich jedem empfehlen. Dort sind die schönsten Pieces versteckt. Richtig legal malen gehe ich eigentlich nur, wenn ich gerade viel Geld habe, sonst sind mir die Dosen zu schade.

Montag, 30. Mai 2005

Geh weg vom Mic!

Aus der Kneipe: Auf DVD dokumentiert das Berliner HipHop-Label Royal Bunker sich selbst

Ralf Fischer / Junge Welt

Jeder wäre gerne ein berühmter Popstar. Via Katapult raus aus der ländlichen Scheiße des elterlichen Reihenhauses in der Kleinstadt am Rande des Wahnsinns, direkt rein in den kurzen Rock der Bourgeoisie mitten in der City. Aus dem Untergrund der Großstädte direkt in die Klingelton-Charts – das ist nicht nur in der Nacht der Traum vieler Teenager. Es ist der Traum des Kapitalismus, eigentlich für das gesamte (erwachsene) Proletariat konzipiert. Niemand, der diesem Traum anhängt, braucht sich oder anderen einzureden, er sei Teil einer unbedeutenden Minderheit. Das ist Selbstbetrug. Doch die Quadratur des Kreises wird trotzdem noch häufig genug versucht. Eine gezielte Verarschung um der Selbstinszenierung willen. Die in diesem Frühjahr veröffentlichte DVD »Gegen die Kultur« des Berliner Musiklabels Royal Bunker wandelt genau auf diesem Pfad.

Kein Traum

Daß der Traum vom Aufstieg in die Oberschicht machnmal kein Traum bleibt, kann man täglich in der Boulevardpresse nachlesen. Geschenkt, hier ist nicht der Boulevard. Hier geht es um Untergrund-Attitüde als Verkaufsargument. So ungefähr läßt sich das Konzept der Royal-Bunker-Crew aus Westberlin, wie sie oft betonen, in vier Worte fassen. Darüber hinaus glänzen die meisten MCs des Labels, vom Bunkerboß Marcus Staiger auch schon mal treffsicher als CDU-Rapper bezeichnet, mit sexistischen und homophoben Verbalinjurien, die lange Zeit kaum woanders in HipHop-Germany zu hören waren. Unabhängig von den übermächtigen Majors macht die Crew um den Bunker seit 1998 ihre eigene Politik. Von einem Hinterzimmer mit Bühne, hin zu einem kleinen Tapelabel arbeitete sich das selbsternannte Untergrundlabel langsam nach oben. Als 2000 die erste CD des Labels, »N.L.P.« von MOR veröffentlicht wurde, stellten sie ihre Strategie erstmals einem breiteren Publikum dar. Anzeigen, auf denen die Bosse der Majors aufgefordert wurden, sich selbst zu ficken, gehören seitdem zur Labelpolitik wie die Ansage auf dem Cover der aktuellen DVD: »Hart! Ehrlich! Konsequent! – Royal Bunker. Geh weg vom Mic – Nutte!«

Dies wirkt wie das übliche sexistische Männergehabe, ganz auf das Männer-Marketing der deutschen HipHop-Szene zugeschnitten. Ist es auch. Hier versammeln sich die Teile des städtischen Proletariats am Mikrofon, die lieber komplett die Schnauze halten sollten. Ganz so, wenn sich Männer abends an den Stammtischen der Eckkneipen versammeln, um dort ihrer reaktionären Ideologieproduktion zu frönen. Einigen aus dem Bunker war diese Beschäftigung wohl zu unmodern und langweilig. Sie rappten lieber in der Kneipe.

Doch es muß mehr als nur Langeweile gewesen sein, als die ersten HipHop-Jams im Royal Bunker, einer stinkenden Kellerkneipe in Kreuzberg, von Staiger initiiert wurden. Es roch wie nach einem Buttersäureanschlag, Mikrofone waren Mangelware, MCs manchmal auch und trotzdem schockte die Atmosphäre niemanden. Der Flavor, zwischen Jam und Battle, brachte die gesamte Berliner MC-Szene nach und nach auf die Bühne des Bunkers. Hier machten viele ihre ersten Schritte, die heute über die Stadtgrenzen hinaus Rap aus Berlin repräsentieren und manchmal auch die Charts rocken.

Kool Savas, damals noch MOR, und Sido sind die bekanntesten ehemaligen Bunkergänger. Man ahnt es heute kaum noch, doch ihre gemeinsame Wurzel ist der Royal Bunker. Sido lernte hier seinen Partner B-Tight kennen und gründete mit ihm die Crew Royal-TS.

Der Rest blamiert sich

Der Hauptfilm auf der ersten Royal-Bunker-DVD berichtet von diesen Anfängen, die in Interviewparts sowie einigen Filmschnipseln von Auftritten, leider meist in schlechter Qualität, versuchsweise wiederaufleben sollen. Reflektiert wird wäre zuviel gesagt. Die Interviews haben wenig Tiefgang, eben maximal genauso so viel wie der jeweilige Interviewpartner. Marcus Staiger, der sich selbst als linksozialisierter Managertyp in der eigenen Show entlarven läßt, macht dabei, neben Kool Savas und Justus Jonas, noch den besten Schnitt. Der Rest blamiert sich nach besten Kräften.

In den Interviewparts von Savas sowie Staiger blitzt Nachdenken über die eigene Rolle auf. Aus ihren Mündern hört es sich auch schon fast wieder logisch an, daß nachdem Ende der 90 Jahre die Welle von Funny-HipHop Made in Germany das Land von Norden aus überflutete, eine derbe Ansage aus dem dreckigsten, chauvinistischsten und chaotischsten Loch des Landes folgen mußte. Und dies ist bekanntlich nun mal Berlin-West. Keine Frage.

Zurück zur Beweisführung. Rapper Kool Savas beweist den Aufsteigertraum vom Tagesspiegel-Werber und Sozialarbeiter zum Millionär, vom Royal-Bunker zum Popstar. Er ist derjenige, der durch außergewöhnliche Fähigkeiten und besonderen Ehrgeiz am Mikrofon den Aufstieg in die Oberklasse klarmachen konnte. Ähnlich wie Labelchef Staiger war er von seiner Mission überzeugt. Doch der wollte Untergrund. Und wird es auch bleiben. Savas wollte immer beweisen, daß alle MCs in Deutschland scheiße sind. Hat er auch fast geschafft. Und die restliche Bunkerclique? Die macht weiter auf Westberlin – maskulin. Mehr ist nicht drin. Battle ist alles, das muß reichen. Es bleibt eben kein Auge trocken, soll es ja auch gar nicht. Kleine Erfolge feiern sie damit trotzdem.

Als Bonus sind einige davon zu sehen. Neben den drei teuersten Videoclips der Welt von MOR findet sich eine Dokumentation der Kotzen-und-Ablegen-Tour der Crew u. a. zusammen mit dem Berliner Rapper Taktlos. Der Konzertmitschnitt wird komplettiert durch einige skurrile Promoaufnahmen gemeinsam mit Punkern auf dem Alexanderplatz und sonstig verrückten Filmaufnahmen während der Tour. Timing ist alles. Der gesamte Produktionsprozeß der N.L.P., die es auf Anhieb bis in die Top 100 schaffte, wird schon vorher im Hauptfilm dokumentiert. Dabei sind auch die Mitwirkenden wie Rapper Azad aus Frankfurt/Main und die Produzentin Melbeatz zu sehen und hören.

Zur Motivation gefragt, antwortet Fuat von MOR im Hauptfilm: »Wettbewerb? Seit ich denken kann, gibt es Wettbewerb. Schon in der Schule gab es Bundesjugendspiele …« Im Battle sei eben alles erlaubt. Womit die Antwort aus dem Bunker auf die Kritik an ihren sexistischen und homophoben Phrasen schon vorweg bekannt sein dürfte: »Du behauptest, wir seien stumpf, weil du die Lyrics nicht magst.« Oder auch »Deine Crew, das bist du, deine Fische und Oma!« Punkt.

Sozialarbeiter umschulen

Vielleicht macht dieses Modell Berlin ja Schule. Vom armen Schmuddelrapper zum Millionär. Dann werden wohl bald bundesweit Kommunen, in der Hoffnung, damit zumindest Geld zu sparen, einige Sozialarbeiter zu Labelchefs umschulen. Vielleicht klinkt sich auch noch die Agentur für Arbeit ein. Agenturrap statt Aggrorap. Prost Mahlzeit, schlimmer könnte es kaum kommen, höre ich da schon aus der linken Ecke schreien. Doch Vorsicht, es kommt immer schlimmer, als man denkt. Nationalrap à la Dissau Crime oder Fler war auch schneller da, als so manch besoffener Neonazi die Nationalhymne grölen kann.

* V.A.: »Gegen die Kultur« (Royal Bunker)

Montag, 2. Mai 2005

"Der Schornstein stand mir bevor“

Ralf Fischer ist 26, Ernst Bellasch 81. Beide trafen sich im April 2005 auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen. Fischer half, dort als Student die Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZs vorzubereiten. Er interviewte Bellash, der als Zeitzeuge aus Belarus kam. Nur durch Glück hat der Weissrusse seine Leidenszeit in deutschen Lagern überlebt.

Ralf Fischer / Politik Orange


Dichtes Gedränge auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg. Einige hundert Überlebende aus Russland, Frankreich, der Ukraine, Israel, Holland, Polen, Dänemark und anderen Ländern sind zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ durch sowjetische und polnische Soldaten angereist.

Die meisten noch lebenden ehemaligen Häftlinge sind schon 80 bis 90 Jahre alt. Oder noch älter. Doch trotz des Alters beeindruckt ihr Willen, sich dem Ort des Grauens zu stellen. Ernst Bellash aus Belarus, mit seinem Lächeln und seiner charmanten Art des Erzählens, ist einer von ihnen. Statt eines Namens steht eine vierstellige KZ-Nummer auf seinem Schild. Die Nummer ersetzt einen Namen. Kaum fassbar für Menschen, die nach 1945 geboren wurden. Ziffern statt Buchstaben, um Menschen zu unterscheiden, „8268“ statt Ernst Bellash.

Als er im Dezember 1925 in der Sowjetunion geboren wurde, war er der Sohn eines Revolutions- helden. Eines großen Helden, wie er sagt. Sein Vater kämpfte während des Bürgerkriegs auf Seiten der Bolschewiki. Fünf Jahre nach seiner Geburt zog er gemeinsam mit seinem Vater aus der belorussischen Heimat nach Leningrad. Sein Vater studierte an der Akademie, der zwei Jahre ältere Bruder und er kamen in die Schule.

1935 verlor er seinen Vater, sein Vorbild

Ernst Bellash verlor 1935 seinen Vater, sein Vorbild. Während seine beiden anderen Brüder auf das Internat gingen, zog Ernst Bellash zu seiner Großmutter nach Belarus zurück. Mit ihr ging er nach Ostpolen, als dieser Landesteil unter sowjetische Herrschaft kam. Hier war die Großmutter geboren worden. Zwei Jahre lang lebte er im Dorf Loknovic bis die Deutschen 1941 einrückten. Mit 15 Jahren musste er untertauchen und sich verstecken.

1942 wurde er zum Arbeitsdienst herangezogen. Auf einem Gut half er dem Buchhalter beim Auszahlen der Löhne. Seinen Job nutzte er auch, um antifaschistische Zeitungen, Papiere und wichtige Informationen weiterzuleiten. Doch eine Lehrerin verriet ihn an die Polizei. Nur knapp sagte er dazu: „Mein Glück war es, dass die einheimische Polizei mich verhaftete. Sonst wäre ich wahrscheinlich sofort erschossen worden.

Als Zwangsarbeiter rekrutiert

Aus dem Knast wurde er im März 1943 wieder für den Arbeitsdienst rekrutiert. Die Nazis holten sich junge, kräftige Männer und Frauen als Sklaven per Zug ins Reich. Wieder arbeitete er auf einem Landgut. Diesmal in der Nähe von Greifswald und gemeinsam mit Franzosen und Polen. Im Herbst wurde er nach einem Reitunfall in den Westen des Nazi-Reichs nach Reith bei Krefeld beordert. 

Die Zwangsarbeiter säuberten nach den Bombenangriffen der Alliierten Straßen und schichteten die noch nutzbaren Ziegelsteine aufeinander. In Krefeld schloss er sich einem Antifa-Zirkel an und bereitete gemeinsam mit anderen Gefangenen seinen Ausbruch vor. Nach dem ersten Versuch kehrten sie wieder in die Unterkünfte zurück. Doch beim zweiten waren sie zu viert erfolgreich. Es gelang ihnen, über die Kanalisation die Stadt zu verlassen und bis zur Weichsel zu fliehen.

Der Glaube an den Kommunismus sowie ihre patriotischen Gefühle ließen die jungen Männer diese waghalsige Flucht wagen. Fast wäre sie gelungen. Doch hungrig, müde und schmutzig griff sie Kriminalpolizei an der Weichsel auf. Von dort kamen sie in ein Nazi-Lager. Weil die Verhöre keine Ergebnisse brachten, lieferte man die Flüchtlinge in das Gestapo-Gefängnis in Poznan ein.

Weil auch dort alle vier Männer, trotz Folter, nicht verrieten, dass sie eigentlich entflohene Zwangsarbeiter waren, wurden sie zusammen zur Arbeit auf ein Schloss geschickt. Gefesselt mussten sie wenig später nach Groß Rosen. Dort rasierte man ihnen einen Streifen auf den Kopf. Als Erkennungszeichen. Nach einigen Wochen bekam Bellash ein Augenleiden. Es wurde so schlimm, dass er eine Augenbinde tragen musste und arbeitsunfähig wurde. Das war im Frühling 1944.

Von Sachsenhausen nach Bergen-Belsen

Arbeitsunfähigkeit bedeutete Abtransport. Die Richtung entschied der Lagerleiter. Der „Schornstein stand mir bevor“, sagte Bellash wortkarg zu dieser Situation. Warum es das Konzentrationslager Sachsenhausen wurde, kann er sich auch nicht erklären. Auch nicht, wieso er nach einem Monat weiter musste, nach Rechlin, den Flughafen ausbauen.

Die Qualen waren unbeschreiblich. Als unser Gespräch auf die Zeit nach der Zwangsarbeit in Rechlin kam, in der Bellash im KZ Dora arbeiten musste und später sogar noch in das KZ Bergen-Belsen verschleppt wurde, brach er das Gespräch ab. Die Herzlichkeit mit der er erzählte, bekam einen radikalen Bruch, die ahnen lässt, wie entsetzlich diese Zeit gewesen sein muss. Bellash sagte zum Abschied sehr leise: „Vielleicht erzähle ich es ein anderes Mal. Heute nicht mehr.