Mittwoch, 17. August 2011

Tiger trifft Ochse

Irgendwie um die Ecke: Ein Bielefelder Exmaoist erzählt vom Alltag aus China

Ralf Fischer / Junge Welt

Christian Y. Schmidt hat in seinem Leben Glück gehabt. Der ehemalige Maoist aus Bielefeld ist im Gegensatz zu vielen seiner früheren Genossen weder für die Nazis im Gefängnis wie Horst Mahler noch wie Bernd Ziesemer in der Chef­etage des Handelsblatts gelandet. Ganz im Gegenteil, der Exredakteur der Satirezeitschrift Titanic lebt seit 2005 in China, dem Heimatland des Maoismus. Von dort berichtet er zweiwöchentlich für die taz über den Alltag in einem Land, das sich gerade aufmacht, die Welt neu zu ordnen.

Auch in China kann man von einem taz-Honorar nicht wirklich überleben, also müssen für Schmidt weitere Veröffentlichungen her, unter anderem Bücher über seine alltäglichen Beobachtungen in China. Dabei fällt er völlig aus dem von hiesigen Medien vorgegebenen Rahmen. Denen ist es egal, ob es sich um Uiguren, Tibeter oder Wanderarbeiter handelt, wichtig ist nur, daß sie gegen die chinesische Regierung rebellieren. Darüber wird dann genüßlich berichtet. Oder es wird über die Wirtschaftsmacht China gestaunt, es geht dann um Lohnstückzahlen, die chinesische Exportquote und nur ganz am Rande etwas über Menschenrechte in Rotchina, wie man früher sagte. Eine solche Form der Berichterstattung macht aus China für deutsche Leser ein surreales Projekt – man hat keine Ahnung, wie man sich diesen Staat vorstellen soll.

Hier helfen die Reportagen, die Schmidt in seinem neuen Buch »Im Jahr des Tigerochsen« versammelt hat. Bei der Lektüre entwickelt man das Gefühl, das einem Chinas Probleme sehr bekannt vorkommen, auch wenn sie für einen Europäer etwas überdimensioniert wirken. »Wir müssen den Fragen des Alltagslebens der Volksmassen eindringlich unsere Aufmerksamkeit widmen, angefangen von den Fragen des Grund und Bodens und Fragen der Arbeit bis zu solchen Fragen wie Brennmaterial, Reis, Speiseöl und Salz«, hatte schon Mao einst in seinem kleinen Büchlein gefordert. Letztlich dreht es sich immer um Politik, im großen wie im kleinen. In einer Anekdote beschreibt Schmidt, wie sich zum Beispiel der werte Herr Seehofer zum Horst machte, als er sich als »China-Asylant« präsentierte. Zugegeben, es ist nur ein Übersetzungsfehler im Internet. Aber was würde man dafür geben, den blöden Bayern bei Maos Erben endzulagern.

Was auf den ersten Blick eher nichtig erscheint, wie zum Beispiel die Geschichten über den wegen Gruppensexpartys verurteilten Professor aus Nanjing oder über das Verhalten der Chinesen am Strand, fügt sich am Ende zu einem Bild von einem Land zusammen, daß eigentlich auch gleich um die Ecke liegen könnte. Auch was all die bekannten Probleme, zum Beispiel die Frage nach Demokratie und Menschenrechten, angeht. »Druckt die Fotos der erschlagenen Han-Chinesen« fordert Schmidt im Zusammenhang mit den uigurischen Unruhen von der deutschen Presse. Während diese von chinesischen Aggressionen in Urumqi fabuliert, erklärt der Autor anhand vieler Beweise den tatsächlichen Ablauf dieses Pogroms an Han-Chinesen. So etwas kann man sonst nur den internationalen Medien entnehmen.

Und überhaupt! Wie war das eigentlich noch damals beim Risorgimento (Vollendung der Einheit Italiens) vor 150 Jahren? Der Vatikan verlor all seine weltliche Macht an den neuen italienischen Staat, aber das Christentum ging damit nicht unter. Die Tibeter sollten sich daran endlich ein Beispiel nehmen und ihre Scharade um Unabhängigkeit beenden.

Christian Y Schmidt: Im Jahr des Tigerochsen – Zwei chinesische Jahre. Verbrecher Verlag, Berlin 2011, 192 Seiten, 13,00 Euro

Dienstag, 26. Juli 2011

Das harmlose Krawallderby

Gerechte Punkteteilung zwischen Hansa Rostock und Dynamo Dresden

Ralf Fischer / Junge Welt

Der zweite Spieltag der zweiten Bundesliga wartete mit dem Duell der beiden Aufsteiger Hansa Rostock und Dynamo Dresden auf. Kein übliches Derby: In der »Chaosliga« mit »erhöhtem Krawallfaktor«, wie es Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, noch so schön ausdrückte, wurde das Spiel als hoch riskant eingestuft. Aber obwohl es auf dem Platz teilweise hart zuging, trennten sich beide Kontrahenten letztendlich friedlich 1:1.

Nachdem beide Mannschaften im ersten Saisonspiel unglückliche Niederlagen einstecken mußten, wollten beide nun die ersten Punkte einfahren. Nach Anpfiff ging es sofort zur Sache. Nur mit einer Spitze angetreten, versuchten die von Trainer Ralf Loose gut eingestellten Dresdner über die rechte Seite viel Druck aufzubauen. Der Flügelflitzer Marcel Heller hatte schon in der 12. Minute die größte Chance auf dem Schlappen. Den jungen Rostocker Torhüter Kevin Müller hatte Heller schon umkurvt, doch Abwehrspieler Michael Wiemann rettete vor der Torlinie.

In dieser Phase ließen sich die Rostocker in die eigene Hälfte zurückdrängen, Dynamo Dresden dominierte das Spiel. Die nächste Chance zur Führung hatte wieder Marcel Heller. In der 25. Minute schoß er erst an den Pfosten, um dann das zurückprallende Leder aus vier Metern am leeren Tor vorbeizuschieben. Diese Szene weckte die Kicker von der Ostsee auf. Der spielfreudige Marek Mintal flankte auf Tobias Jänicke, dessen Kopfball genau in den Armen von Dynamo-Torhüter Dennis Eilhoff landete.

Zum Ende der Halbzeit wurde das Spiel ausgeglichener. Die Dresdner stellten ihre Angriffsbemühungen ein, während Rostock sich langsam in Richtung Dynamo-Tor orientierte, ohne dabei wirklich gefährlich zu werden.

In der Halbzeit wechselte Loose gleich zweimal aus. Trotz dieser Änderungen lief das Spiel nun immer mehr an den Dresdnern vorbei, während Rostock offensiver wurde. In der 53. Minute folgte die logische Konsequenz, das 1:0. Ein filigraner Freistoß von Björn Ziegenbein in die Ecke des Torwarts ließ diesen sehr alt aussehen.

Der übertriebene Jubel danach brachte dem Torschützen eine gelbe Karte ein und den einen oder anderen Spieler von Dynamo Dresden auf die Palme. Mit viel Wut im Bauch kämpfte sich Dynamo zurück ins Spiel. Die Zweikämpfe wurden aggressiver, dennoch blieben die Chancen aus, da die Fehlpaßquote zu hoch war. Als der Ball zufällig bei Pavel Fort, Dresdens einzigem Stürmer, landete, zog dieser aus guter Position sofort aufs Tor ab. Der Versuch von Innenverteidiger Wiemann zu klären, ist äußerst unglücklich. Wie beim Billard springt der Ball an das Bein des Torhüters und von da ins Netz.

Nun ist Stimmung in der Bude. Jeder Seite bieten sich Möglichkeiten zur Entscheidung. Der eingewechselte Marcel Schied scheitert gleich zweimal, auf der Gegenseite hält Müller einen Knaller vom Youngster Marvin Knoll. Ein Schuß von Romain Bregerie in der Nachspielzeit geht dann noch knapp vorbei.

Am Ende können beide Mannschaften froh über den ersten Punkt sein. Am kommenden Wochenende steht die 1. Runde im DFB-Pokal an, Unentschieden kann es da nicht geben.

Montag, 27. Juni 2011

Kommandos im Zirkuszelt

Den »Urlaub fürs Gehirn« können sich KIZ nicht leisten

Ralf Fischer / Junge Welt

Der Patient war eigentlich schon längst klinisch tot, als vor sechs Jahren völlig unverhofft die Kannibalen in Zivil (KIZ) aus dem Royalbunker auftauchten. Deutschrap taumelte damals autistisch zwischen den Extremen hin und her: Entweder wurden alle Mütter, außer die eigene, gefickt oder man mobilisierte die Gymnasiasten, sich endlich hip zu fühlen und sich gleichzeitig für die deutsche Fußballnationalmannschaft zu begeistern. Dann veränderte die KIZ-Offensive die bundesdeutsche Rapkultur grundlegend – zum Positiven. Es durfte wieder gelacht werden. War es bis dato den Ghetto- und Gymnasiastenrappern vorbehalten, die eigene Klientel in ihrem ureigenen Wahn zu bestätigen, kamen nun erstaunlich selbstkritische und ironische Texte und Töne aus Westberlin.

Seit einigen Tagen liegt nun die neue Platte »Urlaubs fürs Gehirn« von Nico, Tarek, Maxim und DJ Craft vor. Die Marketingabteilung von KIZ preist das Werk als einen klugen Kommentar in einer völlig verrückten Welt. Das mit der Welt stimmt schon, aber…

Auf ihrem ersten Album »Das Rapdeutschland Kettensägenmassaker« sowie dem nachfolgenden Mixtape »Böhse Enkelz« schafften KIZ das Kunststück, mit verbalen Tiefschlägen den Durchschnitts-HipHop als sexistisch-entfremdete Angelegenheit zu verarzten und gleichzeitig künstlerisch-poetisch voll auf der Höhe der Zeit zu sein – zwischen Trash und genialem Witz. Doch der Vorrat an diesen musikalischen und inhaltlichen Schmuckstücken ist nun wohl aufgebraucht. Auf dem aktuellen Album verstecken sich die wenigen Perlen zwischen einem Wust aus Schwanzlängenvergleichen, Abschlachtfantasien und Verbalinjurien. Der Unterschied zu Bushido schwindet jedenfalls zunehmend.

Es ist zu offensichtlich, daß es bei all den Punchlines unter der Gürtellinie um Provokation geht. Was natürlich schwer geworden ist, in Zeiten, in denen jeder analfixierte Rapper Anschläge ankündigt wie die Taliban in Afghanistan. Derartige Vorlagen von den Rapkollegen ironisch zu brechen, das wäre eine Aufgabe für einen dringend zu kreierenden HipHop-Homunculus.

Auf diese Strafarbeit haben KIZ verzichtet. Statt dessen wurde in Marketing gemacht. Die Kandidatur von Maxim und Nico zur nächsten Wahl in Kreuzberg-Friedrichshain für »Die Partei« ist dabei ein ebenso gelungener Gag wie der Promostunt, eine stark veränderte Version des Albums einige Tage vor der eigentlichen Veröffentlichung kostenlos zum Filesharing feilzubieten. Beats die nach MusicMaker2000 klingen, Verse von den Fantastischen Vier rezitieren und Skits, die an die frühen Mixtapes erinnern, daß sind unbestritten alles gute Ideen, retten aber die eigentliche Platte nicht.

Die besten Einfälle wurden eben nicht in die Reime oder Beats, sondern in die Marketingaktionen gesteckt. Auch wenn aktuell Thilo Sarrazin verarscht wird (»Doitschland schafft sich ab«), geht es insgesamt um die schwer erkiffte, große künstlerische Langsamkeit, wie in dem Lied »Koksen ist scheiße« postuliert. KIZ haben sich die Latte dermaßen hoch gelegt, daß sie es jetzt nur noch selten schaffen, drüber zu springen. Gleichzeitig ersetzt eine krasse Selbstdarstellung die Selbstironie, und so landet man in einem Zirkus, in dem ständig Kommandos gebrüllt werden. Die Refrains sind zum Mitgrölen wie auf Ballermannpartys konzipiert, das kennt man sonst auch von den Atzen.

Doch ab einem gewissen Pegel verschwimmt die Erinnerung an die alten Lieder und der Beat treibt einen zum wilden Herumhampeln. Ein Konzertbesuch wird sich also bestimmt lohnen. Aber was soll man machen, KIZ hatte das eigenen Scheitern schon von Anfang eingeplant. »Hier kann man nicht kiffen wie in Amerika!«


KIZ: »Urlaub fürs Gehirn« (Vertigo)

Donnerstag, 23. Juni 2011

Abstieg in Berlin-Liga

Bye, bye Tennis Borussia

Ralf Fischer / Junge Welt

Am Ende war es ein Eigentor, das den Abstieg von Tennis Borussia Berlin aus der Oberliga besiegelte. Wie so oft in der Geschichte von TeBe waren die Probleme hausgemacht, erstmals in der 109jährigen Geschichte muß der Verein nun in der Berlin-Liga den Rasen beackern. Der Absturz aus der vierten in die sechste Liga innerhalb von zwei Spielzeiten ist der Tiefpunkt einer über zehnjährigen Pannenserie. Ein Dramatiker hätte diesen Punkt kaum besser setzen können.

Von der Hoffnung beseelt, es doch noch irgendwie zu schaffen, strömten am Pfingstsonntag knapp über 1000 zahlende Zuschauer ins Stadion im Jahn-Sportpark. Das Erreichen der Relegation war ein Wunder, das sich in der Stadt herumgesprochen hatte. Als Abstiegskandidat Nummer eins in die Saison gestartet, war es den Charlottenburgern im Verlauf gelungen, die Füchse aus Reinickendorf und den Ludwigsfelder FC hinter sich zu lassen. Doch dann kam es zur verflixten 99. Minute in der Verlängerung und dem Eigentor von Mateusz Trachimowicz. Die TeBe-Führung von Beyazit Taflan aus der 69. Minute war futsch/egalisiert. Der Traum, den Abstieg zu verhindern, war ausgeträumt, da der Gegner Borea Dresden im Relegationshinspiel mit 1:0 als Sieger vom Platz gegangen war. Am Ende gewannen die Sachsen auch noch das Rückspiel mit 2:1.

Helden treten normalerweise mit einem lauten Knall ab, TeBe hat sich beinahe geräuschlos über Jahre hinweg selbst demontiert. Meistens blieben nur die Skandale in Erinnerung. Ende der 90er Jahre stieg man noch in die zweite Liga auf und schlug den verhaßten Lokalrivalen Hertha BSC im DFB-Pokal, von da an ging es nur noch bergab. 2000 erhielten die Charlottenburger wegen Hauptsponsor Göttinger Gruppe keine Lizenz für den Profifußball, 2001 stiegen sie als Tabellenletzter aus der Regionalliga ab, dümpelten in der Oberliga Nordost herum, lebten nun gänzlich vom alten Mythos.

Ein letzter Versuch, semiprofessionellen Fußball anzubieten, scheiterte vor zwei Jahren phänomenal.

Freitag, 10. Juni 2011

Und David war ein Dresdner

Besonderer Schwung: Ein Rückblick auf die Saison der Dynamofans

Ralf Fischer / Junge Welt

Die Fans der SG Dynamo Dresden sind ein verdammt komisches Völkchen. Jede noch so kurze Niederlagenserie läßt sie völlig verzweifeln und die Vereinsführung verteufeln, zwei Siege hintereinander, und die Verrückten aus dem Elbflorenz träumen vom Europapokal. Das war auch in der vergangenen Saison nicht anders.

Daß man für seinen Verein lebt, ist bei Dynamo keine Floskel. Man starb mit dem Verein, als er aus der ersten in die dritte, dann sogar in die vierte Liga abstieg. Von Leben konnte Ende der 90er Jahre kaum noch die Rede sein.

Die Saison 2010/11 fing wie alle in den letzten Jahren an. Nach vier Punkten aus vier Spielen stand Dynamo in der dritten Liga auf Tabellenplatz elf. Auch die Stimmung war im Keller. Doch dann verstärkte Trainer Matthias Mauksch die »Gurkentruppe« mit zwei Himmelsstürmern, Christian Fiél und Alexander Esswein. Beide hatten Erstligaerfahrung. Beim Anhang keimten Aufstiegshoffnungen. Hätte, wäre, könnte – das sind seit beinahe zwei Jahrzehnten seine Lieblingswörter. Denn ein achtmaliger DDR-Meister gehört freilich in die höchste Spielklasse.

Diese Anspruchshaltung ließ den Verein oft genug auf die falschen Pferde setzen. Nach exzessiver Mißwirtschaft steht er notorisch vor der Insolvenz. Das ändert nichts an den Ansprüchen, im Gegenteil: Je schlechter es dem Verein geht, um so höher fliegen die Träume. Und, oh Wunder, in der Hinrunde wurden sie sportlich nicht enttäuscht. Dynamo spielte, wenn auch etwas abgeschlagen, noch um den Aufstieg mit. Die Stimmung war entsprechend gut, nur bei Maik Wagefeld und seinen zahlreichen Anhängern nicht. Nachdem der Mittefeldmotor und ehemalige Kapitän sich unverhofft in der zweiten Mannschaft wiederfand, kam das Gerücht auf, er hätte mit der Frau des Trainers ein Verhältnis.

Als Mauksch dann noch den dritten Himmelsstürmer, Dani Schahin, präsentierte, waren die meisten Fans im Geiste schon aufgestiegen. Es kam zunächst ganz anders. Schahin mußte mit einem Muskelbündelriß sechs Wochen pausieren und Mauksch nach einer Niederlagenserie seinen Hut nehmen, aus dem er Schahin gerade erst gezaubert hatte. Die Fans verstanden die Welt nicht mehr. Mauksch war zwar nicht besonders beliebt, aber er galt als harter Hund und hatte erstklassige Spieler an die Elbe geholt. Sein Nachfolger war keineswegs zu beneiden.

Die Geschäftsführung um Volker Oppitz stellte der verblüfften Öffentlichkeit den bis dahin kaum bekannten Ralf Loose als 25. Dynamo-Trainer seit der Wende vor und war fortan mit der Besänftigung von Fanprotesten beschäftigt. »Niete oder Volltreffer als neuer Trainer«, titelte Bild. Loose schaffte das Wunder von der Elbe. Er stellte den jungen Heißsporn Benjamin Kirsten zwischen die Pfosten, stärkte der Mannschaft psychologisch den Rücken, und am Ende landete man überraschend noch auf dem Relegationsplatz.

Was dann geschah, ist Geschichte. Großväter werden ihren Enkeln wohl noch in Jahrzehnten davon berichten, wie der blöde, arrogante Goliath endlich mal wieder vom grundsympathischen David besiegt wurde. Und diesmal war David sogar ein Dresdner. Der Freude hielt auch das Stadion des VfL Osnabrück nicht stand.

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt – zwischen diesen Extremen wird der Dynamofan weiter pendeln. Mußte er Anfang des Jahres noch fürchten, schon bald von sächsischen Lokalrivalen überrundet zu werden, ist er nun in der ersten ostdeutschen Liga. Wen interessiert es da schon, daß in dieser Liga auch ein paar schnöde Westvereine mitspielen dürfen und sie offiziell als zweite Liga daherkommt …

Samstag, 7. Mai 2011

»Obama Drivebye«

Wie Rapper auf den Tod bin Ladens reagierten

Ralf Fischer / Junge Welt

Nach dem Tod von Osama bin Laden ist der Scherbenhaufen riesig. Nicht nur in Pakistan. Nicht nur militärisch. Al-Qaida muß viel mehr als einen neuen Amir finden. Die Stilikone des Dschihad, der erste islamische Popstar des 21.Jahrhunderts, muß ersetzt werden. Wer kauft auf afghanischen Märkten schon T-Shirts mit dem Konterfei von Aiman Az-Zawahiri?

Die Leerstelle wird nur schwer wieder zu füllen sein. Dieses Gefühl beschleicht auch den einen oder anderen Rapstar, hier wie in den USA. Überall gibt es komischste Kommentare und Tweets zum Thema. Während sich der Berliner Rapper Fler mit »Osama RIP« kurz faßte, brachten andere ihren ganzen Frust über die Verfaßtheit der Welt in zwei Zeilen unter. »Müßte die gesamte US-Regierung jetzt nicht auch getötet werden, damit man von Gerechtigkeit auf ganzer Linie sprechen kann?«, schrieb Kool Savas (»Euer bester Freund«). Savas’ ehemals bester Freund, Eko Fresh (Foto), zeigte sich dagegen nach langer Abstinenz mal wieder von seiner kreativeren Seite: »Obama Drivebye«.

In den USA ist die Freude groß, nicht nur bei Schauspieler und Rapper LL CoolJ (»Schachmatt!«). Snoop Dog, Rapstar des Jahrhunderts, gedachte in einem Tweet der Opfer von 9/11 und forderte, die amerikanischen Soldaten endlich zurück nach Hause zu holen. Sein Statement endete: »Senkt die Benzinpreise und laßt uns glücklich weiterleben«. Das sieht Skillz genauso: »Obama, du hast (Donald) Trump und bin Laden in einer Nacht gekillt. Mann, du wirst eine gute Woche haben, Bruder. Jetzt kümmer’ dich um die Benzinpreise, damit die uns nicht umbringen!«

Einer der wenigen Stars, die dem Mainstream widersprechen, ist Chuck D von Public Enemy: »Die USA sind wieder mal die Besten. Gewinner der Tötungsmeisterschaften und Gold in der Mord-Olympiade. Und die Massen spielen verrückt.« Er wünscht sich, daß ein UFO auf der Erde landet und Aliens uns Vernunft beibringen oder vernichten. The Game bringt seine Solidarität etwas anders auf den Punkt: »Bin Laden ist weg … Der Nigger ist tot!«

Vom Tod des »Niggers« sind viele deutsche Rapper nicht restlos überzeugt. Sido, dessen Seelenfrieden daran hängt, ob ein »Araber das Weiße Haus niederbrennt«, twitterte: »Das war nicht Osama!!! Alles Topstory!!!« Sein ehemaliger Labelkollege Bushido allerdings hat eine Begründung für den Zeitpunkt des Todes parat: »Bin Laden tot? Ich denke, Amerika muß seinen gescheiterten Haushalt überspielen und macht wieder mal nur Stimmung!« Wie es sich für eine Predigt gehört, steht am Ende ein Glaubensbekenntnis: »Glaube denen kein Wort!!!«

Nicht alle Rapper nehmen sich und das Ereignis so ernst. Prinz Pi fragte schnodderig: »Osama bin Laden tot? Dem sein letztes großes Album war aber auch schon ’ne Weile her, oder?« Massiv, Ghettorapper aus Pirmasens, empfahl sich etwas holprig und spät als Fluchthelfer. »Osama, hättest du auf mich gehört und hättest dich in Wedding weiter aufgehalten.« Dort schlägt bekanntlich höchstens der Mond auf, aber keine amerikanische Spezialeinheit.

Montag, 15. März 2010

Des Kaisers alte Kleider?

Ein Berliner Rapper erfreut sich großer Beliebtheit, bei extremen Rechten. Zu recht. Seinem Antisemitismus und seiner Homophobie lässt er öffentlich freien Lauf.

Ralf Fischer / Mut gegen rechte Gewalt

Franzose, Schwarz und Judenkritisch? Sachen gibt es, die gibt es gar nicht!!!“ erfreut sich ein überraschter Leser des einschlägig bekannten rechtsextremen Internetportals Altermedia. Kurz zuvor sekundiert ihm im häufig genutzten Kommentarbereich ein anderer Nutzer: „Manche Rapper haben doch mehr Hirn als so mancher glatzigen Rechtsrocker“. Den grammatikalischen Fehler korrigiert er gleich im nächsten Beitrag. Der logische Fehler, dass die antisemitischen Ausfälle des Berliner Rappers Kaisa, auf die sich sein Kommentar bezieht, mit geistigen Kapazitäten nun wahrlich nichts zu tun haben, fällt ihm natürlich nicht weiter auf.

Was ist los auf rap.de?

Doch was war passiert? Ein Berliner Rapper bot bisher eher selten den Anlass für soviel Freude innerhalb der rechten Szene. Was macht Kaisa, bürgerlich Jacques Linon, so attraktiv für die braunen Kameraden? Die Antwort ist genauso verblüffend wie einfach: Jacques Linon, der sich zuweilen als Führer in seinen Songs und Videos feiern lässt, hat in einem Interview mit Marcus Staiger von rap.de auf die Frage was er denn für Klartext hält, sich über Denkverbote in Deutschland, Eva Hermann und Schwulenghettos in Berlin ausgelassen. Als Hauptproblem will er den Umstand, „dass viel zu viel Aufwand betrieben wird, dass dieses Gedankengut im Kopf behalten wird, was Hitler damals schlimmes gemacht hat“ während gleichzeitig „viel zu wenig Aufwand betrieben, um den Fokus darauf zu richten, wer heute denn die KZs betreibt“ für sich erkannt haben.

Relativierung des Holocausts und Homophobie

Auch sein Wahn, ein richtiger heterosexueller Mann sein zu wollen, darf sich Bahnen brechen. Seine Behauptung, dass „Schwule … mittlerweile richtig gepusht“ werden und es sogar „schon richtige Schwulenghettos … in Schöneberg“ gibt, wechseln sich gegenseitig ab mit den üblichen Verschwörungstheorien zu den Anschlägen vom 11. September 2001, Angriffen auf das Existenzrecht Israels und der Verharmlosung des Holocaust.

So stolpert er denn auch, von einer Lüge zu nächsten: „… ich krieg auch jeden Tag in Dokus mit, dass das und das am elften September passiert ist und dann stellt sich raus, das ist ne Riesenlüge. Warum sollte ich denn jetzt glauben, dass das wirklich sechs Millionen Juden waren? Nur weil’s meine Lehrerin gesagt hat?“ Der Interviewer scheint sich ebenfalls etwas unsicher zu sein und fragt deshalb den Kaisa, was den der Unterschied sei, „selbst wenn es nur zwei Millionen Menschen gewesen wären“. Darauf antwortet der selbst ernannte „Durchblicker“ mit einem äußerst gewagten Gleichnis: „Wenn einer bei mir einbricht und 1.000 Euro klaut, geh ich los und sag "Ey, das waren 10.000 Euro“. Da spielt dann nicht die Rolle, dass mir Gerechtigkeit wieder fährt sondern, dass ich dann auch noch Profit daraus ziehe aus der Geschichte, die da passiert ist“. Am Ende geht es doch immer um den Mammon.

Auf die Frage ob Kaisa einer Lobby unterstellen würde, das Leid der 6 Millionen ermordeten Juden, als Vorwand zu nehmen, um Israel zu rechtfertigen, folgt mal wieder eine jener Antworten mit Ausrufezeichen. „Auf jeden Fall!“ Und damit ihn auch ja niemand missversteht, folgt eine Präzisierung: „Aber nicht nur dafür, sondern auch um das Plattmachen von Siedlungen und ihrer Bewohner zu rechtfertigen. Um alles zu rechtfertigen. Um alles zu rechtfertigen, was diese Kultur und diese Rasse so umgibt“.

Untiefen des Hip Hop

Normalerweise, wäre jetzt der richtige Augenblick für einen Journalisten zu gehen. Oder wahlweise die Polizei zu rufen. Marcus Staiger hält dies nicht für nötig. Stattdessen versucht er mit einer Art nachholendem Appeasment. Er erzählt von unrechtmäßig angeeignetem Land und stellt damit das Existenzrecht Israels von sich aus freiwillig zur Debatte. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Staiger offenbart, dass er bisher in Israel sehr unterschiedliche Rassen, wie Russen und Afrikaner antraf. Während Kaisa beinahe ungestört einen wilden Ritt durch die wildesten Verschwörungstheorien mit antisemitischen Stereotypen aus der NS-Zeit verbunden antreten kann. Es wird munter über Semiten, Hebräer und andere Stämme diskutiert. Kaisa darf noch einmal betonen, dass „die Juden … für mich eine Rasse“ sind. Und das sei ja alles auch gar nicht so schlimm. Am Beispiel von Vorzeigeleuten wie Michel Friedman beklagt er sich über die mangelnde Dankbarkeit für das Leben.

Und schlussendlich gibt er den auf Guantanamo stationierten amerikanische Soldaten, „die auch Juden sind“, den Tipp endlich einmal aufzustehen um bei sich im Volk etwas zu bewirken. Ein rechter Kommentator auf Altermedia fasste es kurz und prägnant zusammen: „Das nenne ich Revisionismus auf Hip Hop-Niveau. Ich muss meine Haltung zu Rappern wohl mal überdenken“.

Strafrechtliche Relevanz?

Es ist wahrlich kaum verwunderlich, dass solche Aussagen auf Applaus von rechts stoßen. Was dagegen wirklich Verwunderung hervorruft ist die Tatsache, dass solch ein Interview bisher keinerlei Reaktion von Seiten der Polizei oder der Justiz ausgelöst hat. Auf Altermedia wundern sich selbst die braunen Schergen: „Man stelle sich vor, ein Deutscher hätte das gesagt. § 130 hätte vermutlich sofort gegriffen.“ Zur Klarstellung, Jacques Linon ist deutscher Staatsbürger...