Der Student Tamás Blénessy ist Nebenkläger im Prozess gegen rechte Schläger
ND: Am 20. Dezember beginnt der Prozess gegen die Rechtsextremisten,
die Sie und einen weiteren Linken in der Nacht zum 3. Juli angriffen
und verletzten. Was erhoffen Sie sich von dem Prozess?
Blénessy: Zuerst erhoffe ich mir natürlich eine Bestrafung der Täter –
wegen versuchten Mordes. Das war keine harmlose Schlägerei.
Ihr Begleiter erlitt Schnittverletzungen. Wie ist sein Zustand?
Gesundheitlich geht es ihm gut. Er wird wohl für sein Leben durch die
zahlreichen Narben im Gesicht gezeichnet sein. Wir werden vom Verein
»Jugend engagiert in Potsdam« sehr gut betreut, mein Begleiter war
zwischenzeitlich auch in psychologischer Behandlung.
Die Attacke wird in vielen Medien in eine Reihe gewalttätiger Auseinandersetzungen rechter und linker Jugendlicher gestellt.
Die Einordnung in eine so genannte »Gewaltspirale« tut einem als Opfer
einfach nur weh. Die Statistiken der Polizeibehörden sowie Chronologien
von Opferberatungsstellen sprechen Bände. Es gab in diesem Jahr in
Potsdam nur einen vermeintlichen Übergriff von Linken auf Rechtsextreme,
auf der anderen Seite einzelne Wochen mit bis zu zwölf Vorfällen, in
denen Neonazis zuschlugen.
Haben Sie nun Angst?
Natürlich lasse ich mich nicht einschüchtern. Ich bin nicht das erste
Mal Opfer von Neonazis geworden. Ich engagiere mich zurzeit vor allem im
bundesweiten studentischen Dachverband fzs auf dem Gebiet des
Antifaschismus und schaue natürlich in Potsdam weiterhin nicht weg.
Fragen: Ralf Fischer / Neues Deutschland
Dienstag, 20. Dezember 2005
Donnerstag, 1. Dezember 2005
Mittwoch, 9. November 2005
Federvieh mit Mantel
In einem kostenlosen Computerspiel sorgt sich der Verfassungsschutz um so manche linke Gretchenfrage
Ralf Fischer / Junge Welt
Propaganda zum Spielen. Seit PC-Systeme weltweit massenkompatibel
sind, gibt es auch massenweise Mitmach-Games von interessierter Seite.
Der Nachwuchs will daddeln und ballern – aber gerne. Aktuell
bekanntestes Beispiel ist der Egoshooter der US-amerikanischen Armee, an
dem Millionen von Menschen gleichzeitig im Internet ihre Fähigkeit
trainieren, sekundenschnell den jeweiligen Feind zu eliminieren. Und die
US-Armee hat viele Feinde.
Früher war an solche Wunderwerke der Werbetechnik nicht zu denken. Bis Anfang der 90er war auf dem Commodore 64 grobe Pixelei und schnarrender Sound angesagt. Keine gute Voraussetzung für aufwendige Spiele, aber gut genug für Jump-and-Run- und Adventure-Games. Es gab nur eine einzige Ausnahme, und die war illegal. »RAF« hieß das Spiel, und der Name war Programm.
Als Steinewerfer konnte man bei einer Terrorgruppe anheuern und Politiker, Industrielle und auch Popstars ermorden, aber immer der Reihe nach. Zuerst galt es sich zu bewähren. Man brauchte viel Übung, bis man es schaffte, die großen »Schweine« anzugreifen. Irgendwann durfte man dann per Mausklick die bundesdeutsche Führungsschicht samt Bodyguards in die ewigen Jagdgründe befördern. Ein virtuelles Gemetzel in unbeholfener Grafik. »Wolfenstein« ein paar Jahre später sah schon besser aus. Wer wollte, konnte Nazis ins von ihnen heiß geliebte Walhalla schicken.
Grafisch auf ähnlichem Niveau arbeitet der Verfassungsschutz in seinem neuen – kostenlos erhältlichen – Computerspiel »Was steckt dahinter? (3)«. Man möchte die Jugend von heute über die hauseigenen Vorstellungen aufklären, was denn politischer Extremismus sei. Dabei gehen die Staatsschützer so pädagogisch wie dilettantisch und unspektakulär vor. In einer Art Untergrundlabyrinth muß sich der Held, ein Federvieh mit Mantel, Schlapphut und Lupe namens »Leo Lupix«, von Tür zu Tür bewegen, Schlüssel suchen und Fragen zu den unterschiedlichen Themen beantworten. Unterwegs begegnen Lupix ab und zu unförmige Gegenstände, mal Krokodile, mal Bomben, die übersprungen werden müssen. Und wenn man nicht zu früh stirbt, bekommt man am Ende sogar mit, um welchen geheimnisvollen Auftrag es sich handelt, der da spielend umgesetzt werden soll. Am Anfang, wie so üblich in Geheimdienstkreisen, wird natürlich noch nichts verraten.
Wer die Hoffnung auf ein technisch anspruchsvolles Spiel hat, sollte den Schrott gleich in die nächstbeste Ecke werfen. Wer auf politische Realsatire steht, könnte aber auf seine Kosten kommen. Fragen wie »Welches wesentliche Ziel verfolgen Autonome?« sind schon eine harte Nuß: a) »Eine gerechte Entlohnung der Werktätigen«, b) »Die Errichtung einer ›herrschaftsfreien Gesellschaft‹« oder c) »Nie wieder Krieg«. Vermutlich würde es unter Autonomen wochenlange Diskussionen um eine adäquate Antwort geben. Geheimdienste haben eben Humor. Auf die Frage, wofür was das Kürzel DVU stehe, lautet eine mögliche Antwort »Dortmunder Verein der Usambaraveilchenzüchter«.
Geradezu liebevoll kümmern sich die Schlapphüte um so manche linke Gretchenfrage. Beispielsweise heißt es im Bereich »Ausländerextremismus«: »Auch islamistische Organisationen betreiben in Deutschland eigene Moscheen. In einer dieser Moscheen werden nach dem Freitagsgebet Spendengelder ›zur Unterstützung von Märtyrerfamilien in Palästina‹ gesammelt. Wofür könnten diese Gelder u. a. bestimmt sein?« a) »Für Lebensmitteltransporte nach Pakistan«, b) »Zur Verstärkung der Polizeikräfte in den palästinensischen Autonomiegebieten«, c) »Für die Hinterbliebenen palästinensischer Selbstmordattentäter«, d) »Für Kampfeinsätze der deutschen Bundeswehr im Nahen Osten«.
* »Was steckt dahinter? (3)«, Systemvoraussetzung PC mit Windows 98, 2000 oder XP, Mac mit OS9.2 oder X, Vierfach-Programmlaufwerk. Erhältlich beim Bundesamt für Verfassungsschutz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Merianstr. 100, 50765 Köln, gratis
Früher war an solche Wunderwerke der Werbetechnik nicht zu denken. Bis Anfang der 90er war auf dem Commodore 64 grobe Pixelei und schnarrender Sound angesagt. Keine gute Voraussetzung für aufwendige Spiele, aber gut genug für Jump-and-Run- und Adventure-Games. Es gab nur eine einzige Ausnahme, und die war illegal. »RAF« hieß das Spiel, und der Name war Programm.
Als Steinewerfer konnte man bei einer Terrorgruppe anheuern und Politiker, Industrielle und auch Popstars ermorden, aber immer der Reihe nach. Zuerst galt es sich zu bewähren. Man brauchte viel Übung, bis man es schaffte, die großen »Schweine« anzugreifen. Irgendwann durfte man dann per Mausklick die bundesdeutsche Führungsschicht samt Bodyguards in die ewigen Jagdgründe befördern. Ein virtuelles Gemetzel in unbeholfener Grafik. »Wolfenstein« ein paar Jahre später sah schon besser aus. Wer wollte, konnte Nazis ins von ihnen heiß geliebte Walhalla schicken.
Grafisch auf ähnlichem Niveau arbeitet der Verfassungsschutz in seinem neuen – kostenlos erhältlichen – Computerspiel »Was steckt dahinter? (3)«. Man möchte die Jugend von heute über die hauseigenen Vorstellungen aufklären, was denn politischer Extremismus sei. Dabei gehen die Staatsschützer so pädagogisch wie dilettantisch und unspektakulär vor. In einer Art Untergrundlabyrinth muß sich der Held, ein Federvieh mit Mantel, Schlapphut und Lupe namens »Leo Lupix«, von Tür zu Tür bewegen, Schlüssel suchen und Fragen zu den unterschiedlichen Themen beantworten. Unterwegs begegnen Lupix ab und zu unförmige Gegenstände, mal Krokodile, mal Bomben, die übersprungen werden müssen. Und wenn man nicht zu früh stirbt, bekommt man am Ende sogar mit, um welchen geheimnisvollen Auftrag es sich handelt, der da spielend umgesetzt werden soll. Am Anfang, wie so üblich in Geheimdienstkreisen, wird natürlich noch nichts verraten.
Wer die Hoffnung auf ein technisch anspruchsvolles Spiel hat, sollte den Schrott gleich in die nächstbeste Ecke werfen. Wer auf politische Realsatire steht, könnte aber auf seine Kosten kommen. Fragen wie »Welches wesentliche Ziel verfolgen Autonome?« sind schon eine harte Nuß: a) »Eine gerechte Entlohnung der Werktätigen«, b) »Die Errichtung einer ›herrschaftsfreien Gesellschaft‹« oder c) »Nie wieder Krieg«. Vermutlich würde es unter Autonomen wochenlange Diskussionen um eine adäquate Antwort geben. Geheimdienste haben eben Humor. Auf die Frage, wofür was das Kürzel DVU stehe, lautet eine mögliche Antwort »Dortmunder Verein der Usambaraveilchenzüchter«.
Geradezu liebevoll kümmern sich die Schlapphüte um so manche linke Gretchenfrage. Beispielsweise heißt es im Bereich »Ausländerextremismus«: »Auch islamistische Organisationen betreiben in Deutschland eigene Moscheen. In einer dieser Moscheen werden nach dem Freitagsgebet Spendengelder ›zur Unterstützung von Märtyrerfamilien in Palästina‹ gesammelt. Wofür könnten diese Gelder u. a. bestimmt sein?« a) »Für Lebensmitteltransporte nach Pakistan«, b) »Zur Verstärkung der Polizeikräfte in den palästinensischen Autonomiegebieten«, c) »Für die Hinterbliebenen palästinensischer Selbstmordattentäter«, d) »Für Kampfeinsätze der deutschen Bundeswehr im Nahen Osten«.
* »Was steckt dahinter? (3)«, Systemvoraussetzung PC mit Windows 98, 2000 oder XP, Mac mit OS9.2 oder X, Vierfach-Programmlaufwerk. Erhältlich beim Bundesamt für Verfassungsschutz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Merianstr. 100, 50765 Köln, gratis
Mittwoch, 12. Oktober 2005
»Ich bin alt und brauche das Geld!«
Jeder soll sagen, was er will: Ein Gespräch mit Denyo (Beginner) über sein neues Soloalbum »The Denyos«
Ralf Fischer / Junge Welt
RF: Auf der letzten Denyo-Platte »Minidsico« gab es die Aufforderung, daß die Hörer sich die Platte brennen sollen.
D: Da war ich jung und brauchte kein Geld.
Das hat sich jetzt geändert?
Jetzt bin ich alt und brauche das Geld! Nein, Quatsch, ich sehe das natürlich jetzt anders. Wenn man etwas cool findet, dann soll man sich das kaufen. Wenn ich zu wenig Platten verkaufe, dann kann ich halt keine neue Platte mehr machen.
Das erste Denyo-Soloalbum »Minidisco« war dann auch 2001 ein kommerzieller Flop. Jetzt kommt »The Denyos«. Welche Entwicklung liegt dazwischen?
Wenn man »Minidisco« und »The Denyos« nacheinander hört, bleiben viele Fragen offen. Wenn man aber »Blast Action Heroes«, die letzte Platte der Absoluten Beginner, dazwischen schiebt, versteht man die Angelegenheit besser. Ich bin nun mal Mitglied in einer Band und gleichzeitig ein Solokünstler, dementsprechend kann ich bestimmte Epochen nicht einfach rausschneiden. Mit »The Denyos« habe ich nun etwas ganz anderes vor!
Was soll das sein?
Mich zu etablieren! Ich bin einfach seit vierzehn Jahren Mitglied bei den Beginnern und das ist wunderbar. Aber darüber hinaus sehe ich in mir noch mehr, als nur der Beginner Denyo zu sein. »The Denyos« ist so etwas für mich, wie: »Ich scheiße auf die Beginner, ich bin Denyo und ich komme hier mit meinen Soloscheiß und der ist geil. Damit zeige ich Euch mal was geht.« Das ist aber keine Konkurrenz für die Beginner, denn mit denen kann man nicht konkurrieren. Das versuche ich auch gar nicht erst, weil ich da gnadenlos scheitern würde.
Auf dem letzten Album waren noch viele befreundete Kollegen aus Hamburg vertreten, bei »The Denyos« ist Denyo fast komplett allein am Wirken.
Ich sehe mich als Rapper, der nicht mehr unbedingt lokal gebunden ist. Es gibt diese Familie in Hamburg nicht mehr in der alten Form. Sie ist auf jeden Fall kleiner geworden. Ich habe natürlich noch meine Kollegen Dendemann, Illo, Bo und Digger Dance. Die finde ich alle cool, und wenn man sich mal trifft, ist alles entspannt. Aber die Leute, die mir am Herzen liegen, sind ganz wenige und die sind alle auf dem Album vertreten: Tropf, Jan und Mad. Mit den alten Hasen habe ich auch schon zuviel gemacht. Und zu den ganzen neuen Leuten passe ich nicht, denn ich bin zu different.
Und auch politisch enttäuscht von den Schröder-Jahren? In einem Lied von der neuen Platte heißt es: »Schrecklich dieser linke Staat, der einen nervt wie Linkin Park!«
Ja, das ist traurig. Es gibt kein Wachstum, was aber gar nichts mit der Innenpolitik zu tun hat, sondern einfach mit äußeren Umständen: Zum Beispiel mit Kriegen, mit den Ölpreisen und mit
George Bush, der im Irak einmarschiert. Mit irgendwelchen Wahnsinnigen, die mit Flugzeugen in Riesengebäude rein fliegen. Dann heißt es immer, die Politik funktioniert zu schlecht. Das Volk ist nun mal dumm, und die Medien sind hetzerisch.
In Berlin hetzten die Medien in den letzten Monaten vor allem gegen Graffiti. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) setzte sogar Hubschrauber zur Jagd auf Sprüher ein.
Das ist halt die typische Politik hier, die dem Volk die Schuldigen immer schön einfach präsentiert, à la Ausländer und Graffitisprüher sind an allem Schuld, und wenn die weg sind, ist alles gut. Somit fängt man Wählerstimmen, damit Spießer ihre Tagträume ausleben können. Polizeiaktionen gegen Sprüher gab es allerdings schon früher. Wir haben dann immer Jams veranstaltet, wo wir umsonst gespielt haben. In Berlin sollte das wohl auch möglich sein.
Das Verhältnis zwischen einzelnen Rappern und den Jugendschützern ist auch nicht viel besser. Immer häufiger sorgen Raptexte für moralische Empörungen und Rufe nach dem starken Staat.
Hier zeigt sich ein totales Unverständnis. Heute hört ein 13jähriges Mädchen den derbsten Gangstarap, weil seine Mama das bestimmt noch nicht gehört hat. Wir leben in einer Demokratie. Jeder kann sagen, was er will! Es ist ja auch immer die Frage nach der Henne und dem Ei. Wenn es zu wenig Bildung gibt und zu wenig Möglichkeiten, sich auszuleben, dann muß man sich nicht wundern, wenn die Leute sich irgendwann auf die Fresse hauen oder es geil finden, Texte zu hören, in denen sich Leute auf die Fresse hauen.
Apropos Bildung. »Also geht in den Plattenladen und nicht ins Klassenzimmer, habt ihr kleinen Kinder von Tuten und Blasen keinen blassen Schimmer?« hieß es noch auf »Minidisco«.
Ich würde niemanden raten, nicht zur Schule zu gehen. Im Gegenteil, ich habe selber einen jüngeren Bruder, der ist 14, und der schwänzt jetzt auch die Schule. Das geht aber nicht klar so! Aber das weiß man immer erst, wenn man ein bißchen älter ist. Ich wollte kein Album machen, auf dem ich die Leute dazu animiere, Bong zu rauchen, sich gegenseitig zu prügeln und die Schule zu schwänzen. Ich will etwas positives aussagen und zwar ohne den Will-Smith-Faktor! Andererseits muß man das Zitat auch im Ganzen sehen: Ich wollte damit eigentlich ausdrücken, daß es auch außerhalb der Schule Möglichkeiten gibt, etwas zu lernen. Damit meinte ich zum Beispiel das Zeug, das einem Chuck D. vermittelt. Aber den gibt es ja heute nicht mehr, sondern nur noch 50 Cent für die Typen und Ashanti für die Frauen, und da würde ich schon sagen: »Geht lieber in die Schule«.
* Denyo, »The Denyos« (Universal)
D: Da war ich jung und brauchte kein Geld.
Das hat sich jetzt geändert?
Jetzt bin ich alt und brauche das Geld! Nein, Quatsch, ich sehe das natürlich jetzt anders. Wenn man etwas cool findet, dann soll man sich das kaufen. Wenn ich zu wenig Platten verkaufe, dann kann ich halt keine neue Platte mehr machen.
Das erste Denyo-Soloalbum »Minidisco« war dann auch 2001 ein kommerzieller Flop. Jetzt kommt »The Denyos«. Welche Entwicklung liegt dazwischen?
Wenn man »Minidisco« und »The Denyos« nacheinander hört, bleiben viele Fragen offen. Wenn man aber »Blast Action Heroes«, die letzte Platte der Absoluten Beginner, dazwischen schiebt, versteht man die Angelegenheit besser. Ich bin nun mal Mitglied in einer Band und gleichzeitig ein Solokünstler, dementsprechend kann ich bestimmte Epochen nicht einfach rausschneiden. Mit »The Denyos« habe ich nun etwas ganz anderes vor!
Was soll das sein?
Mich zu etablieren! Ich bin einfach seit vierzehn Jahren Mitglied bei den Beginnern und das ist wunderbar. Aber darüber hinaus sehe ich in mir noch mehr, als nur der Beginner Denyo zu sein. »The Denyos« ist so etwas für mich, wie: »Ich scheiße auf die Beginner, ich bin Denyo und ich komme hier mit meinen Soloscheiß und der ist geil. Damit zeige ich Euch mal was geht.« Das ist aber keine Konkurrenz für die Beginner, denn mit denen kann man nicht konkurrieren. Das versuche ich auch gar nicht erst, weil ich da gnadenlos scheitern würde.
Auf dem letzten Album waren noch viele befreundete Kollegen aus Hamburg vertreten, bei »The Denyos« ist Denyo fast komplett allein am Wirken.
Ich sehe mich als Rapper, der nicht mehr unbedingt lokal gebunden ist. Es gibt diese Familie in Hamburg nicht mehr in der alten Form. Sie ist auf jeden Fall kleiner geworden. Ich habe natürlich noch meine Kollegen Dendemann, Illo, Bo und Digger Dance. Die finde ich alle cool, und wenn man sich mal trifft, ist alles entspannt. Aber die Leute, die mir am Herzen liegen, sind ganz wenige und die sind alle auf dem Album vertreten: Tropf, Jan und Mad. Mit den alten Hasen habe ich auch schon zuviel gemacht. Und zu den ganzen neuen Leuten passe ich nicht, denn ich bin zu different.
Und auch politisch enttäuscht von den Schröder-Jahren? In einem Lied von der neuen Platte heißt es: »Schrecklich dieser linke Staat, der einen nervt wie Linkin Park!«
Ja, das ist traurig. Es gibt kein Wachstum, was aber gar nichts mit der Innenpolitik zu tun hat, sondern einfach mit äußeren Umständen: Zum Beispiel mit Kriegen, mit den Ölpreisen und mit
George Bush, der im Irak einmarschiert. Mit irgendwelchen Wahnsinnigen, die mit Flugzeugen in Riesengebäude rein fliegen. Dann heißt es immer, die Politik funktioniert zu schlecht. Das Volk ist nun mal dumm, und die Medien sind hetzerisch.
In Berlin hetzten die Medien in den letzten Monaten vor allem gegen Graffiti. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) setzte sogar Hubschrauber zur Jagd auf Sprüher ein.
Das ist halt die typische Politik hier, die dem Volk die Schuldigen immer schön einfach präsentiert, à la Ausländer und Graffitisprüher sind an allem Schuld, und wenn die weg sind, ist alles gut. Somit fängt man Wählerstimmen, damit Spießer ihre Tagträume ausleben können. Polizeiaktionen gegen Sprüher gab es allerdings schon früher. Wir haben dann immer Jams veranstaltet, wo wir umsonst gespielt haben. In Berlin sollte das wohl auch möglich sein.
Das Verhältnis zwischen einzelnen Rappern und den Jugendschützern ist auch nicht viel besser. Immer häufiger sorgen Raptexte für moralische Empörungen und Rufe nach dem starken Staat.
Hier zeigt sich ein totales Unverständnis. Heute hört ein 13jähriges Mädchen den derbsten Gangstarap, weil seine Mama das bestimmt noch nicht gehört hat. Wir leben in einer Demokratie. Jeder kann sagen, was er will! Es ist ja auch immer die Frage nach der Henne und dem Ei. Wenn es zu wenig Bildung gibt und zu wenig Möglichkeiten, sich auszuleben, dann muß man sich nicht wundern, wenn die Leute sich irgendwann auf die Fresse hauen oder es geil finden, Texte zu hören, in denen sich Leute auf die Fresse hauen.
Apropos Bildung. »Also geht in den Plattenladen und nicht ins Klassenzimmer, habt ihr kleinen Kinder von Tuten und Blasen keinen blassen Schimmer?« hieß es noch auf »Minidisco«.
Ich würde niemanden raten, nicht zur Schule zu gehen. Im Gegenteil, ich habe selber einen jüngeren Bruder, der ist 14, und der schwänzt jetzt auch die Schule. Das geht aber nicht klar so! Aber das weiß man immer erst, wenn man ein bißchen älter ist. Ich wollte kein Album machen, auf dem ich die Leute dazu animiere, Bong zu rauchen, sich gegenseitig zu prügeln und die Schule zu schwänzen. Ich will etwas positives aussagen und zwar ohne den Will-Smith-Faktor! Andererseits muß man das Zitat auch im Ganzen sehen: Ich wollte damit eigentlich ausdrücken, daß es auch außerhalb der Schule Möglichkeiten gibt, etwas zu lernen. Damit meinte ich zum Beispiel das Zeug, das einem Chuck D. vermittelt. Aber den gibt es ja heute nicht mehr, sondern nur noch 50 Cent für die Typen und Ashanti für die Frauen, und da würde ich schon sagen: »Geht lieber in die Schule«.
* Denyo, »The Denyos« (Universal)
Montag, 5. September 2005
Neonaziaktion stieß auf Widerstand
Antifaschisten blockierten rechten Aufmarsch und feierten antirassistisches Fest
Ralf Fischer / Neues Deutschland
Zwei Polizei-Hubschrauber flogen am
Sonnabend bedrohlich tief über die Landsberger Allee hinweg, überall
standen am S-Bahnhof Polizisten in Kampfmontur bereit. Die Berliner
Neonaziszene hatte mobil gemacht. So genannte »Freie Kräfte
Berlins« wollten zwei Tage nach dem weltweiten Antikriegstag unter
dem Ruf "gegen imperialistische Kriegspolitik" ihre eigene
Propagandaschau auf den Straßen Berlins durchsetzen.
Rund 500 Antifaschisten stellten sich
unter dem Motto "Faschismus ist keine Meinung, sondern ein
Verbrechen!" in den Weg. Sie folgten dem Aufruf des Bündnisses
»Gemeinsam gegen Rechts« und versammelten sich südlich des
S-Bahnrings, um den Neonazis ihren Protest entgegen zu halten. Da die
Gegendemonstranten die ursprüngliche Nazi-Route besetzt hielten, sah
sich die Polizei gezwungen, den fünfstündigen Nazi-Aufmarsch über
eine Ersatzstrecke umzuleiten.
Die bis zu 100 Anhänger der braunen
Kameradschaften um den landesweit berüchtigten Neonazi Christian
Worch aus Hamburg traten in schwarzen Kapuzenpullovern auf, waren
äußerlich kaum von den linken Gegendemonstranten zu unterscheiden
und trugen auch einige Palästinafahnen und verkehrt herumgedrehte
USA-Flaggen.
Nach Polizeiangaben wurden drei Neonazis wegen eines
Angriffs auf Polizisten und ein weiterer Rechter wegen Tragens von
Nazisymbolen festgenommen. Ein antifaschistischer Demonstrant wurde
wegen der Straßenblockade festgesetzt. Eine weitere
antifaschistische Aktion gab es am Bahnhof Schöneweide mit dem Fest
für Demokratie und Toleranz, zu dem 1000 Besucher erschienen waren.
Der Ort hat sich in der Vergangenheit zu einem Treffpunkt der rechten
Szene entwickelt.
Bei einer parallel stattfindenden
NPD-Kundgebung wurden nach Polizeiangaben nur bis zu 20 Teilnehmer
gezählt. Nach Informationen der Antifaschistischen Linken haben
zahlreiche Rechtsextremisten versucht, das antirassistische
Straßenfest zu stören. Besucher wurden auf dem Nachhauseweg
angegriffen und verletzt. Laut Polizei gab es während des Festes
keinerlei Zwischenfälle.
Freitag, 19. August 2005
Grafitti überall
Mit »Backjump« wird Berlin zur temporären Streetart-Kunstzone
Ralf Fischer / Junge Welt
Kunst außerhalb der Museen und Galerien ist für viele Berliner der
pure Vandalismus, der mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden
Mitteln bekämpft werden sollte, zum Beispiel auch BGS-Hubschrauber.
Neben Bundesinnenmnister Otto Schily kämpft vorallem Karl Hennig von der
Pankower CDU an vorderster Front. Er ist Vorsitzender des Vereins
»Nofitti«, der es sich einerseits zur Aufgabe gemacht hat ehrenamtlich
Graffitis in der Stadt zu entfernen und andererseits massiv in der
öffentlichen Debatte gegen die vitale Jugendsubkultur zu agitieren.
Nun schlägt Hennig mal wieder kräftig Alarm, denn heute beginnt das Festival »Backjumps«. In der Montagsausgabe der Berliner Morgenpost durfte Hennig den Umstand, daß das Festival mit 35000 Euro vom Hauptstadtkulturfonds unterstützt wird, auf Seite eins skandalisieren. Mit der Subventionierung des internationalen Streetartfestivals sieht er »alle politischen Bemühungen, die auf null Toleranz gegenüber Graffiti-Straftaten abzielen« konterkariert. Hennig befürchtet, daß durch das Festival ausgelöst eine Welle von Graffiti durch Berlin rollen würde. Fragt sich, ob der arme Mann überhaupt noch Augen im Kopf hat: Die Graffiti-Welle rollt jeden Tag über Berlin, egal, ob dafür extra ein Festival angesagt ist, oder nicht.
So rollte zum Beispiel im Wortsinn am Montag der japanische Künstler Yukinori Yamamura mit seinem aus Holz gezimmerten Graffiti auf Rädern durch die Berliner Straßen. Direkt im Kiez des Herrn Hennig fing Yamamura damit an, seinen Anhänger mit gesägter Grafitti auf einem Podest durch die Straßen zu ziehen und forderte dabei immer wieder die umstehenden Passanten auf, die Holzkonstruktion mit einer Farbe ihrer Wahl zu besprühen. Unter anderem hatte er die Wörter »West« und »Ost« in japanischen Schriftzeichen zu bieten. Er kam auf diese Idee, nachdem er nach eigenem Bekunden in Berlin soviele Grafitti wie nirgendwo sonst bisher in seinem Leben gesehen hatte. Und so zog er von der Schönhauser Allee über den Mauerpark in Richtung Alexanderplatz, um der Streetart den nötigen Auslauf zu gewähren.Überall sorgte er mit dem Kunstgefährt für helle Freude und viel Aufsehen.
Die Organisatoren des »Backjump«-Festivals haben ebenfalls etwas mit Holz vor. Neben einer zweimonatigen Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien soll auf dem Mariannenplatz eine kleine Stadt aus Holz, die »City of Names«, gebaut werden. Die Grafitti-Künstler AKIM und ZAST wollen mit Kollegen, Anwohnern und Kindern Holzhäuser als dreidimensionale Übertragung ihrer Spray-Kunst errichten.
Desweiteren werden im Kreuzberger Wrangelkiez in Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement die Brandwandfassaden von Künstlern neugestaltet. Ihre Arbeiten sind auch in verschiedenen Galerien zu finden. Doch nicht nur dort – überall in der Stadt werden die kreativen Vandalen versuchen, zuzuschlagen. Man sollte die Augen offen halten und immer schön die temporären Kunstzonen suchen. Getreu dem Motto eines CBS-Pieces am nördlichen Berliner S-Bahnring: »Billig, darauf steht ihr doch«.
www.backjumps.org
Nun schlägt Hennig mal wieder kräftig Alarm, denn heute beginnt das Festival »Backjumps«. In der Montagsausgabe der Berliner Morgenpost durfte Hennig den Umstand, daß das Festival mit 35000 Euro vom Hauptstadtkulturfonds unterstützt wird, auf Seite eins skandalisieren. Mit der Subventionierung des internationalen Streetartfestivals sieht er »alle politischen Bemühungen, die auf null Toleranz gegenüber Graffiti-Straftaten abzielen« konterkariert. Hennig befürchtet, daß durch das Festival ausgelöst eine Welle von Graffiti durch Berlin rollen würde. Fragt sich, ob der arme Mann überhaupt noch Augen im Kopf hat: Die Graffiti-Welle rollt jeden Tag über Berlin, egal, ob dafür extra ein Festival angesagt ist, oder nicht.
So rollte zum Beispiel im Wortsinn am Montag der japanische Künstler Yukinori Yamamura mit seinem aus Holz gezimmerten Graffiti auf Rädern durch die Berliner Straßen. Direkt im Kiez des Herrn Hennig fing Yamamura damit an, seinen Anhänger mit gesägter Grafitti auf einem Podest durch die Straßen zu ziehen und forderte dabei immer wieder die umstehenden Passanten auf, die Holzkonstruktion mit einer Farbe ihrer Wahl zu besprühen. Unter anderem hatte er die Wörter »West« und »Ost« in japanischen Schriftzeichen zu bieten. Er kam auf diese Idee, nachdem er nach eigenem Bekunden in Berlin soviele Grafitti wie nirgendwo sonst bisher in seinem Leben gesehen hatte. Und so zog er von der Schönhauser Allee über den Mauerpark in Richtung Alexanderplatz, um der Streetart den nötigen Auslauf zu gewähren.Überall sorgte er mit dem Kunstgefährt für helle Freude und viel Aufsehen.
Die Organisatoren des »Backjump«-Festivals haben ebenfalls etwas mit Holz vor. Neben einer zweimonatigen Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien soll auf dem Mariannenplatz eine kleine Stadt aus Holz, die »City of Names«, gebaut werden. Die Grafitti-Künstler AKIM und ZAST wollen mit Kollegen, Anwohnern und Kindern Holzhäuser als dreidimensionale Übertragung ihrer Spray-Kunst errichten.
Desweiteren werden im Kreuzberger Wrangelkiez in Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement die Brandwandfassaden von Künstlern neugestaltet. Ihre Arbeiten sind auch in verschiedenen Galerien zu finden. Doch nicht nur dort – überall in der Stadt werden die kreativen Vandalen versuchen, zuzuschlagen. Man sollte die Augen offen halten und immer schön die temporären Kunstzonen suchen. Getreu dem Motto eines CBS-Pieces am nördlichen Berliner S-Bahnring: »Billig, darauf steht ihr doch«.
www.backjumps.org
Mittwoch, 22. Juni 2005
Kartoffelernte
In die Ecke, Besen, Besen: Erst wollte man bei der SPD eine Deutschquote, jetzt kriegt man Angst vor den üblen Folgen
Ralf Fischer / Junge Welt
Durch die angekündigten Neuwahlen lassen sich die Politiker des
Landes derzeit zu äußerst peinlichen PR-Aktionen hinreißen. Die größten
Klassenkasper kommen dabei aus den Reihen der Regierung. Hier herrscht
Panik vor dem Kassensturz. Statt einfach den Sack zuzumachen und sich in
Würde darauf vorzubereiten, für mindestens die nächsten vier Jahre mit
einer Rumpfmannschaft auf den Oppositionsbänken im Bundestag abzuhängen,
plärren die Regierenden in alle verfügbaren Mikrofone, was niemand
wissen will, aber im Wahlkampf vielleicht ein paar Punkte bringt.
Monika Griefahn (SPD) etwa, als Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien gewichtige Befürworterin einer Deutschquote im Radio, macht Theater wegen deutschnationalem Rap, der außerdem pornographisch und gewaltverherrlichend sei, es zugegebenermaßen auch ist. Anfang Juni forderte sie im Focus nicht weniger als ein Verbot der Videos zweier Berliner Rapper, Fler und Sido.
Nicht diese Forderung nach Zensur verblüfft; nur, wer sie vorbringt. Mit einer nationalen Quote im Radio sollte der einheimische Mittelstand des Verwertungsgewerbes gegen die Weltkonzerne SonyBMG, Warner, EMI und Universal mit stetig fließendem Kapital ausgestattet werden. Genau das ist mittlerweile realisiert. Auch ohne Quote. Im übrigen macht, wer die Geschichte als düster und vor allem abgeschlossen darstellt, alles falsch und viel Kohle. Viele distanzieren sich zwar vom Rechtsextremismus, bedienen sich aber faschistischer Ästhetik.
Das Label der beiden Rapper, Aggro Berlin, beantwortete Griefahns Anwürfe nüchtern: »Keiner unserer Künstler oder Mitarbeiter ist rechtsradikal«. Das ist unwahrscheinlich, könnte aber sogar stimmen. Ein grottenschlechter Rapper wie Fler braucht einen marketingstrategisch eingefädelten Skandal, um Tonträger abzusetzen. Deshalb setzt er in seinen Texten auf die nationale Karte, frontet gegen Amirap, das Label wirbt mit deutschnationaler Ästhetik für sein Album. Sowas kommt an, gerade weil es nicht politisch korrekt ist und deswegen skandalisiert wird. Dieser Entwicklung ist mit Polemik nicht beizukommen.
Obwohl Fler, den der Rapper Eko treffsicher Kartoffel taufte, mit Sido das Label gemeinsam hat, gibt es frappante Unterschiede. Hätte sich Griefahn Videos von Sido angeschaut, wüßte sie, daß er im Gegensatz zu Fler bisher nur eine polnische Nationalfahne schwenkte. Hätte sie den Text seines Hits »Mama ist stolz« gelesen, wüßte sie: Das ist schon keine Farce mehr, das ist Parodie.
Nur weil die Vernunft sich endgültig in den Sommerurlaub verabschiedet hat, will ich hier nicht zwei selten bekloppte Rapper gegen berechtigte Kritik verteidigen. Fler ist widerwärtig, schon wegen seiner Frauenfeindlichkeit und Deutschtümelei. Dazu kommt seine beispiellose Unfähigkeit am Mike. Um Sido ist es nicht viel besser bestellt. Doch was sind diese beiden Spinner gegen Berufspolitiker im Überlebenswahlkampf? Der Feind steht eben überall.
Aus den ersten und zweiten Reihen der etablierten Parteien werden in nächster Zeit noch etliche absurde Vorschläge kommen, zumal eine ernst zu nehmende Alternative auf der linkspopulistischen Überholspur aufgetaucht ist. So geht die Mediendemokratie. Eine derbe Mobilisierung von Ressentiments aller Art ist zu erwarten. Wie wäre es z. B. mit einem generellen Tanzverbot zu US-amerikanischer Musik? Das käme der Moral zugute, und mehr ist ja nicht zu heben, außer der Arbeitslosenzahl natürlich.
Monika Griefahn (SPD) etwa, als Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien gewichtige Befürworterin einer Deutschquote im Radio, macht Theater wegen deutschnationalem Rap, der außerdem pornographisch und gewaltverherrlichend sei, es zugegebenermaßen auch ist. Anfang Juni forderte sie im Focus nicht weniger als ein Verbot der Videos zweier Berliner Rapper, Fler und Sido.
Nicht diese Forderung nach Zensur verblüfft; nur, wer sie vorbringt. Mit einer nationalen Quote im Radio sollte der einheimische Mittelstand des Verwertungsgewerbes gegen die Weltkonzerne SonyBMG, Warner, EMI und Universal mit stetig fließendem Kapital ausgestattet werden. Genau das ist mittlerweile realisiert. Auch ohne Quote. Im übrigen macht, wer die Geschichte als düster und vor allem abgeschlossen darstellt, alles falsch und viel Kohle. Viele distanzieren sich zwar vom Rechtsextremismus, bedienen sich aber faschistischer Ästhetik.
Das Label der beiden Rapper, Aggro Berlin, beantwortete Griefahns Anwürfe nüchtern: »Keiner unserer Künstler oder Mitarbeiter ist rechtsradikal«. Das ist unwahrscheinlich, könnte aber sogar stimmen. Ein grottenschlechter Rapper wie Fler braucht einen marketingstrategisch eingefädelten Skandal, um Tonträger abzusetzen. Deshalb setzt er in seinen Texten auf die nationale Karte, frontet gegen Amirap, das Label wirbt mit deutschnationaler Ästhetik für sein Album. Sowas kommt an, gerade weil es nicht politisch korrekt ist und deswegen skandalisiert wird. Dieser Entwicklung ist mit Polemik nicht beizukommen.
Obwohl Fler, den der Rapper Eko treffsicher Kartoffel taufte, mit Sido das Label gemeinsam hat, gibt es frappante Unterschiede. Hätte sich Griefahn Videos von Sido angeschaut, wüßte sie, daß er im Gegensatz zu Fler bisher nur eine polnische Nationalfahne schwenkte. Hätte sie den Text seines Hits »Mama ist stolz« gelesen, wüßte sie: Das ist schon keine Farce mehr, das ist Parodie.
Nur weil die Vernunft sich endgültig in den Sommerurlaub verabschiedet hat, will ich hier nicht zwei selten bekloppte Rapper gegen berechtigte Kritik verteidigen. Fler ist widerwärtig, schon wegen seiner Frauenfeindlichkeit und Deutschtümelei. Dazu kommt seine beispiellose Unfähigkeit am Mike. Um Sido ist es nicht viel besser bestellt. Doch was sind diese beiden Spinner gegen Berufspolitiker im Überlebenswahlkampf? Der Feind steht eben überall.
Aus den ersten und zweiten Reihen der etablierten Parteien werden in nächster Zeit noch etliche absurde Vorschläge kommen, zumal eine ernst zu nehmende Alternative auf der linkspopulistischen Überholspur aufgetaucht ist. So geht die Mediendemokratie. Eine derbe Mobilisierung von Ressentiments aller Art ist zu erwarten. Wie wäre es z. B. mit einem generellen Tanzverbot zu US-amerikanischer Musik? Das käme der Moral zugute, und mehr ist ja nicht zu heben, außer der Arbeitslosenzahl natürlich.
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