Donnerstag, 29. März 2007

"Ich möchte einfach mehr Zeit haben"

Interview mit Michael Degen auf der Leipziger Buchmesse...

Ralf Fischer & Jan Poppke / hagalil.com

RF & JP: Herr Degen, Sie haben nach ihrem ersten autobiographischen Roman „Nicht alle waren Mörder“ nun die Fortsetzung, „Mein heiliges Land“, veröffentlicht. Sie erzählen darin ihre Suche nach ihrem verlorengegangenen Bruder. Weshalb setzten sie ihre Autobiographie fort?


Michael Degen: Die Leserbriefe wurden immer mehr. Die Leute wollten wissen: „Wie geht’s weiter? Wie geht’s in Israel weiter? Wie ist das mit dem Bruder? Hat er ihn gefunden, hat er ihn nicht gefunden?

Das Buch endet ja im Grunde damit, dass ich ihn gefunden habe. Aber so waren eben die Fragen, merkwürdigerweise. Der Verlag wendete sich dann auch an mich und sagte: „Bitte tun sie uns den Gefallen und schreiben Sie noch einen zweiten Teil. Das kann nur ein Schlager werden.“ Und ich sagte, ich will das eigentlich nicht. Ich müsste dann auch meine berufliche Biographie schreiben und ich möchte mich nicht in die schlechten Schauspielerbiographien einreihen.

Ich habe es aber dann doch getan, weil Rowohlt mich darum gebeten hat. Man drängelte mich auch wahnsinnig. Der Verlag wollte das neue Buch auch für Leipzig haben und wir hatten aber einen Vertrag für Frankfurt im Oktober. Ich habe es aber geschafft, bin sehr zufrieden damit und habe mehr Zeit für ein neues Projekt.


Was bedeutet für sie ganz persönlich das Schreiben?

Schreiben? Alles! Immer mehr. Nach dreißig Jahren Berufserfahrung als Schauspieler, hatte ich immer mehr das Bedürfnis meine eigenen Texte zu schreiben und zu sprechen. Das wurde immer stärker. Aber ich habe das dann auch wieder vergessen., denn so ernsthaft hatte ich mich mit Schreiben nicht beschäftigt, weil ich auch nicht wusste, kann ich’s oder kann ich’ s nicht.

Eine Talkshow im WDR war dann der Auslöser. Da lernte ich eine Frau kennen, eine Autorin deren Eltern ähnliches erlebt hatten, wie ich als Kind. Wir tauschten dann unsere Erfahrungen aus. Das war natürlich sehr spannend, weil ich bemerkte, an wie viel ich mich noch erinnern konnte. Wahrscheinlich, weil ich es stets verdrängte. Da hatte sich so eine Art Blase im Gehirn gebildet und mit diesem Buch stach ich mitten hinein. Erstaunlicherweise kam wirklich alles heraus.


Steht das Schreiben bei Ihnen in Konkurrenz zur Schauspielerei? Oder besitzt es den gleichen Stellenwert?

Ich möchte einfach mehr Zeit haben. Das Fatale ist, dass ich eigentlich lieber Theater spiele, als Fernsehfilme zu drehen. Aber das Fernsehen, lässt mir einfach mehr Zeit zu schreiben.

Ich drehe jetzt z.B. einen „Tatort“ mit dem zwei fabelhafte Kollegen Axel Prahl und Jan-Josef Liefers. Jetzt mache ich noch drei Tage Lesereise, dann geht’s wieder zurück nach Köln. So etwas kann man eben dann beim Fernsehen machen. Beim Theater geht das nicht.


In ihrem Buch beschreiben Sie, dass einer ihren ersten Eindrücke im heiligen Land der Duft von frischen Jaffa-Orangen und Zypressen war. Haben sie den Geruch immer noch in der Nase, wenn sie heute Israel besuchen?

Ich bin auf der Suche nach diesem Duft, er ist auch noch da, aber ich finde ihn nicht mehr. Es ist wie ein Parfum, welches sie Tag für Tag benutzen. Sie können es nach einer Weile nicht mehr riechen, aber die anderen riechen es.

Ich hatte mich zu sehr daran gewöhnt. Einmal, und das ist ganz merkwürdig, hatte ich den Duft wieder in der Nase. Das war vor drei Jahren, in der Nähe von Jerusalem. Wir drehten „Leo und Claire“ mit dem Vilsmaier. Und da hatten wir ein unangenehmes Erlebnis mit Arabern, wurden aber dann beschützt. Wir kamen dann wieder runter in so ein Tal und plötzlich hatte ich diesen Duft in der Nase.


Gibt es jetzt neue Düfte, welche sie in Israel heute finden?

Eindrücke mit dieser Intensität nicht. Das hatte ich seitdem nicht mehr.

Sie sind als Staatenloser in Israel angekommen. In ihrem Buch sagen Sie sehr deutlich, dass Sie kein Deutscher sind. Wie gehen sie heute mit dem Thema Staatsbürgerschaft um?

Ich bin deutscher Staatsbürger. Ich bin damals deutscher Staatbürger geworden, weil ich mich entschlossen hatte, hier zu leben und meinen Beruf auszuüben. Aber die Deutschen forderten von mir, dass ich die israelische Staatsbürgerschaft ablegen sollte, wenn ich die deutsche beantragen würde. Da habe ich gesagt: „Nein, das mache ich nicht.“

Dann bin ich lange Zeit israelische Staatsbürger geblieben. Und dann irgendwann, sagten die Behörden: „Okay, Sie sind deutscher Staatsbürger und Sie können ihren israelischen Pass behalten.“


Die Staatenlosigkeit war eines der vielen Probleme, weshalb Juden lange Zeit nirgendwo aufgenommen wurden. Ist dieses Gefühl bei Ihnen heute noch präsent?

Für meinen Vater war das vor allen Dingen tödlich. Er ist 1938, zusammen mit meiner Mutter, ‘ausgebürgert’ worden. In Polen gab es damals ja vielleicht genauso viele Antisemiten, die waren nur nicht so konsequent. Und da er so lange in Deutschland lebte, setzten sie Ihn einfach vor die Tür. Aber die deutsche Staatsbürgerschaft bekam er natürlich nicht mehr, also bekam er den so genannten Nansen-Pass für Staatenlose.

Der schütze ihn zwar, aber er musste jedes Jahr erneuert werden. Die westlichen Staaten waren dazu verpflichtet, die Staatenlosen, die in echter Not waren und verfolgt wurden, aufzunehmen. Also, natürlich keine Kriminellen, aber eben Menschen welche politisch verfolgt wurden. Doch den Nansen-Pass konnte man nur sehr schwer erstehen und er kostete auch noch Geld, und das Geld hatte mein eben Vater nicht. Und deshalb konnte er nicht fliehen, landete im KZ und da war es dann aus.


Sie haben in ihrem Buch eine sehr prophetische Aussage getroffen. Als ihnen Shimon klar machte, dass sie überall auf der Welt nicht willkommen seien, weil wild gewordene Antisemiten auf sie warten würden, da antworteten sie, dass in Israel wild gewordene Araber auf sie warten würden. Wenn man sich die Lage in Israel in den letzten 50 Jahren betrachtet, sehen sie sich in ihrer Aussage bestätigt?

Ja sicher. Es wird ja immer schlimmer. Israel ist in einer ganz fürchterlichen Lage. Wenn sie mit dem Arafat zu Rande gekommen sind, war immer ein anderer da, der sagte: „Nicht mit uns!“ Also mit wem verhandelt man dann? Wenn man mit einem klar kam, da sagte ein anderer „Mit uns nicht, wir bomben weiter“ und umgekehrt. Also, das ist eine ganz verrückte Situation. Ich weiß nicht, wie das enden wird.

Die Fatah und die Hamas haben ja jetzt eine Einheitsregierung beschlossen und auf der anderen Seite gibt es ja auch noch das Bedrohungspotential durch die Hisbollah im Libanon. Engagieren Sie sich für Israel? Und wie sieht dieses Engagement aus?

Unterstützung? Ja, in vielerlei Hinsicht. Auch das, was ich jetzt mit dem Buch mache. Natürlich ist das Unterstützung, aber letztlich wird nur dann etwas geschehen, wenn der palästinensische Ministerpräsident sowie der Staatspräsident sich einig sind, und zumindest das Existenzrecht Israels anerkennt. Aber der derzeitige Ministerpräsident verweigert sich ja diesem Anliegen.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie dieses Gezerre verfolgen.

Ich denke, damit ist die Saat schon für einen neuen Krieg gelegt. Möglicherweiser auch einem internen. Vielleicht kämpfen Hamas und Fatah bald wieder gegeneinander. Man weiß es ja nicht.

Auf alle Fälle ist es ein ewiger Unruheherd. Jetzt kommt natürlich noch der Iran hinzu, der nun in die Vollen geht mit der Verhaftung der 15 Briten, die sich einwandfrei auf irakischem Gebiet befanden. Dies ist eindeutig eine Provokation.


Sie sagen in ihrem Buch: „Ich werde niemals einem Menschen eine Flinte auf den Bauch halten“. Das ist natürlich eine sehr antimilitaristische Sicht. Sind sie heutzutage immer noch so vehement gegen den Krieg?

Da hat sich überhaupt nichts verändert. Mein Vater war ein sehr fantasievoller Mann. Und als ich ihn fragte, warum darf man niemanden töten, da antwortete er: „Wenn du einmal einen Menschen getötet hast, dann springst du über eine Barriere, über die du nie mehr zurück springen kannst, dann wirst du dich in einem Teil der Welt befinden, der dir gar nicht behagt“.

Damit hat er erst einmal Recht. Aber da er sehr fantasievoll war, hat er mir dann auch beschrieben, wie es einem Menschen geht, der erstochen wird. Und dies hat er auf eine sehr brutale Art und Weise geschildert, obwohl er nie einen Ermordeten gesehen hat. Aber er tat das so fantasievoll, dass ich mich übergeben musste. Und das hat bis heute gereicht. Ich umarme ihn nachträglich noch dafür.


Vielen Dank, Herr Degen, für dieses Gespräch.

Mittwoch, 24. Januar 2007

Biowaffe gegen Rechts

Interview mit Dennis Milholland. Der blinde jüdische Autor setzte sich beim Angriff eines Rassisten in der brandenburgischen Hauptstadt zur Wehr, die Staatsanwaltschaft Potsdam macht ihm wegen Körperverletzung den Prozeß...

Ralf Fischer / hagalil.com

RF.: Am Abend des 27.Mai 2005 sind Sie und ihre beiden Begleiter, die sich nach dem Besuch einer Kulturveranstaltung auf der Rückfahrt nach Berlin befanden, in der Potsdamer Straßenbahn von drei jungen Männern zunächst beleidigt und beschimpft worden. Weshalb gerieten Sie aneinander?

DM.: Auf dem Nachhauseweg kehrten wir in eine Dönerbude ein um uns etwas zu essen zu besorgen und von da aus sind wir gemeinsam zur Straßenbahn gegangen. In der Straßenbahn wurden wir dann von den drei besagten Männern angegangen, weil wir in ihren Augen „Türkenscheiße“ gegessen haben. Ich murmelte etwas von Neonazis, woraufhin als Antwort prompt ein „Sieg Heil“ zurückkam.

Waren sie allein in der Straßenbahn?

Nein, die Straßenbahn war propenvoll. Die braven Potsdamer Bürger saßen erstarrt da und wollten nichts hören und sehen. Als wir dann am Hauptbahnhof ausstiegen, rempelten einer der Männer, Oliver K., meinen Begleiter mit der Brust an und beschimpfte ihn als „hässlich“. Wir gingen dann in den Bahnhof hinein, während uns die Rechten folgten. Und dann ging dort die Grölerei erst richtig los. Ich habe dann auf englisch zurück gerufen „Fuck off“, mit der Hoffnung das die Passanten denken, hier werden Touristen überfallen und die Polizei holen. Aber nichts dergleichen geschah.

Was haben Sie dann in dieser Situation gemacht?

Wir sind dann in die andere Richtung, weg von denen, zur S-Bahn in Richtung Berlin gegangen. Und urplötzlich – ich habe ihn gar nicht kommen sehen - kam dann Oliver K. zielstrebig auf uns zu und schlug völlig unvermittelt einem meiner Begleiter ins Gesicht. Daraufhin habe ich mich eingemischt, und wir haben ein paar Schläge ausgetauscht. Im Zuge dieses Schlagabtausches bekam ich von links einen heftigen Hieb, den ich nicht kommen sah, weil ich auf dem linken Auge 100% blind bin. Kurz nach dieser Situation versuchte Oliver K. mit seinem Daumen meinen Kehlkopf zuzudrücken. In Notwehr habe ich ihn dann gebissen.

K. hat mich dann gefragt ob ich blind sei. Worauf ich mit „ja“ antwortete und noch obendrauf erwähnte, dass ich AIDS habe. Daraufhin hat er das Weite gesucht. Einige Minute später war der Bundesgrenzschutz da.

Und nahm Sie und ihre Begleiter mit Latexhandschuhen bewaffnet in Empfang…

Ja, während der Oliver K. von zwei Notärzten umsorgt wurde, bekam ich und meine Begleiter keinerlei medizinische Hilfe. Wir wurden als Täter behandelt, und nicht als die Angegriffenen. Ich musste noch über eine Stunde auf der Polizeiwache verharren, bis die Ärzte aus dem Krankenhaus anriefen und den Polizisten Bescheid gaben, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Mit meinen Begleitern fuhr ich dann nach Berlin. Erst am nächsten Morgen kam ich in ärztliche Behandlung.


Eine Anzeige wegen versuchtem Todschlag die ich auf der Wache aufnehmen lies, verschwand, wie ich später erfuhr, auf dem Weg zur Staatsanwaltschaft Potsdam.

Anderthalb Jahre später, am kommenden Donnerstag (25. Januar 2007), wird nun ihr Fall vor dem Potsdamer Amtsgericht verhandelt. Obwohl der Angreifer Oliver K. zwischenzeitlich wegen Körperverletzung und Beleidigung verurteilt wurde, hält die Potsdamer Staatsanwaltschaft am Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Sie fest. Können Sie sich das irgendwie erklären?

Nein. Das Gericht sagt mit dieser Klage aus, es ist in Ordnung alte, kranke Menschen zu überfallen, es wird Euch nichts passieren. Die Grenzschützer haben sich benommen, als hätte ich den Ebula-Virus. Offensichtlich sehen die deutsche Justiz und die Strafverfolgungsbehörden einen Virus als Waffe an. Demnach bin ich eine wandelnde Biowaffe.

Der Prozess findet am Donnerstag, den 25. Januar 2007 um 13.30 Uhr im Amtsgericht Potsdam, Hegelallee 8, Saal 310, statt.

Mittwoch, 29. November 2006

Brücken bauen mit elf Rabbis

Geistliche aus New York begegnen Oberschülern auf der "Bridge of Understanding".

 

Ralf Fischer / Neues Deutschland


Rabbi Jeffrey R. Astrachan wusste überhaupt nicht, was genau auf ihn zukommen würde, als er sich am Freitag in das Flugzeug nach Berlin setzte. Der junge Reform-Rabbi, der 1997 seine Ordination bekam und seit sechs Jahren am Tempel Beth Elohim in New York predigt, war sehr gespannt auf die unbekannte Stadt und vor allem auf die Begegnungen mit den jungen Berlinern. Sie sollte er im Rahmen des Projektes Bridge of Understanding kennen lernen.

Insgesamt machten sich 11 Rabbiner aus New York auf die Reise nach Berlin, darunter auch zwei Frauen. Rabbi Heidi Hoover gehört wie Astrachan der nicht-orthodoxen Glaubensgemeinschaft im Judentum an. Ihre Mutter emigrierte als Kind aus Deutschland in die USA, weshalb Hoover Deutschland regelmäßig besucht hat. Doch als ordinierte Rabbinerin war sie noch nie zu Besuch. Ihr ist es deshalb eine besondere Freude, an dem Austauschprogramm teilzunehmen.

Nicht alle Rabbis gehören der gleichen Glaubensrichtung an. Neben den reformierten, sind auch orthodoxe, konservative und liberale Rabbis in der Reisegruppe. Am Montagabend trafen sie das erste Mal im koscheren Restaurant Gabriel auf ihre jungen Austauschpartner von der Albrecht-Dürer Oberschule aus Neukölln sowie der Bertha von Suttner Oberschule aus Reinickendorf. Das Treffen stand unter dem Motto »Heimat und Exil«. Die Veranstalter von Brigde of Understanding hatten die Rabbis gebeten einen Gegenstand mitzubringen der ihnen so am Herzen liegt, dass sie ihn im Falle einer überstürzten Flucht auf jeden Fall mitnehmen würden. Auch die Schüler sollten solch einen Gegenstand mitbringen. Die Idee ist ganz einfach. Eine Annäherung wird dadurch erleichtert, dass dieser konkrete Gegenstand und die damit verbundenen Erinnerungen dem Gegenüber erst einmal aus persönlicher Sicht erklärt werden. Dies ermöglicht eine Annäherung, ohne gleich die politischen Unterschiede in den Vordergrund zu rücken.

Rabbi Jeffrey R. Astrachan brachte einen auf mehrere A4-Blättern gedruckten Stammbaum seiner Familie mit und erläuterte lächelnd, dass ihm seine Verwandtschaft das Wichtigste im Leben sei. Heidi Hoover hatte einen sehr alten Kiddushbecher aus Familienbesitz mitgebracht und Rabbi Eleanor Perlman stellte die Shabbatkerzen den Berliner Schülern vor. Für die 17- und 18-Jährigen waren dies Objekte aus einer anderen Welt, die ihnen kurz vorgestellt wurden. Doch daraus entwickelten sich lange Gespräche.

Am heutigen Mittwoch folgt der Gegenbesuch. Aufgeteilt auf vier Schulen, zwei in Berlin und zwei in Oranienburg, werden die New Yorker Rabbis vor Ort den Dialog fortsetzen. In Neukölln wollen die Schüler mit ihren amerikanischen Besuchern Moscheen, Kirchen und Synagogen besuchen. In Reinickendorf soll nach einer größeren Diskussionsrunde in der Mediathek in kleinen Gruppen über die von den Schülern mitgebrachten Gegenstände gesprochen werden.

Dagmar Weiler, die Organisatorin von Bridge of Understanding, erhofft sich dadurch eine Vertiefung des Verständnisses für die Geschichte und das Leben auf beiden Seiten des Atlantiks. Dabei bringen die persönlichen Gegenstände die Menschen überhaupt erst ins Gespräch.

Dienstag, 19. September 2006

Mit Rassismus ins Parlament

Mit gut drei Prozent zogen die rechtsextremen Republikaner am Sonntag in die Pankower Bezirksvertetung ein - geholfen hat ihnen dabei möglicherweise die Mobilisierung gegen die geplante Moschee im Stadtteil Heinersdorf.

 

Ralf Fischer / Mut gegen rechte Gewalt


Die Republikaner waren schon seit einigen Jahren nicht mehr in einem Berliner Bezirksparlament vertreten. Doch in Pankow zogen sie am Sonntag mit knapp über drei Prozent erstmals wieder in eine Bezirksvertretung ein. Zu verdanken haben das die Rechtsextremisten einer Wahlabsprache mit der NPD und der monatelangen Mobilisierung durch einen Bürgerverein gegen einen geplanten Moscheebau im Pankower Stadtteil Heinersdorf.

Die Kirche im Dorf zu lassen, und die Moschee in Istanbul, das versprachen die REPs ihren Wählern in ganz Berlin. Doch nirgendwo in der Stadt war mit diesem Spruch oder den anderen à la "Deutsch ist geil" ein Blumentopf, geschweige denn Wählerstimmen, zu gewinnen. Außer in Pankow, dort wussten die meisten Wahlberechtigten sofort etwas mit dem Slogan anzufangen. 4.822 fanden ihn sogar so gut, dass sie dem Urheber der Parole ihre Stimme gaben. Dies reicht für einen Sitz im Bezirksparlament, womit in der traditionell rechten Hochburg Pankow der Niedergang der Republikaner zumindest vorerst gestoppt wäre.

Bisher gestaltete sich die Geschichte der Republikaner in Pankow mehr als wechselvoll, doch der Bezirk blieb immer eine regionale Hochburg. Zwar war es den REPs zuletzt 1999 gelungen einen Bezirksverordneten in Pankow zu stellen, aber allein schon die Präsenz der Bundeszentrale der Partei ließ die parlamentarischen Misserfolge immer wieder in Vergessenheit geraten. Nachdem - aus finanziellen Gründen - die Bundeszentrale Ende 2003 aus Pankow wegziehen musste, wurde es auch im Bezirk merklich ruhiger um die Partei.

Erfolge der rechten Volksfront

Kameradschaften und die lokale NPD versuchten gemeinschaftlich das Vakuum welches die REPs hinterließ zu schließen. Zu Anfang eher erfolglos. Erst mit dem Zuzug des Neonazikaders Jörg Hähnel aus Frankfurt/Oder kam dann langsam auch der Erfolg. Unter seiner Führung wurden Sammlungsprojekte in der Kameradschaftsszene wie die Vereinten Nationalisten Nordost (VNNO) aus der Taufe gehoben und die lokalen NPD-Strukturen wieder reaktiviert. Der seit 2000 auch im Bundesvorstand der NPD aktive Hähnel ist seit seinem Umzug in die Hauptstadt Berlin auch presserechtlich Verantwortlicher für die Wahlkampfmaterialien der NPD und musikalisch immer für die "nationale Erweckung des Volkes" unterwegs. Außerdem ist er aktiv in der Organisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) wo er mit Gitarre und seinem Gesang dafür sorgt, dass der Nachwuchs auch ausreichend politisch indoktriniert wird.

So viel Aktivität kommt bei den extremen Rechten an. Wie nicht wenige Mitglieder der Pankower Republikaner in den letzten zwei Jahren sind im Zuge der Umstrukturierung der lokalen NPD auch einige jüngere Kameradschaftsaktivisten in die aktionistische Partei eingetreten. Wegen dem regen Zulauf konnte der Kreisverband Pankow neben einem Stützpunkt der Jungen Nationaldemokraten auch einen Ortsverband für den Stadtteil Pankow aufbauen. Derart organisatorisch gestärkt war es dem Kreisverband Anfang diesen Jahres überhaupt möglich eine größere Kampagne gegen den geplanten Bau einer Moschee in Pankow zu fahren. Im Gefolge dieser Kampagne rochen auch die Republikaner wieder Morgenluft. Durch eine Wahlabsprache mit der NPD kamen die REPs in die komfortable Situation in ihrer alten Hochburg Pankow als einzige rechtsextreme Partei anzutreten. Womit sie erst wieder eine kleine Chance hatten in das Regionalparlament einzuziehen.

Rechte Prominenz abgedrängt

Den Anfang der Kampagne Nein zur Moschee in Pankow der NPD machte eine Demonstration im Frühjahr diesen Jahres ausgehend vom S-Bahnhof Wollankstraße. Anwesend auf der Demonstration waren neben der üblichen Verdächtigen aus dem Umfeld der NPD und der Kameradschaften auch der lokale CDU-Funktionär Bernhard Lasinski sowie der ehemalige Landesgeschäftsführer der Republikaner sowie Kreisvorsitzende in Pankow, Detlef Britt. Was damals noch zu einem mittleren Skandal reichte – eine gemeinsame Manifestation von militanten Rechtsextremen und Rechtskonservativen – wurde über den Sommer hinweg zu einer handfeste Allianz aus Rassisten, Antidemokraten und Neonazis. Und zur Normalität. Nach der NPD demonstrierte regelmäßig eine Bürgervereinigung gegen die Moschee deren gesamte Öffentlichkeitsarbeit fast nur daraus zu bestehen schien, sich von Rechtsextremisten abzugrenzen, die aber auf der Straße jedes Mal aufs Neue das Gegenteil unter Beweis stellten. Zu den Demonstrationen der Interessensgemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger (IPAHB) gesellten sich neben bekannten NPDler, militante Kameradschaftsaktivisten, Republikaner auch Mitglieder der so genannte Reichsbürgerbewegung, einem illuster Verein aus deutschen Holocaustleugnern. In den Augen nicht weniger Demonstrationsteilnehmer kein wirklich dringliches Ärgernis.

So überraschte es auch als am vergangenen Donnerstagabend (14.9.) – die Bürgerinitiative hatte mal wieder zur Demonstration gerufen – die versammelten Rechtsextremisten in einem zaghaften Zusammenspiel aus Polizei und Demonstrationsveranstalter aus dem Zug herausgepickt und an das Ende der Demonstration verbannt wurden. Zwar gab es unter einander dafür viel Aufregung und nicht wenige engagierte Bürger ließen deshalb ihrem Unmut freien Lauf, aber erstmals seit Beginn ihres Demonstrationsmarathons zogen die 2000 Heinersdorfer Bürger getrennt von den Neonazis durch den Kiez.

Die prominente Unterstützung vom NPD-Vorsitzenden Udo Voigt und seinem Wahlkampfteam war im Vorfeld der Wahlen wohl sogar den bürgerlichen Moscheegegnern zu suspekt, als das man sich zusammen auf der Straße blicken lassen wollte. Der zukünftige Bezirkverordnete von Treptow-Köpenick verschwand ebenso schnell wie er auftauchte. Sein Kamerad Hähnel, er wurde am Sonntag in die Bezirksverordnetenversammlung von Lichtenberg gewählt, blieb dagegen vor Ort und dirigierte die rund 150 Rechtsextremisten durch die Dunkelheit. Den Versuch seiner Jungs am Ende der Demonstration mit einer aktionistischen Propagandashow zu brillieren machte die Polizei schnell zunichte. Acht Personen wurden verhaftet und wegen Volksverhetzung angezeigt.

Keine Anzeige wegen Volksverhetzung dagegen bekam der fleißig mitdemonstrierende Kreisvorsitzende der Pankower Republikaner, Michael Rauschenbach. Stattdessen wird er in Zukunft im Bezirksparlament eine Politik betreiben, die "die Meinung der Bürger im Bezirksparlament mit Nachdruck zu Gehör" bringen will. Dass damit eher die 6000 Bürger von Heinersdorf gemeint sind, als die restlichen 344.000 Pankower kann wohl als sicher gelten.

Samstag, 10. Juni 2006

Pankower Bürgermob

Seite an Seite mit Rechtsextremen zeigen Pankower Bürger, dass religiöse Toleranz nicht ihre Tugend ist.

  

Ralf Fischer und Juri Eber / Mut gegen rechte Gewalt


Eine in sich Gründung befindende "Interessengemeinschaft Pankow - Heinersdorfer Bürger" (IPAHB) mobilisierte am Mittwochabend rund 1000 Moschee-Gegner auf die Straße. Unter den Demonstranten befanden sich bekannte Neonazis und rechte Jugendcliquen.

Obwohl der Bau der ersten Moschee in Ostberlin so gut wie genehmigt ist, demonstrieren die Anwohner im Monatstakt gegen den geplanten Bau. Die Gegner des Moscheebaus sehen darin eine Chance letztendlich den Bau doch noch zu verhindern. Am linken Gegenprotest gegen die populistische Manifestation der Heinersdorfer beteiligten sind nur knapp 100 Personen.

Mittwochabend in der Pankower Tiniusstraße, langsam aber sicher macht sich Volksfeststimmung breit. „Molli rein, und fertig“ antwortet ein fünfzigjähriger Familienvater trocken auf die Frage seines Kumpels, mit dem er gemeinsam auf den Start der Demonstration wartet, „Was denn eigentlich jenseits der Demonstration zu tun wäre“. Die Stimmung brodelt. In trauter Eintracht stehen Heinersdorfer Familien neben Gruppen Ostberliner Hooligans, rechten Jugendcliquen und vereinzelten Neonazikadern. Lautstark werden alte Bekannte oder auch die Nachbarn begrüßt und über allen Köpfen wehen die Deutschlandfahnen im Wind.

Der ganze Aufwand gilt der muslimischen Ahmadiyya Gemeinde aus Berlin-Reinickendorf, die plant auf einer rund 4000 Quadratmeter großen Industriebrache an der Tiniusstraße ein Gemeindezentrum und eine Moschee mit einem 12 Meter hohen Minarett zu errichten. Dies zum Anlass nehmend demonstrierte schon am 1. April diesen Jahres die lokale NPD mit rund 200 Anhängern durch Pankow und ebenso eine ominöse „Bürgeraktion gegen Überfremdung“ im Mai mit rund 450 Anhängern.

Für den 07. Juni rief nun die Interessengemeinschaft Pankow – Heinersdorfer Bürger (IPAHB) zur Demonstration unter dem Motto „Gegen das Kalifat, gegen die Scharia, gegen den Missbrauch der Religionsfreiheit - Für die Gleichberechtigung der Frauen, für die Bürgerrechte, für Demokratie und Bürgerbegehren, für den Rechtsstaat!“ auf. Am Ende der Parolenlitanei fordert die IPAHB alle extremistischen Gruppen dazu auf, die Demonstration weder zu verunglimpfen noch sie für eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Alle waren sie da

Doch beides geschah nicht. Die Berliner Gruppe Kritik und Praxis (KP) mobilisierte kurzfristig gegen den Aufmarsch und rief gemeinsam mit dem Pankower Netzwerk gegen Rassismus, Antisemitismus und rechte Gewalt dazu auf sich an zwei Gegenkundgebungen zu beteiligen Das Motto "Den rassistischen Konsens kippen - Schluss mit der Hetze gegen den Moscheebau in Pankow".

Die lokalen Neonazis brauchten erst gar kein Motto um sich an der Demonstration der Heinersdorfer Bürger zu beteiligen. So tauchte der ehemalige Pankower Republikaner Detlef Britt Seit an Seit mit Jörg Hähnel, dem Pankower NPD-Kreisvorsitzenden, ebenso auf dem Antrittsplatz der Demonstration auf, wie das DVU-Landesvorstandsmitglied Sascha Kari aus Berlin-Neukölln. Neben den beiden altbekannten Kadern nahmen auch weitere Mitglieder des lokalen NPD-Kreisverbandes, Mitglieder einer Kameradschaft aus dem Prenzlauer Berg sowie Autonome Nationalisten ungestört an der Demonstration teil.

Kein Kommentar

Für die Aktivisten der Interessensgemeinschaft Pankow - Heinersdorfer Bürger war dies kein besonderer Grund sich aufzuregen. Die gute Stimmung der Organisatoren trübten nur die nach fünfzig Metern erstmals auftauchenden Gegendemonstranten. Als diese nur in Sichtweite kamen schlug die bis dato ausgelassene Stimmung der Moscheegegner schlagartig um in Hassgesängen und aggressiven Gesten. Die zum Mob mutierten Teilnehmer reagierten mit "Haut ab" Rufen und wilden gestikulierenden Armbewegungen in Richtung Gegenkundgebung. Die Polizei hatte alle Mühe beide Seiten auseinander zuhalten.

Die erst Mitte März, mit dem Ziel „den Bau dieser Moschee in Pankow zu verhindern“ gegründete Interessensgemeinschaft Pankow - Heinersdorfer Bürger ließ einen Tag nach der Demonstration auf ihrer Internetseite verlauten, dass sie ihre Aktion „ein großer Erfolg“ war und eine „gelungene Veranstaltung“. Wegen der Teilnahme prominenter Neonazis bleibt die IPAHB eher maulfaul. Zu Recht, es wäre für sie auch schwerlich möglich, in einem Atemzug zu behaupten, dass die Demonstration ein Erfolg war und zu zugeben, dass mehr als zwei Dutzend organisierte Neonazis daran teilnahmen.

Donnerstag, 1. Juni 2006

Neues aus der Rechten Szene

Datenkrieg im Internet und neueste Erfolge der «Datenantifa»

 

Ralf Fischer / Jüdische Zeitung


Getreu dem Motto «Wissen ist Macht» bekämpfen sich Antifaschisten und Neonazis nicht nur auf der Straße. Auch im virtuellen Cyberspace wird mit harten Bandagen um jede noch so kleine Information gekämpft. Zumeist in den frühen Morgenstunden schlagen die anonymen Angreifer zu. Akribisch vorbereitet, reichen ihnen nur einige wenige Befehle und Tastenkombinationen, um die Schutzmassnahmen des jeweiligen Computers zu knacken.

Für die Internetseitenbetreiber kaum zu registrieren, verschaffen sie sich in Sekundenschnelle Zutritt zu allen Daten, die auf dem Server liegen - und klauen sie regelrecht: In den letzten anderthalb Jahren verschafften sich auf diesem Wege organisierte Antifaschisten die Daten von über 30 rechtsextremen Internetportalen in Deutschland und verbreiteten sie, für alle einsehbar, im Internet. Zum Abschied hinterließen die politisch motivierten Datendiebe immer ein kurzes Statement, damit der oder die Betroffene auch den Grund des Besuches durch die virtuelle Antifa genau nachlesen konnten. Doch auch die Gegenseite reagiert auf dieses neue Phänomen. So wurden im letzten Jahr die Internetausgabe des Antifa-Versandes sowie das Internetforum des Berliner Anti-Defamation-Forum ADF gehackt. Während die vorgefundenen Kundendaten des Antifa-Versandes einige Tage später im Internet veröffentlicht wurden, hatten die Betreiber des ADF-Forums etwas mehr Glück. Im Forum wurden nur alle Benutzerprofile gelöscht, ansonsten keine Daten entwendet.

Öde Neonazis

Nach allgemeinem Verständnis ist ein «Hacker» ein «talentierter Computerspezialist», der die Sicherheitsbarrieren von Computersystemen überwinden und in diese fremden Systeme eindringen kann. Ein Hacker, der seine Fähigkeiten zu politischen Zwecken einsetzt, wird allgemein «Hacktivist» genannt. Die neue Generation von antifaschistisch motivierten Hacktivisten, die in den letzten Jahren verstärkt im Internet aktiv geworden sind, bezeichnen sich selbst «Datenantifa».

Aktuell haben die «Datenantifas» gleich zwei wichtige Knotenpunkte der neonazistischen Szene geknackt. Am 22. Februar diesen Jahres mussten die Betreiber des neonazistischen «Aufruhr»-Versands aus Thüringen verblüfft feststellen, dass alle ihre Daten, statt, wie sonst üblich, auf ihrem Computer, nun auf dem linken Internetportal Indymedia zum downloaden bereitlagen. 7.500 Datensätze gaben darüber Auskunft, wer, wann und was bei dem Neonaziversand - etwa Klamotten, CDs oder anderen Propagandamüll - bestellt hat und mit welchen verfassungsfeindlichen Grüßen die Kunden ihre Bestellungen aufgaben.

Für die Antifaschisten war dieser Coup nur einer von vielen. Doch die steigende Flut an rechtsextremen Internetangeboten macht es den Hacktivisten nicht gerade leichter. So hinterließ die Datenantifa auf den Seiten des «Aufruhr»-Versandes eine Botschaft, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: «Ihr Nazis, langsam haben wir es satt! Es ist immer dasselbe, es ist langweilig und ödet uns an! Wir tun es trotzdem! Und wir werden es weiter tun! Denn lieber ein bisschen Öde als euch auf der Straße oder im Netz! Aber wir sind ja nicht so! Wir machen euch ein Angebot! Jede Naziseite, die ab sofort freiwillig offline geht, werden wir nicht hacken! Versprochen! Das ist eure Chance! Wirklich! Wir halten unsere Versprechen! Ganz ehrlich! (...) Eure (entnervte) Datenantifa.»

Nationale Sozialisten gegen schwarze Schafe

Knapp eine Woche später, keine rechtsextreme Internetseite ging natürlich auf das Angebot der «Datenantifa» ein, wurde das Forum des neonazistischen «West-Versand» gehackt. Der nach eigenen Angaben als «Versand für Kameraden» firmierende T-Shirt-Handel musste sein Forum vorerst schließen. Auch das Radioprogramm der Neonazis war vor der «Datenantifa» nicht sicher. Mit nur einigen Tagen Verspätung wurde auch dieses Angebot des West-Versandes aus den Weiten des World Wide Web entfernt.

Die betroffenen Betreiber reagieren unterschiedlich. Während der «West-Versand» ankündigte, sein Angebot bald wieder im Internet online zu stellen, haben einige der angegriffenen Internetprojekte ihr Angebot komplett eingestellt oder zumindest grundlegend überarbeitet. Doch der Druck auf die Betreiber wächst auch aus der eigenen Szene. Auf der Internetseite des szeneintern sehr bekannten «Freien Widerstand» wurden schon mehrfach Beiträge veröffentlicht, in denen vor unsicheren Internetseiten, speziell Versandunternehmen, gewarnt wurde.

Die Sicherheit der eigenen Kunden, also der zukünftigen oder schon aktiven Kameraden, liegt den neonazistischen Führern sehr am Herz. Weshalb auch die so genannten schwarzen Schafe verbal geoutet werden, und zum Teil wird sogar, gegen besonders leichtsinnige Betreiber, zum Boykott aufgerufen.

Gefundenes Fressen für Antifa und Polizei

Die Ausbeute der «Datenantifa» ist recht unterschiedlich und zumeist nur für Insider zu nutzen. Mit den Adresslisten der Kunden können nur eingeweihte Antifa-Rechercheure oder die Strafverfolgungsbehörden etwas anfangen. Aber das reicht zumeist schon aus. Die sich in Sicherheit wiegenden Nutzer der neonazistischen Internetangebote geben viele interne Informationen preis, die nur auf diesem Wege gewonnen werden können. Für die Strafverfolgungsbehörden genauso ein gefundenes Fressen wie für die lokale Antifa.

So lies ein Sprecher des Thüringischen Verfassungsschutzes nach dem Hack auf den «Aufruhr»-Versand gegenüber dem MDR durchblicken, dass man mit «den Informationen arbeiten» werde. Schon mehrfach wurde das Versandhaus von der Polizei durchsucht, unter anderem wegen des Verdachts der Volksverhetzung und Verbreitung verfassungsfeindlicher Symbole.

Fazit

Die Bedeutung, die das Internet für die Organisierung der rechten Szene gewonnen hat, wächst von Tag zu Tag. Im World Wide Web könnnen mit wenig Aufwand und einem breitem Publikum als Adressaten Propaganda, egal ob schriftlich, in Form von Musik oder Film, betrieben und natürlich neue Mitglieder geworben werden. Die regionalen Strukturen tauschen sich über dieses Medium aus und erhöhen ihren Organisationsgrad. Hier werden überregionale Netzwerke geknüpft und strategische Diskussionen geführt, häufig unbeobachtet von Staatsschutz und Antifa.

Jeden Tag kommen weltweit neue rechtsextreme Internetangebote zu den schon bestehenden hinzu. Seiten, auf denen verfassungsfeindliche Inhalte dargeboten werden, befinden sich nur im seltensten Fall auf deutschen Domains, auf die die deutsche Polizei Zugriff hätte. Solche Seiten werden auf ausländischen Servern gelagert und sind über viele - aber vor allem nichtdeutsche - Domains erreichbar.

Der Kampf der Strafverfolgungsbehörden gegen diese illegalen Inhalte im Internet artet immer mehr zur Sysiphosarbeit aus. Gerade die im Ausland gehosteten Internetseiten stellen ein sehr großes Problem dar. Es kommt nur selten vor, dass die Beweislage gegen die Betreiber überhaupt ausreicht, um ein Gerichtsverfahren gegen sie anzustrengen. Wenn es dennoch ausreicht, dann ist der Betreiber nicht zu erreichen, da er sich im Ausland nicht strafbar gemacht hat. Ein Weg aus diesem Dilemma ist die verdeckte Arbeit der «Datenantifa».

Mittwoch, 24. Mai 2006

Mit der NPD gegen geplante Moschee

500 Pankower demonstrierten gemeinsam mit Neonazis gegen den geplanten Bau einer Moschee

 

Ralf Fischer & Juri Eber / hagalil.com


Für den frühen Samstagvormittag rief eine 'Bürgeraktion gegen Überfremdung' zum Protest gegen den geplanten Bau einer Moschee in Berlin – Heinersdorf auf. Statt der 100 Teilnehmer wie von den Veranstaltern erwartet, folgten dem Aufruf weit über 450 Menschen. Unter ihnen waren auch 40 Neonazis.

Während die Jungen Liberalen noch am Straßenrand ihre Materialien für ihre Gegenkundgebung inklusive symbolischer Grundsteinlegung aufbauen, strömen immer mehr Anwohner zum Startpunkt der Demonstration. Die Flugblätter, die ihnen von den jungen Moscheebaubefürwortern gereicht werden, und auf denen mit Friedrich dem Großen, der den Satz prägte "In meinem Staate kann jeder nach seiner Facon selig werden", argumentiert wird, belächeln sie nur. 

Derweil hundert Meter weiter in der Tiniusstraße - direkt vor dem Grundstück, auf dem die Moschee von der Ahmadiyya Gemeinde gebaut werden soll - sammeln sich die Gegner des Moscheebaus. Einfache Heinersdorfer Bürger stehen Seit an Seit mit Mitgliedern des Pankower NPD-Kreisverband, des Märkischen Heimatschutzes und Anhängern der Berliner Kameradschaftsszene. Unter ihnen der rechtsextreme Multifunktionär Jörg Hähnel, seines Zeichen Vorsitzender des lokalen NPD-Kreisverbandes und Mitglied im Bundesvorstand der NPD, das DVU-Mitglied Sascha Kari ebenso wie der Anti-Antifa-Aktivist Paul Schneider. Die Stimmung ist gereizt. Die Verbalnote des Demonstrationsanmelders, nicht gemeinsam mit Rechten oder Linken demonstrieren zu wollen, bleibt an diesem Tag ein hehrer Wunschtraum.

Aufstand der Kleinbürger

Als es losgeht ist klar, dass die Neonazis mitmarschieren dürfen, am Ende der Demonstration als eigener Block. Später steht auf den Seiten der Berliner NPD zu lesen, dass Hähnel und Kameraden 'privat' an der Veranstaltung teilnahmen. Der Grund dafür ist simpel: Parteienvertreter wollten die Bürgeraktion eigentlich nicht auf ihrer Demonstration dulden. Doch in bestimmten Notsituationen kennen bekanntlich Deutsche keine Parteien mehr: Es gilt nur noch das völkische Prinzip.



10:30 bewegt sich der Mob aus Neonazis, Stammtischrassisten und chauvinistischen Kleinbürgern mit dem Ziel Rathaus Pankow los. Mit den Rufen "Nein, nein, nein zur Moschee" biegt die Demonstration lautstark aus der Tiniustraße in die Prenzlauer Promenade ein. Als das Häuflein Liberaler ins Blickfeld der Demonstranten rückte, entlädt sich das erste Mal der geballte Zorn. "Geht doch nach Hause", oder Angebote, doch endlich in die Linkspartei überzutreten, prasselten wild auf die Gegendemonstranten ein.

Nur hundert Meter weiter steht das Original am Rande der Demonstration, eine Abordnung der Linkspartei mit dem Transparent "Für Religionsfreiheit und Toleranz". Neben dem Bezirksvorsitzenden aus Pankow, Gernot Klemm, dem Mitglied im Abgeordnetenhaus, Marion Seelig, stellte sich auch der Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, Stefan Liebich, öffentlich gegen die rassistische Hetze von Rechts. Die Antwort aus dem Demonstrationszug war dementsprechend und vielstimmig: minutenlang stimmten die Moscheegegner "Schämt Euch" Sprechchöre und Buhrufe an.

Kein Ende der Fahnenstange in Sicht

Den rund 30 autonomen Antifaschisten, die ständig versuchten an die Route zu gelangen, um die Demonstration zu blockieren, erging es ebenso. Wenn sie nicht gerade von der Polizei weiträumig vom Demonstrationszug fern gehalten wurden, bekamen sie die Schimpftiraden der Moscheegegner zu hören. Die Sprechchöre der Antifaschisten gehen einfach immer wieder im Lärm der Heinersdorfer Bürger unter.

Anderthalb Stunden später, gegen 11:30, endete der braune Spuk vor dem Rathaus Pankow. Der befürchtete Sturm aufs Rathaus blieb am 20. Mai zwar vorerst noch aus, doch die Organisatoren von der rechten Bürgeraktion kündigten schon an, mit ihrem Straßenprotest weiterzumachen. An Selbstbewusstsein jedenfalls mangelt es den Moscheegegner nicht. Nachdem der juristische Einspruch gescheitert ist, wollen sie nun über den Druck der Straße verhindern, dass die erste Moschee in Ostberlin Realität wird. Bleibt zu hoffen, dass sie damit keinen Erfolg haben.