Dienstag, 26. März 2013

Sorgen Deluxe

Ein Hamburger Rapper hat sich verschworen

Ralf Fischer / Junge Welt

Die Amerikaner waren niemals auf dem Mond. Adolf Hitler hätte das auf jeden Fall mitbekommen. Bekanntlich wohnt er seit Jahrzehnten auf der Rückseite des Mondes und beobachtet von dort aus interessiert das Zeitgeschehen. Die geheime Weltregierung unter Führung der wahlweise Juden, Freimaurer, Illuminaten oder des Pentagons verhindert, daß diese Enthüllungen publik werden. Solcherlei Irrsinn ist das Schmiermittel in einer Gesellschaft, die frei von Meinungen ist, diese aber ständig in ein elektronisches Gerät einhämmert, als gebe es kein Morgen mehr. Es sind die Geschichten, die das Einfache schwer machen, in dem sie komplexe Zusammenhänge so darstellen wie einen Comicstrip.

Samy Deluxe, einst Hoffnungsträger des deutschsprachigen Raps, ist dieser beschissene Alltag in der »Scheiß-Welt« nicht verborgen geblieben. Ganz im Gegenteil. Seine Idee, eine ironische Brechung des Wahnsinns auf einen Beat zu legen, um damit das geneigte Publikum aufzurütteln, konnte nur nach hinten los gehen. »Ich führe eine Rebellion an. In der ich selbst der Gegner bin« postuliert Samy Deluxe, der am Tag der Deutschen Einheit gern den Klassenkasper zur Freude der sich aus diesem Anlaß zahlreich versammelten »Idioten« spielt. Nach Jahren des gelebten Partynationalismus möchte der Hamburger einen Imagewechsel vollziehen. Sein neues Album »Fröhliche Weltuntergangsmusik« verspricht auf den ersten Blick ätzende Kritik, ergeht sich jedoch im endlosen Aufzählen von unterschiedlichen Menschheitsverbrechen in Reimform. Titel wie »Amnesia International« klingen weit spektakulärer, als sie es letztlich sind.

Musikalisch ziemlich eintönig geraten, können auch die Reime nichts mehr retten. Jammern auf hohem Niveau, mehr hat Samy Deluxe alias »Herr Sorge« seinen Fans nicht zu bieten. Eine kritische Annäherung an die Realität endet im melancholischen Downbeat. »Einer Gesellschaft, wo die Menschen dumm sind, dafür alle Telefone so smart. Und die Moral und Werte sind nach unten versunken, und wir schicken Satelliten zum Mars.« Die Einsicht in das geistige wie auch ästhetische Elend endet nicht in einem Refrain, der zum Klassenkampf aufruft. Im Gegenteil. Der kommende Weltuntergang ist Samys einzige Alternative zum derzeitigen Desaster.

Bis es soweit ist, wird Samy De­luxe im Nebenjob noch einige weitere Sneaker in Zusammenarbeit mit Reebok gestalten. Auf vier Modelle hat er es schon gebracht. Den unterbezahlten Kindern, die in Asien diese Schuhe produzieren, verschafft der Hamburger so wenigstens etwas Ablenkung von der Hoffnung, eines Tages ein besseres Leben zu führen.

Herr Sorge: »Verschwörungstheorien mit schönen Melodien« (Vertigo Berlin /Universal)

Freitag, 8. März 2013

Fortgeschleudert

Aus gegebenem Anlaß: Ein Bildband über die ersten 70 Jahre Fußball in Dresden

Ralf Fischer / Junge Welt


Dynamo Dresdens Berufungsverhandlung gegen den Ausschluß vom DFB-Pokal 2013/14 wegen »unsportlichen Verhaltens seiner Anhänger« verlief am Donnerstag unerwartet zäh. Am Nachmittag wurden die Dynamo-Fans vor dem DFB-Bundesgericht durch Bernd Kirschning belastet, der beim fraglichen Pokalspiel im Herbst in Hannover den Polizeieinsatz geleitet hatte. »Es ist permanent zu Anfeindungen gekommen«, erklärte er. Das trug nur nichts zur Klärung der zentralen Frage bei, ob ein Verein für Fans in Haftung genommen werden kann, gegen die er machtlos ist. »Daß dem Verein Dynamo Dresden kein Verschulden nachzuweisen war«, steht im erstinstanzlichen Urteil vom Dezember. Gleichwohl sei das »Fehlverhalten der sogenannten Anhänger (...) dem Verein zuzurechnen«.

Dieser »sogenannten verschuldensunabhängigen Haftung der Vereine“ fehle »die gesetzliche Legitimation«, hatte Sportrechtler Christof Wieschemann vorab erklärt. Hierzulande hafte, wer sich fahrlässig oder bewußt fehlverhalten habe. »Einzige Ausnahme: Bei nicht beherrschbaren Gefahren wie bei Tieren haftet der Halter.« Bei Redaktionsschluß begann in dieser Gemengelage gerade ein »Rechtsgespräch« zwischen den Parteien unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Wie auch immer das Urteil nun ausgefallen ist – es relativiert sich mit Blick auf die Dresdner Fußballgeschichte, die länger ist, als man meinen könnte. Jens Genschmar hat im neuen Bildband »Dresden – Wiege des Fußballs“ die ersten 70 Jahre aufbereitet.

Alles begann damit, daß einige Engländer und Amerikaner im Frühjahr 1874 vor dem Eingang des Großen Gartens ein Spiel uraufführten, »bei dem Bälle mit dem Fuße fortgeschleudert werden«, wie ein zeitgenössischer Journalist erstaunt berichtete. Diese Pioniere des Rasenspiels gründeten dann den ersten Fußballklub in Deutschland und einen der ersten auf dem europäischen Festland. Ihr Dresden English Football Club (DFC) sollte 15 Jahre lang die ungeschlagene Nummer eins in der Stadt bleiben. Aus ihm ging 1898 der bald legendäre Dresdner Sport-Club (DSC) hervor. Deutschlandweit wurden um die Jahrhundertwende Vereine gegründet. Hauptsächlich Schüler und Studenten betrieben den Sport aus England. In Dresden entstanden Vereine wie Dresdensia (1898), Brandenburg (1901), Guts Muts (1902) und Dresdner Fußballring (1902). Das Flaggschiff aber blieb vorerst der DSC. Im ersten Endspiel um die Mitteldeutsche Meisterschaft unterlag er 1902 dem SC Wacker 1895 Leipzig mit 3:6. Drei Jahre später schaffte er es ins ins Halbfinale um die deutsche Meisterschaft, wo der Berliner TuFC Union mit 5:2 die Oberhand behielt. Die Mitteldeutsche Meisterschaft gewann der DSC bis 1933 insgesamt sechsmal.

Parallel zu den bürgerlichen Vereinen spielte der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) eine eigene Meisterschaft aus, diese gewann viermal hintereinander der Dresdner SV (DSV). Als kommunistische Vereine und Einzelpersonen aus dem sozialdemokratisch dominierten ATSB ausgeschlossen wurden, gewann der DSV 1931 die Meisterschaft der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit. Neben solchen Eckdaten bietet Genschmars Band interessante Statistiken, aber vor allem tolle Bilder und Illustrationen. Einziger Wermutstropfen: Als Direktor des Dresdner Fußballmuseums hätte er leicht mehr Hintergründe der angerissenen Themen erschließen können. Allzu selten taucht er tiefer in die Materie ein, beläßt es bei Schlaglichtern auf Vereine und Erfolge. Eine Ausnahme ist das kurze Kapitel über den Frauenfußball der 20er Jahre. Hier hat Genschmar ganze Arbeit geleistet. Die Fotos aus der Sammlung seines Museums sind sensationell. Sie beweisen, daß Frauen in Zipfelmützen schon 1921 dem runden Leder hinterherjagten. Während ab 1933 die Nazis und dann wieder ab 1955 der DFB den Damen das Fußballspielen gänzlich verboten, war es in der Weimarer Republik noch üblich, daß Frauen und Männer im selben Verein spielten.

Jens Genschmar: Dresden – die Wiege des Fußballs: Fußball in Bildern 1874-1945. Edition Sächsische Zeitung 2012, 160 Seiten, 19,90 Euro

Freitag, 1. März 2013

»Heut is Fußball!«


Auf der Antisemitismusliste des Simon-Wiesenthal-Centers belegen die (west)europäischen Fußballfans einen Spitzenplatz. Weit vor einem gewissen Herrn Augstein. Deutsche Medien nehmen davon kaum Notiz.  

Ralf Fischer / Konkret 


Es ereignete sich mitten in der Wiener Innenstadt. »Hau ab, du Scheißjude! Juden raus! Heil Hitler!« Mit diesen Worten wurde ein Rabbiner am Schwedenplatz lauthals angepöbelt. Ein Polizist, der den Vorfall beobachtete, schritt nicht ein. Die Entschuldigung für seine spontane und bei anderer Gelegenheit durchaus angebrachte Arbeitsverweigerung: »Na hörn’s, heut’ is Fußball!« Tatsächlich hatten sich an diesem herbstlichen Nachmittag im vergangenen Jahr die Anhänger des Wiener Fußballklubs Rapid zahlreich versammelt. Der Rabbiner versuchte damals, weitere Gesetzeshüter über das Vorkommnis zu informieren. Ohne Erfolg. »Daß diese Polizisten tatenlos zusehen und auch noch grinsen, ein regelrechtes Schockerlebnis«, gab er später zu Protokoll.

Fußballspiele versprechen ihren Anhängern beinahe komplette Narrenfreiheit. Rund um das Spiel werden dem Gegner Verbalinjurien ins Gesicht gerotzt, für die man sich andernorts vor Gericht verantworten müßte. Die Betonung liegt dabei auf ›müßte‹. Als vor fünf Jahren beim Oberheimligaspiel des Halleschen FC gegen die zweite Mannschaft des FC Carl Zeiss Jena immer wieder »Juden Jena«-Rufe ertönten, ermittelte die Staatsanwaltschaft von Amts wegen. Doch zu einer Anklage kam es nicht. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Halle begründete dies gegenüber der Presse kurz und knapp: »Allein ›Jude‹ ist nicht strafrechtlich bewehrt.« In der Kombination mit »Jena« sei das auch nicht anders.

Ungestraft über den Juden herziehen. Beim Volkssport Fußball kann der versammelte Mob seiner Lieblingsbeschäftigung unbehelligt nachgehen. Und er macht ausgiebig davon Gebrauch. Der israelische Bundesligaspieler Itay Shechter wurde einen Tag nach der Niederlage im Derby zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Mainz 05 beim Auslaufen von einer Gruppe eigener Fans bedroht und antisemitisch beleidigt. Das Freundschaftsspiel im Mai letzten Jahres zwischen den Nationalmannschaften von Deutschland und Israel in Leipzig wurde überschattet durch antisemitische Ausfälle des heimischen Publikums. Anhänger der israelischen Nationalmannschaft, die als solche zu erkennen waren, wurden mit Sprüchen wie »Juden, Juden, Juden, raus, raus, raus!« belegt und gefragt, ob sie ihren deutschen Paß dabeihätten. Hitlergrüße sowie der Hinweis auf den »Völkermörder Israel« blieben ebenfalls nicht aus.

Beim DFB-Pokal-Heimspiel des Halleschen FC gegen den MSV Duisburg riefen Auswärtsfans mehrfach rassistische und antisemitische Parolen. Ein Anhänger der Duisburger zeigte außerdem weithin sichtbar den Hitlergruß. Der »Spiegel«-Reporter Rafael Buschmann berichtete von unzähligen rassistischen und antisemitischen Beleidigungen gegen die Schalker Auswärtsfans durch den BVB-Ordnungsdienst im vergangenen Oktober. Ordner hatten die Schalker Fans mit Worten wie »Jude« oder »Kanake« beschimpft, während sich die in Hörweite stehenden Polizeibeamten eins feixten. Bei der Drittligabegegnung zwischen dem SV Babelsberg 03 und dem Chemnitzer FC einen Monat später riefen die sächsischen Fans wiederholt: »Arbeit macht frei – Babelsberg 03«.

Bei unseren (west)europäischen Nachbarn sieht es kaum anders aus. Ob nun propalästinensische Gruppen in Spanien öffentlich vor Wut schnaubten, weil der FC Barelona den ehemaligen Gefangenen der Hamas, den IDF-Soldaten Gilad Shalit, zum clásico eingeladen hatte, in Frankreichs Stadien immer häufiger der Ausspruch »sale juif« dreckiger Jude«) zu hören ist oder die Anhänger von Lazio Rom in ihren Sprechchören über das »Giallorosso ebreo« (»jüdische Rot und Gelb«) herziehen, weil sie als gestandene Faschisten den Fans des Lokalrivalen AS Roma das richtige nationale Bewußtsein absprechen.

Antisemitismus ist Alltag im europäischen Fußball, ganz besonders für die Fans des Londoner Fußballklubs Tottenham Hotspurs. Überall, wo der als jüdisch deklarierte Verein unterwegs ist, besteht für die Fans akute Gefahr, von Antisemiten beschimpft oder angegriffen zu werden. Erst im vergangenen November überfielen italienische Faschisten mit Messern und Schlagstöcken bewaffnet einige Anhänger von Tottenham in der Nacht vor ihrem Auswärtsspiel in Rom. Einen Tag später skandierten die römischen Fans im Stadion immer wieder den Sprechchor »Juden Tottenham« auf deutsch. Kaum zurück auf der Insel, wurden die Tottenham- Fans von den Anhängern des Klubs West Ham United ebenso herzlich empfangen. Deren Fans sangen in Anspielung auf den brutalen Überfall »Können wir euch jede Woche abstechen?« und imitierten Zischlaute in Anspielung auf die Gaskammern in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.

Eine genaue Bestandsaufnahme des alltäglichen Antisemitismus rund um den Lieblingssport der Europäer ist kaum zu realisieren. Weder beim DFB noch bei der UEFA gibt es eine zentrale Informationsstelle, noch kommen alle Vorkommnisse ans Licht der Öffentlichkeit. Wie bei einem Eisberg verschwinden die meisten Ereignisse unbeachtet unter der Oberfläche. Die Spitze allein aber war für das Simon-Wiesenthal-Center alarmierend genug, die europäischen Fußballfans auf Platz vier ihrer Liste der gefährlichsten antisemitischen Beschimpfungen des Jahres 2012 zu setzen. Jakob Augstein dagegen schaffte es nur auf Platz neun.

Dr. Shimon Samuels, der Direktor für internationale Beziehungen des Simon-Wiesenthal- Centers begründete diese Entscheidung mit der »Zunahme antisemitischer Zwischenfälle, und das nicht nur in osteuropäischen Ländern«. Gerade in Westeuropa sei ein massiver Anstieg antisemitisch motivierter Haßpropaganda zu beobachten. »Und der Sprung von antisemitischen oder rassistischen Fangesängen zu konkreten Bedrohungen und Taten kann sehr klein sein«, betonte Samuels im »11 Freunde«-Interview.

Die Chance, im Zuge der Plazierung der europäischen Fußballfans in der Antisemitismus- Liste des Simon-Wiesenthal-Centers die Zunahme antisemitischer Propaganda innerhalb der westeuropäischen Fußballfanszene zum Thema zu machen, wurde nur zu gerne verspielt. In der sogenannten Augstein-Debatte ging es um die plumpe Abwehr treffender Kritik, konkret ging es wieder einmal um die eigenen, dem Geschäft innewohnenden Komplexe. Die Antwort des Betriebs war dementsprechend der Abwehrreflex einer ganzen Zunft. »Wir? Antisemiten? Niemals!« Im Nebel dieses eingeübten Rituals ging eine Nachricht verloren, die es wirklich verdient hätte, auf die Titelblätter zu kommen.

Ich danke meinen Freunden für die Hilfe bei der Recherche.

Ralf Fischer schrieb in KONKRET 11/07 über Bushidos antisemitische Gewaltphantasien 

Freitag, 15. Februar 2013

Immer nur Streß

Dresdner und Cottbuser Fans stehen in der Kritik

Ralf Fischer / Junge Welt


Unsere Probleme auf dem Spielfeld sind anstrengend genug«, diktierte Seffen Menze, Sportchef von Dynamo Dresden, nach dem 0:3 in Kaiserslautern den Journalisten ins Mikrofon. Der sächsische Traditionsklub hat mal wieder mit den eigenen Fans zu kämpfen. Beim Auswärtsspiel gegen den 1. FCK zündeten sie mehrmals Pyrotechnik im Block, nach dem Spiel kam es zu schweren Ausschreitungen mit gegnerischen Fans und der Polizei. Rein sportlich betrachtet stecken die Dresdner übrigens mitten drin im Abstiegskampf.

Freitag abend, ein Flutlichtspiel. Die Stimmung auf dem Betzenberg unterstreichen die Heimfans mit Hunderten Wunderkerzen, im Block von Dynamo Dresden dagegen brennen über ein Dutzend Bengalos. Sächsische Hooligans versuchen zeitgleich, den Nachbarblock zu stürmen. Nach dem Spiel zerstören vermummte Dresdner Anhänger mehrere Shuttlebusse, in denen sich nicht nur Lautern-Anhänger in Todesangst zu verstecken suchen. Anschließend betont der Einsatzleiter der Polizei, solche Ausschreitungen in seiner Karriere noch nie erlebt zu haben. Der Sachschaden beläuft sich auf rund 70000 Euro. Es soll zwei Verletzte gegeben haben.

Nach den Ausschreitungen in Dortmund und Hannover nun also auch in Kaiserslautern. Der Geschäftsführer von Dynamo, Christian Müller, sieht einen deutlichen Zusammenhang: »Es scheint Strömungen bei uns zu geben, die Unterlegenheit auf dem Feld gegen vermeintlich große Klubs mit anderen Aktionen kompensieren.« Peter Pacult, Dynamos Trainer aus Österreich, hat dagegen einen etwas gelasseneren Blick auf die Vorkommnisse: »Warum man jetzt wieder auf die Dynamo-Fans losgeht? Es passiert in jedem Stadion irgend etwas. Auch Wunderkerzen gehören zu Pyrotechnik.« Bestraft werde aber immer nur Dynamo.

Geschäftsführer Müller rechnet mit einer deftigen Geldstrafe vom DFB. In der Hoffnung, diese Strafe etwas abzumildern, will der Verein auf die Kartenkontingente für die drei Auswärtsspiele in Aue, Braunschweig und Berlin freiwillig verzichten. Für den Fall, daß in den nächsten Wochen ein »Dialog« mit den Fans zustandekommen sollte, wollen die Verantwortlichen noch einmal endgültig überprüfen, ob das Kartenkontingent für das Spiel gegen Union Berlin zurückgegeben wird.

Auch der Traditionsverein aus der Lausitz, Energie Cottbus, steht in der Kritik wegen seiner Fans. Der Brandenburger Verfassungsschutz befaßt sich seit einiger Zeit mit der Ultragruppe »Inferno Cottbus« wegen deren fester Verankerung in der örtlichen Neonaziszene. Dem Verein wirft die brandenburgische Verfassungsschutz-Chefin Winfriede Schreiber öffentlich vor, nicht genügend gegen die rechtsextremen Aktivitäten seiner Fans vorzugehen.

Energie-Klubpräsident Ulrich Lepsch weist dies entschieden zurück. Im vergangenen Jahr habe man acht Aktionen gegen rechts im Verein gestartet und gegen 15 Inferno-Ultras Stadionverbote verhängt. Mehr könne ein Sportverein nicht tun.

Freitag, 1. Februar 2013

Betreten verboten

Wenn antirassistische Ultragruppen aufgeben, kehren die Hooligans in die Fußballstadien zurück

Ralf Fischer / Junge Welt


Braunschweig, Rostock, Dresden, Aachen und Düsseldorf. Fünf traditionsreiche Fußballklubs und das gleiche Problem. Die ortsansässigen, antirassistischen Ultragruppen haben sich im Laufe der letzten zwei Jahre aufgelöst oder aus den Stadien komplett zurückgezogen. Auslöser waren gewalttätige Auseinandersetzungen innerhalb der Fanszene, initiiert zumeist von rechtsextremen Fangruppierungen.

Beim Zweitrundenspiel ihrer Alemannia im Mittelrheinpokal gegen Viktoria Köln Anfang Januar sangen die Aachen Ultras (ACU) ihrer Mannschaft das letzte Ständlein. Es war das unschöne Ende einer zweijährigen Auseinandersetzung zwischen antirassistischen Ultras und rechten Hooligans innerhalb der Aachener Fankurve. Drei Tage später verkündeten die Ultras aus Düsseldorf ihren vorläufigen Rückzug aus dem Stadion. In ihrer Erklärung beteuert die linke Gruppe, ihre »Auszeit« habe »interne und strukturellen Gründe«. Trotzdem ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß der Druck von rechten Hooligans auch sie zur Aufgabe zwang.

Ihren Anfang nahm diese Entwicklung im Januar 2011 mit der Auflösung der Unique Rebels (UR) aus Rostock. Ein halbes jahr lang hatten die Antirassisten versucht, sich als Teil der Fankurve von Hansa Rostock zu etablieren. Schließlich wurde den UR-Mitgliedern das Betreten der Südkurve verboten. Auch in Dresden endete der Versuch, eine explizit antirassistische Ultragruppe zu gründen, mit einem internen Blockverbot. Nach dem Zweitligaheimspiel gegen Union Berlin im August 2011 griffen organisierte, rechte Dynamofans die Solo Ultras (SU) mit Flaschen und Steinen an. Seitdem gehen die Solo Ultras ihren eigenen Weg und besuchen nur noch die Fußballspiele der Juniorenmannschaften von Dynamo Dresden.

Oder Braunschweig. Nach fast vier Jahren bei Handball, Jugend-Fußball und Wasserball kehrten Anfang Oktober 2012 die antifaschistischen Ultras aus Braunschweig auf die Ränge des Eintracht-Stadions zurück. Keine vier Wochen später mußten sie sich wieder zurückziehen. Wiederholte Angriffe durch rechte Hooligans in und außerhalb der Stadien zwangen sie dazu. Die Vereinsführung von Eintracht Braunschweig hat das nicht interessiert.

Nicht nur in Braunschweig drücken die Vereinsverantwortlichen bei rechten Straftaten gerne einmal ein Auge zu. Der Fanbeauftragte von Alemannia, Lutz van Hasselt, sieht die Lage in der eigenen Fanszene ebenfalls nicht so dramatisch: »Alemannia Aachen hat sich sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell immer wieder klar gegen Rechtsextremismus und Rassismus positioniert, außerdem wurden Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund konsequent unter anderem mit Stadionverboten bestraft.« Die Realität sieht anders aus.

Seit 1999 begleiten die Aachen Ultras ihre Mannschaft durch die unterschiedlichsten Ligen. Der Konflikt mit den organisierten Neonazis und den mit ihnen sympathisierenden Personen aus den Gruppierungen Karlsbande Ultras, Alemannia Supporters und Westwall Aachen schwelt nun beinahe drei Jahre. Auf Druck der Öffentlichkeit zogen die Verantwortlichen einige halbherzige Konsequenzen. Doch selbst diese angekündigten Sanktionen gegen die rechten Schläger erwiesen sich als abgedroschene Worthülsen. Das Zaunfahnenverbot wurde für die Karlsbande Ultras zu keiner Zeit konsequent durchgesetzt. Schon zwei Monate nach Aussprache des Verbotes hing die Fahne wieder am Zaun. Statt dessen wurden die Aachen Ultras als »Nestbeschmutzer« hingestellt und als »Linksextremisten« denunziert.

Das Zusammenwirken von untätigen Vereinsführungen und wachsender Repression gegen die Ultragruppen, u.a. wegen dem Abrennen von Pyrotechnik, läßt in den Stadien eine Subkultur wieder aufleben, die man schon längst für tot erklärt hatte: die Hooligans. Im Gegensatz zu den Ultras wollen die Hooligans nicht mittels akustischem und optischem Support die eigenen Spieler anfeuern und müssen sich deshalb auch nicht konstruktiv mit der Vereinsführung auseinandersetzen. Hooligans sind Gewalt und Repression nicht fremd, sie machen einen gewichtigen Teil ihrer rebellischen Identität aus. Die Bühne, die sie für ihre Kämpfe suchen, ist nicht öffentlich, statt dessen verabreden sie sich für ihre Kämpfe an abgeschiedenen Orten.

Zwar läßt sich eine pauschale Einteilung in linke Ultras und rechte Hooligans nicht immer aufrechterhaltebn, aber in der Tendenz ist sie richtig. Das zeigt auch, bei aller Rivalität, die Solidarität der Ultras untereinander. Bei ihrem letzten Ausflug begleiteten rund 300 Mitglieder anderer Ultragruppen aus ganz Deutschland die Aachen Ultras, um ihre Unterstützung für deren antirassistisches Engagement zu demonstrieren. Auf ihren Transparenten waren Sprüche wie »Lieber Parasit als Antisemit« oder »Nazis Am Tivoli? Nie gesehen.« zu lesen. Nur solche gemeinsamen Aktionen der Ultras, verbunden mit der Unterstützung durch die Vereine und den DFB können den erneuten Aufmarsch der Hooligans in den Kurven verhindern.

Montag, 14. Januar 2013

Bier, Schnaps und Kotze

Fußballprofi Uli Borowka beichtet sein Leben

Ralf Fischer / Junge Welt


Es ging durch die gesamte Boulevardpresse: Ehemaliger Fußballnationalspieler verprügelte im Suff seine Ehefrau. Kurz darauf jagte er seinen gerade neu gekauften Porsche gegen einen Baum und randalierte in der Wohnung seiner Exfrau. Mitte der 90er Jahre schaffte Uli Borowka einen kaum für möglich gehaltenen Imagewandel. Vom härtesten Verteidiger der Bundesliga wurde er innerhalb von zwei Jahren zum größten Schwein Deutschlands.

Dank seiner Alkoholeskapaden flog Borowka aus beinahe jedem Team. Bei Werder Bremen räumte ihn Manager Willi Lemke beinahe so skrupellos ab wie Borowka in seinen besten Zeiten die gegnerischen Stürmer. 1997 wechselte Borowka nach Polen, wo er unter dem späteren polnischen Nationaltrainer Franciszek Smuda zwar die Meisterschaft gewann, aber dessen Geduld mit dem eingefleischten Trinker auch nicht unendlich war. Zwischenzeitliche Versuche, bei Tasmania Berlin, Hannover 96 und beim Bremer Vorortklub Oberneuland wieder Fuß zu fassen, scheiterten ebenso an Borowkas zu hohem Promillegehalt. Kein Job, keine Frau und keinen Kontakt zu den Kindern, Borowka stand vor einem Scherbenhaufen.

Die Tragödie nahm ihren Lauf. Ein Versuch, sich mittels Tabletten und Alkohol das Leben zu nehmen, scheiterte. Borowka lebte in einer kleinen, schlecht beleuchteten Bruchbude, schlief zwischen dem eigenen Erbrochenem sowie den letzten Alkoholvorräten auf einer Matratze. Wenn er mal den Weg nach draußen fand, dann nur, um Nachschub zu besorgen oder in einer Kneipe zu verweilen, wo er noch anschreiben konnte. Bei seinen ehemaligen Mitspielern tauchte er nur noch auf, um sich Geld zu leihen. Doch das rettete ihm womöglich das Leben.

Eines Tages, als Borowka mal wieder knapp bei Kasse war, tauchte er beim damaligen Sportdirektor von Borussia Möchengladbach, Christian Hochstätter, auf. Der geniale Freistoßschütze merkte recht schnell, daß sein ehemaliger Mitspieler statt Geld etwas anderes viel dringender benötigte: eine Therapie. So kam Borowka Anfang 2000 in eine Entzugsklinik und lernte dort mit seinen Dämonen umzugehen.

Die Autobiographie »Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker« zeichnet ungeschliffen den Aufstieg sowie tiefen Fall des Abwehrkünstlers. Das Buch ist eine rühmliche Ausnahme in der Sparte: Fußballprofi läßt nach seiner Karriere ein launiges Buch schreiben, um dafür eine Menge Tantiemen einzustreichen. Natürlich erfährt man auch von der einen oder anderen schlüpfrigen Fußballer­anekdote, aber der Fokus liegt auf dem Versuch zu verstehen, wie es möglich war, daß ein deutscher Nationalspieler gleichzeitig schwerster Alkoholiker sein konnte. Und niemand es gewußt haben wollte.

Als Jugendlicher lebte Borowka von seinem unbedingten Willen, der Kraft sowie seiner Ausdauer, aber nicht dem überragendem Talent. Als er am Abgrund stand, retteten genau diese Eigenschaften ihm das Leben. Und seine Freunde. Seit über zehn Jahren ist Uli Borowka nun trockener Alkoholiker. Gerne möchte er sein Wissen als Berater an die heutigen Profis weitergeben, doch der DFB unterstützt ihn nicht. Die Dopplzünglichkeit der DFB-Granden ist dabei kaum zu überbieten. Während überall mit dem Slogan »Keine Macht den Drogen« geworben wird, darf der Premiumsponsor mit »Bitte ein Bit« dagegen halten. Solange solche zynischen Zustände im deutsche Fußball herrschen, ist wohl ausgeschlossen, daß es bald ein offizielles Beratungsangebot für alkoholabhängige Profisportler geben wird.

Uli Borowka/Alex Raack: Volle Pulle - Mein Leben als Fußballprofi und Alkoholiker. Edel Germany, Hamburg 2012, 302 Seiten, 19,95 Euro

Freitag, 28. Dezember 2012

Ultras im Visier

Das Buch zum Feuer im Stadion: Politologen und Pädagogen erobern sich eine neue Subkultur

Ralf Fischer / Junge Welt


Die Ultras sind in aller Munde. Es vergeht kaum ein Tag, an dem das Jugendphänomen mit Gewaltproblem nicht prominent in den Medien auftaucht. Schon der Bilder wegen: Brennende Pyrotechnik im Stadion ist immer ein attraktives Motiv für die Titelseite. Daß dann in schöner Regelmäßigkeit von Gewalt gesprochen wird statt nur über das verbotene Abbrennen von Feuerwerkskörpern ist eine jener verkaufsfördernden, aber der Wahrheit abträglichen Maschen der deutschen Journalistenzunft.

Auf diesen propagandistischen Zug wollen nun auch Politologen und Pädagogen aufspringen. Denn mit renitenten Jugendsubkulturen läßt sich in einer immer älter werdenden Gesellschaft immer noch gutes Geld verdienen. Was auch für Kriminologen gilt.

Martin Thein und Jannis Linkelmann, der eine Politologe, der andere Kriminologe, legen mit ihrem Buch »Ultras im Abseits. Porträt einer verwegenen Fankultur« einen Sammelband vor, den man getrost als eine Anleitung für Sozialpädagogen und andere Sachverwalter des Elends sofort wieder ins Bücherregal zurückstellen kann. Organisierte Ultras kommen in dem Buch zumeist nur in domestizierter Form vor. Hauptsächlich sind es Politologen, Soziologen und Polizisten, die über die nonkonforme Jugendsubkultur herfallen, deren Anspruch, sich dem erwachsenen Gestus des Nicht-mehr-verändern-wollens zu entziehen sie ja gerade erst so sympathisch macht. Durch die ablehnende Haltung gegenüber Autoritäten und mit dem Versuch, sich gegen die Eventkultur beim Fußball zu stemmen, geraten die Ultras selbstverständlich ins Schußfeld aller Konformisten.

Dementsprechend schlägt das Imperium nun an allen Fronten zurück. Mit allem, was es hat. In diesem konkreten Fall einem alternativen Fußballfanschutzbericht: Auf den ersten Seiten des Buches zerpflücken mehrere Soziologen die Subkultur der Ultras in ihre einzelnen Bestandteile, einige Seiten später beschäftigen sich die Politologen mit den Auswirkungen auf die Gesellschaft, und am Ende werden die alternativen Kettenhunde des Kapitals, also die Sozialpädagogen, auf die ahnungslose Meute losgelassen. Es gilt wie immer folgende Faustregel: Umso komplexer dem geneigten Zuschauer das »soziale Gebilde« erscheint, umso länger können die Politologen und Soziologen den Gegenstand ihres Interesses erforschen, während gleichzeitig die Pädagogen die daraus gewonnenen Erkenntnisse am lebendigen Objekt durchexerzieren dürfen. Und am Ende räumt die Polizei dann die besonders renitenten Teile der Subkultur ab.

Die Autoren geben vor, die Subkultur der Ultras in Deutschland näher zu beleuchten, statt dessen bieten aber Soziologen, Journalisten und Politologen auf über 200 Seiten nur ihre Meinung feil. Bis auf die dreißig Seiten, auf denen leider ziemlich langweilige Interviews mit einzelnen Ultras dokumentiert sind, handelt es sich um eine paternalistische Veranstaltung, wie sie jeder junge Fan längst zu hassen gelernt hat. Eine der Hauptforderungen der Autoren ist folglich nicht die Legalisierung von Pyrotechnik und der Rückzug der Bereitschaftspolizei aus dem Umfeld der Fußballpartien, sondern die Einrichtungen von Fanprojekten, die – siehe da – von kompetenten Pädagogen mit Kompetenz im Bereich Fußball betreut werden sollen.

Ganz allein zu diesem Zweck wurde das Buch veröffentlicht: Es ist eine Stellenbeschreibung. Und eine Aufforderung nach Stellenausschreibung durch DFB, DFL oder die Vereine. Die einzelnen Beiträge sind Bewerbungen. Nur wer dabei ganz genau die derzeitigen Richtlinien beim Ausverkauf der Fußballkultur einhält, hat eine Chance, in Zukunft einen Job als Fanbeauftragter oder beim neuen Institut für Fankultur zu ergattern. Mit dem Ultragedanken hat das alles nichts zu tun.

Martin Thein/Jannis Linkelmann (Hg.): Ultras im Abseits - Porträt einer verwegenen Fankultur. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2012, 272 Seiten, 14,90 Euro