Donnerstag, 5. September 2013

Ein Minister schreit ein.

Die Hamburger Neumann Kaffee Gruppe soll von der Vertreibung von Kleinbauern in Uganda profitiert haben. Eine deutsche NGO, die sich für die Kleinbauern einsetzt, bekam Post von Entwicklungsminister Dirk Niebel.

Ralf Fischer / Jungle World


Wie erst kürzlich bekannt wurde, flatterte Ende Juni dem Food First Informations- und Aktionsnetzwerk (Fian) ein Schreiben aus dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Haus. Der Absender war Dirk Niebel (FDP) persönlich. Der Bundesminister schrieb: »Nach vertiefter Prüfung des Sachverhaltes bin ich zur Einschätzung gelangt, dass die fortwährende Kampagne, die Sie gegen die angesehene Neumann Kaffee Gruppe führen, unangemessen und unberechtigt ist.« Der Fall sei vor einigen Jahren »gründlich vom Ressortkreis der Nationalen Kontaktstelle der OECD untersucht worden«, mit dem Ergebnis, dass dem Unternehmen »kein Vorwurf gemacht werden« könne. Weiter hieß es in dem Schreiben: »Die Kaweri-Plantage ist die größte deutsche Investition in Uganda und hat die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen der Bundesregierung.«

Eine solch offensive Einmischung der Bundesregierung in die Belange einer Nichtregierungsorganisation ist in dieser Form einmalig. Das Aktionsnetzwerk wertet das Schreiben aus dem Bundesministerium als »Aufforderung, unsere menschenrechtliche Arbeit zur Unterstützung der Vertriebenen der Kaweri-Kaffeeplantage und damit unsere Kritik an dem Verhalten der Neumann Kaffee Gruppe einzustellen«. Dieser Aufforderung möchte Fian aber keinesfalls nachkommen.

Schließlich geht es um die Vertreibung von mehreren Tausend Menschen in Uganda, die Angaben schwanken zwischen 2000 und 4000. Im August 2001 rückte die ugandische Armee in den Bezirk Mubende ein und vertrieb in vier Dörfern Bauern und ihre Familien von ihren Parzellen. »Die Soldaten zerstörten meine Plantagen, dann brannten sie mein Haus nieder. Weder die versprochene Entschädigung noch Ersatzland habe ich bekommen«, berichtete der Kleinbauer Tumwine Evaristo der Hamburger Morgenpost. Auf dem fruchtbaren Land eröffnete kurz darauf der Präsident Ugandas, Yoweri Museveni, mit dem Geschäftsführer der Hamburger Neumann Kaffee Gruppe, Michael R. Neumann, die 2 500 Hektar große Kaweri-Kaffeeplantage.

Fünf Jahre Arbeit hat es Evaristo nach eigener Aussage gekostet, an anderer Stelle ein neues Haus für seine Familie zu bauen. Das Gerichtsverfahren, das die Vertriebenen gegen den ugandischen Staat und das Hamburger Unternehmen anstrengten, dauerte noch länger. Über elf Jahre zog es sich hin. Sechsmal wurde der Richter ausgetauscht, Gerichtstermine fielen ohne Ankündigung aus. Dennoch gelang es einem Richter innerhalb von zwei Jahren, das Verfahren zu einem Ende zu führen. Das Gericht sprach im März den Vertriebenen Entschädigungsleistungen in erheblichem Umfang zu und Kaweri, ein Tochterunternehmen von Neumann, schuldig.

Fian kritisierte jedoch, dass das Urteil die Menschenrechtsverletzung der ugandischen Regierung mit keinem Wort erwähnt habe. Dies habe der Regierung erlaubt, sich der Verantwortung für die gewaltsame Vertreibung zu entziehen. Angesichts dessen wäre es der Menschenrechtsorganisation zufolge die Aufgabe der deutschen Regierung gewesen, die gewaltsame Vertreibung der Kleinbauernfamilien durch das ugandische Militär zu verurteilen und die ugandischen Machthaber an ihre menschenrechtlichen Verpflichtungen zu erinnern.

Doch stattdessen kam die Post aus dem BMZ, mit der die Menschenrechtsorganisation unter Druck gesetzt werden sollte. »Besonders irritierend«, so schreibt die NGO in einer Pressemitteilung, sei dabei, dass Niebel »mit keinem Wort das Gerichtsurteil des Hohen Gerichts von Kampala vom 28. März 2013 erwähnt«.

Stattdessen beruft sich der Minister in seinem Brief auf einen Beschluss der deutschen Nationalen Kontaktstelle der OECD, dem zufolge Neumann keinerlei Vorwurf zu machen sei. Doch zur Zeit der Planungen für die Kaweri-Kaffeeplantage gehörte dem Neumann-Konzern, der eigenen Angaben zufolge der »weltweit führende Rohkaffeedienstleister« ist, bereits das Tochterunternehmen Ibero Uganda Ltd. in Kampala, das Rohkaffee exportiert. Gregory Stough, der damalige Geschäftsführer von Ibero, war am Aufbau der Plantage beteiligt. Zwei Manager der Kaweri Coffee Plantantation Ltd. waren ebenfalls vor Ort, als die Dorfbewohner ihre Weigerung äußerten, ihr Land freiwillig zu räumen. Die Problematik von Korruption, Missmanagement und Rechtsverletzungen durch die ugandische Regierung kann dem Unternehmen daher nicht unbekannt gewesen sein.

Für Gertrud Falk von Fian steht fest, dass die Neumann-Gruppe als »ein international aufgestelltes Unternehmen sich vor einer solch großen Investition juristisch umfassend und unabhängig beraten lassen muss«. Dazu hätte auch die Beschäftigung mit dem komplizierten Landrecht in Uganda gehört. Tatsächlich aber hatte das Hamburger Unternehmen dieselbe Anwaltskanzlei mit ihrer Vertretung betraut, die auch von der Uganda Investment Authority mit dem Landkauf und der Verpachtung beauftragt war. Die Behauptung Niebels, dass der deutsche Kaffeeproduzent »an der guten Entwicklung des Landes beteiligt« sei, hält Falk für eine maßlose Übertreibung des Einflusses des Hamburger Unternehmens in Uganda. »Für die Vertriebenen der Kaweri Coffee Plantation stimmen diese Behauptungen von Herrn Niebel jedenfalls definitiv nicht«, sagt Falk. Insbesondere hinsichtlich der Ernährungslage ist die Vertreibung von Kleinbauern zugunsten einer export­orientierten Kaffeeplantage keine positive Entwicklung. Die Vertriebenen hatten zuvor auf diesem Land neben Kaffee auch Grundnahrungsmittel angebaut, konnten sich so ernähren und waren durch den Anbau verschiedener Agrarprodukte auch gegen die Folgen von Ernteausfällen einzelner Ackerfrüchte geschützt. Die Exporterlöse, die Uganda mit Kaffee erzielt, liegen darüber hinaus zum Beispiel deutlich unter den Importkosten für Weizen und Palmöl. All das scheint der deutsche Entwicklungsminister nicht zu wissen.

»Fian wird die Unterstützung für die vertriebenen Kleinbauernfamilien selbstverständlich fortsetzen«, stellt die Geschäftsführerin der Menschenrechtsorganisation, Ute Hausmann, klar. Denn an den Folgen der Vertreibung litten die Menschen immer noch. »Wir werden alles daransetzen, dass die Vertriebenen ihr Recht erhalten.« Erste Erfolge konnten schon vermeldet werden. Dank der Öffentlichkeitsarbeit der NGO und Recherchen von Journalisten haben ein deutscher und drei Schweizer Kaffeeröster, die unter anderem den Kaffee der Kaweri-Plantage verarbeitet hatten, angekündigt, den Kaffee aus ihrem Sortiment zu nehmen. Die Firma Dallmayr wirbt inzwischen nicht mehr für den Turaco-Espresso der Kaweri-Plantage.

Donnerstag, 29. August 2013

Flüchten verboten!

Die rassistischen Proteste von Anwohnern und Nazis gegen ein Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf haben Schlagzeilen gemacht. Doch gleichgültig, wo in Berlin eine Unterkunft für Asylbewerber eröffnet werden soll: Nachbarn, Rechtsextreme, Politiker und Behörden versuchen, dies zu verhindern.


Ralf Fischer / Jungle World


Mitte Juli veröffentlichte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Halbjahresbericht für das Jahr 2013. Insgesamt wurden den Angaben zufolge 43 016 Erstanträge auf Asyl gestellt, eine Steigerung zum Vorjahreszeitraum um 86,5 Prozent. 4 779 Personen wurden als Flüchtlinge nach der Genfer Konvention anerkannt. 5 228 Personen erhielten den sogenannten subsidiären Schutz, sie dürfen wegen schwerwiegender Gefahren für Freiheit, Leib oder Leben nicht abgeschoben werden, obwohl ihnen kein Asyl gewährt wird. Angesichts der größeren Zahl an Flüchtlingen ist es selbstverständlich nötig, mehr Unterkünfte bereitzustellen. Doch dort, wo diese entstehen sollen, regt sich häufig rassistischer Protest.

Die Berliner Verwaltung rechnet in diesem Jahr mit 7 300 aufzunehmenden Flüchtlingen, weshalb in der Stadt seit Monaten hektisch nach Orten für neue Sammelunterkünfte gesucht wird. Der Versuch, die Flüchtlinge in einzelnen Wohnungen unterzubringen, gestaltet sich offenbar äußerst schwierig. »Denn das preisgünstige Marktsegment teilt sich der Flüchtling mit Hartz-IV-Empfängern, Studenten und anderen Menschen mit geringem Einkommen«, sagte Franz Allert kürzlich der Taz. Er ist Präsident des Landesamts für Gesundheit und Soziales, seine Behörde ist zuständig für die Unterbringung von Flüchtlingen in Berlin.

Gegen die Nutzung großer Sammelunterkünfte protestieren jedoch seit Monaten Lokalpolitiker und Anwohner in den Stadtbezirken Reinickendorf, Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Tempelhof-Schöneberg und Marzahn-Hellersdorf. Bundesweite Schlagzeilen machen derzeit vor allem die Nachbarn einer neuen Flüchtlingsunterkunft im östlich gelegenen Stadtteil Hellersdorf, die sich gemeinsam mit NPD-Funktionären und örtlichen Nazis mehrfach zu einem Mob zusammenrotteten und das Bild der hässlichen Ostdeutschen abgaben.

Doch rassistische Hetze und die Ablehnung von Flüchtlingsunterkünften in der Nachbarschaft sind bei weitem kein Ostberliner Monopol. In den westlichen Bezirken haben sie aber ein anderes, bürgerlicheres Erscheinungsbild. In Reinickendorf verschickte beispielsweise der CDU-Stadtrat Martin Lambert im Mai voller Empörung einen Brief an Anwohner einer Unterkunft für Asylbewerber, in dem die Anschrift der Betreiberfirma und die Nummern der Mobiltelefone der beiden Geschäftsführerinnen abgedruckt waren. Zudem versicherte er, der Bezirk Reinickendorf werde »negative Einflüsse« für die Anwohner »unterbinden«. Die Bezirksverwaltung sperrte das Heim dann vorübergehend wegen Brandschutzmängeln, zuständiger Stadtentwicklungsstadtrat war Lambert. Der Betreiber war daraufhin gezwungen, Brandwachen auf jedem Flur zu beschäftigen.

Reinickendorfer Wutbürger verstanden den Wink und verboten den im Heim lebenden Kindern, auf einem privaten Spielplatz direkt gegenüber der Einrichtung zu spielen. »Wir haben Angst, dass die Flüchtlinge uns anstecken«, sagte ein Mitglied des Verwaltungsbeirats der Eigentümergemeinschaft im Juni der Berliner Zeitung. Dass ein Flüchtling mit TBC im Heim lebe, wisse er von einem Informanten.

In Kreuzberg vertritt der CDU-Politiker Kurt Wansner, der im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, den deutschen Volkswillen. Hunderte Unterschriften sammelte er für die Räumung des Flüchtlingcamps auf dem Oranienplatz. Schon im Dezember engagierte sich Wansner gegen eine geplante Unterkunft für Asylbewerber, die in einem ehemaligen Seniorenheim entstehen sollte, und versuchte, die Anwohner gegen das Vorhaben aufzubringen. Anwohner des Görlitzer Parks, eines beliebten Flecks in Kreuzberg, rufen derzeit Politiker und Polizei dazu auf, gegen Dealer vorzugehen, die dort Marihuana verkaufen. Viele Dealer sind Flüchtlinge, die häufig illegal in Deutschland leben.

Gleich um die Ecke, im Bezirk Neukölln, wurde die CDU tatkräftig von der NPD dabei unterstützt, die Einrichtung eines Asylbewerberheims zu verhindern. Nachdem die CDU im Oktober eine Bürgerversammlung zum Thema im Ortsteil Rudow veranstaltet hatte, luden die Kameraden kurz darauf zur öffentlichen Demonstration. Im Februar wurde dann bekannt, dass das Bezirksamt einen anderen Ort für die Unterbringung der Flüchtlinge bevorzugt.

Nicht immer müssen es Flüchtlinge sein, die für Empörung sorgen. Vier Monate später entstand im selben Bezirk auf Drängen der »Initiative Stuttgarter Straße« ein Runder Tisch, an dem sich die Stadträtin Franziska Giffey (SPD) beteiligte. Die Initiative hatte in der Stuttgarter Straße Probleme wie »Lärm und Schmutz«, »laute Musik aus den Fahrzeugen, quietschende Reifen beim An- und Abfahren, lautes Hupen«, »bis spät in die Nacht herumtobende Kinder« und weitere vermeintlich »unzumutbare Belastungen« ausgemacht. Diese lastete sie den in einem Haus in der Stuttgarter Straße wohnenden »rumänischen und bulgarischen Großfamilien« an.

Doch nicht nur die Anwohner werden einfallsreich, um unliebsame Nachbarn fernzuhalten. Als Anfang August im Bezirk Treptow-Köpenick ein Gebäude als Unterkunft für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden sollte, das im Stadtteil Oberschöneweide liegt, erhob die Verwaltung Einspruch. »Schöneweide ist durch rechtsextreme Kreise belastet«, begründete der Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) seine Entscheidung im Gespräch mit der Taz. Man müsse damit rechnen, dass die Flüchtlinge »angepöbelt und körperlich angegriffen« würden. Die Kapitulation vor den örtlichen Nazibanden verteidigte Igel wie folgt: »Die Verantwortung, dass es zu Übergriffen kommen könnte, kann ich nicht auf mich nehmen.« Dass 138 Menschen deshalb nun in Notunterkünften dahinvegetieren müssen, scheint Igel aber verantworten zu können.

Die Kniffe, mit denen Bezirksverwaltungen versuchen zu verhindern, dass in ihrem Einflussbereich eine unerwünschte Asylbewerberunterkunft angesiedelt wird, sind mannigfaltig. Wie im Mai während einer Debatte im Abgeordnetenhaus öffentlich wurde, hatte der Bezirk Mitte das Land Berlin unter Hinweis auf das Bauplanungsrecht mehrfach aufgefordert, eine Unterkunft zu räumen, was dem für das Heim zuständigen Beamten zufolge aber die Obdachlosigkeit der Flüchtlinge zur Folge gehabt hätte. Im Falle einer privaten Betreiberin versuchte der Bezirk im April, die Unterbringung von Asylbewerbern schlicht und einfach zu untersagen. Die Verwaltung von Neukölln bietet dem Land ein ehemaliges Krankenhaus an, dessen Eigentümer überhaupt kein Interesse an der Unterbringung von Flüchtlingen hat.

Einer Umfrage der Berliner Zeitung zufolge würden sich nur 41 Prozent der befragten Berliner nicht durch ein Asylbewerberheim in der Nachbarschaft gestört fühlen. Fast 30 Prozent der Befragten fürchten sich vor wachsender Kriminalität und Gewalt, fast 20 Prozent erwarten soziale Spannungen, wenn ein solches Heim in ihrem »Kiez« angesiedelt würde. Angesichts solcher Zahlen ist es nicht weiter verwunderlich, dass es Flüchtlinge in Berlin nicht leicht haben.

Montag, 19. August 2013

Scheiß drauf!

Musik ist völlig überbewertet. Jeans Team treten den Beweis an

Ralf Fischer/ Junge Welt

 
Das naheliegende liegt meistens so nah, daß es kaum erkannt wird. So auch: Seitdem Kunst und Ware (n) immer ähnlicher geworden sind, sind die Waren allesamt Kunst und die Kunst zur reinen Ware verkommen. Aber was bedeutet das in Zeiten der kapitalen Krise? Es ist wie beim Kaugummi, erst supersüß im Geschmack, dann kurz ein kraftvolles Aufbäumen, am Ende völlig ausgelutscht, irgendwo ausgespuckt. Sich künstlich penetrant aufzuhübschen, um überhaupt noch als Bückware über den Ladentisch zu gehen, das ist das Schicksal von Kunst in der Krise.

Zeit für bittere Erkenntnisse: Beispielhaft für den derzeitigen Zustand stehen die Berliner Musikfachklempner von Jeans Team. Aus ihrer Erfahrung heraus, daß die tanzwütigen Horden noch zu jedem Beat gestampft hatten (Überraschung: was chemische Drogen nicht alles anrichten), schusterten sie ihr neues Album »Das ist Alkomerz« konsequent lieblos zusammen. Eine musikalische Berg- und Talfahrt, gespickt mit unzähligen, musikalischen Entgleisungen. Lustloses Hüpf- und Hopsgedudel, dem jeglicher poetischer Einschlag fehlt, trifft monotone Kinderlieder auf einer Überdosis Speed. Hauptsache, eine monotone Bass­line läuft im Hintergrund.

Was einmal als spielerische Verknüpfung elektronischer Musik mit den übriggebliebenen Perlen, eifrig herausgepickt aus den Altlasten der Neuen Deutschen Welle, angefangen hatte, endet – ebenso wie sein Vorgänger – in affirmativem Infantilismus. Statt mit liebevoll elektronisch geklöppelten Schlagerchansons (wie z.B. »Berlin am Meer« oder »Oh Bauer«) überraschen uns die Berliner mit ganz ordinärem Kirmestekkno. Soviel kann man sagen: Der Weggang von Gunther Kreis und Henning Watkinson, die Schrumpfung vom Quartett zum Duo, hat sich nachweislich als negativ für den musikalischen Output herausgestellt. Auch wenn Jens Friebe in der FAZ die beiden übriggebliebenen Mitglieder für ihre »Rollenlyrik aus Unterschichtsicht« lobt, bleibt es trotzdem stumpfer Sprechgesang als Anleitung zum kollektiven Toben. Das kennt man selbst von H.P. Baxxter und seinen Freunden besser.

Als Animateure taugen die ehemaligen Edeltechniker kein Stück. Weder die prekären Lyrics noch das musikalische Drumherum führen in Versuchung. Die dadaistisch anmutende Textproduktion früherer Tage wurde sang- und klanglos eingestellt. Eine maximale Enttäuschung. Anfangs hinterläßt die musikalische Eintönigkeit zwar noch einige Fragezeichen beim Zuhörer. Doch diese lösen sich schnell in Nicht-Wohlgefallen auf. Ob Titel wie »Scheiß drauf« oder »Haddu Zeit«, der Hörer bleibt permanent verstört zurück. Und das bestimmt nicht, weil sich womöglich die Erkenntnis den Weg bahnt, die Einrichtung der Welt sei schlecht. Nein, weil man bleibende Schäden befürchten muß.

Einzig das Lied »Bomberjäeckchen« erinnert an gute, alte Zeiten. Im besten Sinne ist der Song ein melodisches Schlagerchanson (»Wenn Du denkst ich seh aus kacke, zieh ich an meine Bomberjacke!«), aufgehübscht mit elektronischem Sexappeal und dem berühmten Augenzwinkern zwischen den Zeilen. Doch das Lied ist eigentlich schon über zwei Jahre alt. Den Hörgenuß schmälert das nicht. Aber eine »Sozialistische Einheiz Party«, wie Jeans Team ihr neuestes Erzeugnis anpreist, braucht mehr als nur ein älteres One-Hit-Wonder.

Jeans Team: »Das ist Alkomerz« (Staatsakt/Indigo)

Donnerstag, 1. August 2013

Deutsches Werk, Fontanes Beitrag.

Die Nationalsozialisten ersetzten zahlreiche slawische Dorfnamen in Brandenburg durch deutsche. Ein Mann in Güterfelde setzt sich für die Rückbenennung seines Ortes ein.

Ralf Fischer / Jungle World


Güterfelde, südwestlich von Berlin als Ortsteil von Stahnsdorf im Landkreis Potsdam-Mittelmark gelegen, ist ein unscheinbares Dorf. Das 750jährige Ortsjubiläum Mitte August sollte ein denkwürdiges Ereignis werden. Doch ein Rentner trübt mit seiner Renitenz die festliche Stimmung. Peter Ernst, ein sozialdemokratischer Gemeindevertreter, setzt sich für die Rückbenennung des Dorfes ein. 674 Jahre lang hieß es Gütergotz. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte 1263 unter dem Namen Jutergotz. 1937 benannten die Nationalsozialisten das Dorf um. Der alte slawische beziehungsweise wendische Name wurde durch einen deutschen ersetzt.

Solche Umbenennungen waren Mitte der drei­ßiger Jahre keine Einzelfälle. Viele Ortsnamen in Berlin und Brandenburg sind slawischen Ursprungs, das störte die Nationalsozialisten. Der damalige Oberpräsident der Provinz Mark Brandenburg, Emil Stürtz, befahl im Juni 1937 in einem vertraulichen Schreiben, alle wendischen Namen für Orte, Flüsse und Bäche sofort »durch rein deutsche Namen und Bezeichnungen« zu ersetzen. Dies sei aus »nationalpolitischen Gründen dringend erwünscht«. Aus Nowawes wurde Babelsberg, aus Wendisch-Buchholz wurde Märkisch-Buchholz, Dobrilugk wurde zu Doberlug und Byh­leguhre zu Geroburg. 1938 mussten die Schilderstürmer mit den Umbenennungen aufhören. Im Zuge der Kriegsvorbereitungen erwiesen sich die Namensänderungen als äußerst hinderlich, weil die Ortsangaben auf den vorhandenen Landkarten ihre Gültigkeit verloren.

Einige Orte erhielten nach der Befreiung durch die Alliierten ihre alten Namen zurück. Zunächst war dies auch in Gütergotz so, doch »nur von September bis November 1945«, erinnert sich Peter Ernst. »Dann galt wieder der Nazi-Name«, sagt er enttäuscht. Im Gebiet des heutigen Brandenburg ließen die Nationalsozialisten mindestens 41 Orte umbenennen, weitere acht Ortsnamen wurden eingedeutscht. Sie konnten sich auf alte Ressentiments gegen die sogenannten Wenden stützen, die manchmal auch als Elb- oder Westslawen bezeichnet werden. Schon Martin Luther schimpfte über »wendisch sprechende« Bauern in der Gegend von Wittenberg. Theodor Fontane prägte mit seinem fünfbändigen Werk »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« das Bild der ungebildeten und kulturell zurückgebliebenen Slawen. Mit dem dritten Band beeinflusst Fontane bis heute das Bild der Geschichte der Mark Brandenburg sowie der dortigen slawischen Bevölkerungsgruppen.

In der deutschen Kultur sah Fontane die überlegene: »1180 erschienen die ersten Mönche in der Mark. (…) Wo die Unkultur zu Hause war, hatten die Kulturbringer ihr natürlichstes Feld.« Zu dieser Zeit hatten nicht wenige Slawen bereits den christlichen Glauben angenommen. Sie gründeten Städte wie Drježdźany (Dresden), was so viel wie Sumpf- oder Auwaldbewohner bedeutet, oder urbs Libzi (Leipzig), die Stadt der Linden. Auch der Name Berlin hat slawische Ursprünge. Anders als Fontane es darstellte, trafen deutsche Einwanderer und Siedler keineswegs auf »Unkultur«.

Die im Kreuzzug gegen die Wenden im Jahr 1147 gewonnene Möglichkeit der Ostkolonisation sorgte für die Vermischung der Wenden mit den deutschen Siedlern und somit zur Herausbildung der sogenannten deutschen Neustämme der Brandenburger, Mecklenburger, Pommern und Schlesier. Spätestens im 15. Jahrhundert galten die Wenden zwischen Elbe und Oder als nahezu restlos integriert. Oder anders ausgedrückt, die deutschen Siedler hatten sich in den neu eroberten Gebieten mehr oder weniger assimiliert.
Die Schriften Fontanes prägt dagegen die Vorstellung, dass nur das deutsche Wesen die Slawen zu Kulturmenschen machen könne. So stellte Fontane fest, den Polen fehle »das Konzentrische, während sie exzentrisch waren in jedem Sinne. Dazu die individuelle Freiheit höher achtend als die staatliche Festigung.« Er kam zu der Erkenntnis: »Die Wenden von damals waren wie die Polen von heut.« Die zugewanderten deutschen Heilsbringer mussten also darauf achten, dass die individuelle Freiheit nicht unnötig überhand nahm. Die spätere »Lösung« für die angeblichen Probleme der Polen nahm Fontane vorweg: Nur die Deutschen könnten in Polen langfristig für staatliche Festigung sorgen.

Fontane bedient jene antislawischen und antipolnischen Ressentiments, die später auch dem gebildeten Landser einen Ansporn lieferten, in den sogenannten Ostgebieten mit äußerster Brutalität gegen die als »Untermenschen« definierte Bevölkerung Krieg zu führen. Beispielhaft für die Virulenz der antislawischen Ideologie ist auch das 1926 von dem Geographen und »Siedlungsforscher« Werner Gley veröffentlichte Buch »Die Besiedelung der Mittelmark von der slawischen Einwanderung bis 1624«. Auch Gley greift die Behauptung auf, die Slawen seien kulturlos: »Anstelle der hochentwickelten germanischen Kultur, die die Semnonen als ein Volk mit Sinn für Formengebung und Schönheit geschaffen hatten, trat in slawischer Zeit ein Zustand der Unkultur ein, wie wir ihn uns primitiver kaum denken können. Die Slawen passten sich der rauen Natur des Landes an, ohne ernsthaftere Versuche zu machen, die dürftigen Lebensbedingungen durch harte Arbeit zu verbessern.«

Für sein Bestreben Güterfelde rückzubenennen bekam Peter Ernst zwar ein wenig Zuspruch, aber im Ort selbst ist seine Idee bisher nicht mehrheitsfähig. Ernst, der sich als »geborener Gütergotzer« bezeichnet, kann zwar als Erfolg verbuchen, dass im Rahmen der Feierlichkeiten der alte Name auf der Homepage von Stahnsdorf gleichberechtigt erwähnt wird. Eine tiefere Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit verweigert die brandenburgische Dorfgemeinschaft jedoch.

Freitag, 19. April 2013

Schmeiß sie raus!

Eine Autonomen-Legende gibt sich die Ehre und fährt Taxi durch die extreme Mitte: »Punkrocktarif« von Yok

Ralf Fischer / Junge Welt


Berliner Taxifahrer haben nicht den besten Ruf. Der mit Berliner Schnauze begleitete Hang zur Lässigkeit kann ganz schön nerven. Jetzt schlägt ein Taxifahrer mit Droschken-Stories zurück und zwar von linksaußen: Hier schreibt kein gescheiterter Akademiker, der seinem Hang zur Wichtigtuerei nachgeht, sondern der Autor ist ein über die Stadtgrenzen hinaus erfolgreicher Punkrocker. Eine alte autonome Legende. Viele kennen ihn noch unter dem Namen Quetschenpaua, den Jüngeren ist er als Sänger von Tod- und Mordschlag oder Revolte Springen bekannt. Mitte der 90er Jahre galt er als eine wichtige autonome Sozialisierungsinstanz in diesem Land. Seine Lieder waren die klammheimlichen Hymnen der Bewegung. Wenn die rüstige Rentnerin Liselotte Meier den Neonazis die Hölle heiß machte, der Pflasterstein von der Scheibe der Deutschen Bank zurückflog oder gleich das KaDeWe am Kurfürstendamm brannte, dann schlugen die Herzen der Autonomen höher. Anarchismus mit Sexappeal, verbunden mit der Fähigkeit, auch über sich selbst zu lachen, das waren die Markenzeichen von Yok.

»Mit dem Taxi durch die extreme Mitte«, so der Untertitel des Buches, ist eigentlich ein wahres Panoptikum des Grauens. Alkoholleichen aus ihren Stammlokalen abzutransportieren, gestreßte Touristen durch die Stadt zu kutschieren oder einfach nur feiste Dummdeutsche zu erleben, denen es gefällt, endlich einen deutschen Taxifahrer als Chauffeur vor sich sitzen zu haben, und die dies auch noch lauthals von sich geben müssen, sind eine Last, die nur schwer zu ertragen ist. Am besten geht das bekanntlich mit Humor. Ob als Jude, Türke, Pole oder Schwarzafrikaner, Yok schlüpft gern in die Rolle, welche ihm die entgegengebrachten Ressentiments quasi vorgeben und konfrontiert damit seine erstaunten Kunden. Eine clevere Methode, den Kopf nicht hängen zu lassen und gleichzeitig kein deutscher Sauertopf zu werden.

Yoks Rollenwechsel hat sogar etwas Pädagogisches. Da wäre zum Beispiel eine Kommunistin, die ihre Vorurteile gegen Türken ungefragt hinausposaunt, urplötzlich aber feststellen muß, daß Yok – als angeblicher türkischer Taxifahrer – keineswegs solch einen stechenden Blick sein eigen nennt, wie sie glaubt, er wäre bei »den Türken« üblich. Oder wenn der über »die Juden« lästernde libanesische Mitfahrer überraschend erzählt, daß er zwei Jahre lang mit einer Jüdin liiert war. Yok vergißt nie, seinen Fahrgästen Widerworte anstatt netter Floskeln mitzugeben. Und wer es übertreibt, der wird flugs rausgeworfen.

Genau wie jener Saunabesucher, der sich lieber zum gemeinsamen Schwitzen im Prenzlauer Berg verabredet als in Charlottenburg, denn dort würden sich einfach zu viele »Kanaken« tummeln. Auf die Nachfrage von Yok, wen er denn genau mit der Bezeichnung »Kanake« meine, erfolgte die typische Antwort: »Araber, Albaner, Türken und so was«. Auf einmal geht es dann ganz schnell. »Raus! Scheißrassist!« Ausreden waren zwecklos. Die Fahrt war beendet. Wie oft er schon Rassisten seiner Droschke verwiesen hat, wird er selbst nicht mehr genau wissen. Sein Motto lautet: »Wenn du sie nicht besiegen oder überzeugen kannst, dann verwirr’ sie!«

Nach der Lektüre des Buches möchte man an die Taxistände gehen und mit dem Megaphon rufen: »Taxifahrer aller Länder macht es ihm nach!« Und: Man kann es kaum erwarten, endlich in Berlin-Mitte zu Yok ins Taxi zu steigen und nach dem Punkrocktarif für gute alte Fans zu fragen…


Yok: Punkrocktarif - Mit dem Taxi durch die extreme Mitte. Gegen-Kultur Verlag, Stuttgart 2012, 154 Seiten, 10 Euro

Dienstag, 26. März 2013

Sorgen Deluxe

Ein Hamburger Rapper hat sich verschworen

Ralf Fischer / Junge Welt

Die Amerikaner waren niemals auf dem Mond. Adolf Hitler hätte das auf jeden Fall mitbekommen. Bekanntlich wohnt er seit Jahrzehnten auf der Rückseite des Mondes und beobachtet von dort aus interessiert das Zeitgeschehen. Die geheime Weltregierung unter Führung der wahlweise Juden, Freimaurer, Illuminaten oder des Pentagons verhindert, daß diese Enthüllungen publik werden. Solcherlei Irrsinn ist das Schmiermittel in einer Gesellschaft, die frei von Meinungen ist, diese aber ständig in ein elektronisches Gerät einhämmert, als gebe es kein Morgen mehr. Es sind die Geschichten, die das Einfache schwer machen, in dem sie komplexe Zusammenhänge so darstellen wie einen Comicstrip.

Samy Deluxe, einst Hoffnungsträger des deutschsprachigen Raps, ist dieser beschissene Alltag in der »Scheiß-Welt« nicht verborgen geblieben. Ganz im Gegenteil. Seine Idee, eine ironische Brechung des Wahnsinns auf einen Beat zu legen, um damit das geneigte Publikum aufzurütteln, konnte nur nach hinten los gehen. »Ich führe eine Rebellion an. In der ich selbst der Gegner bin« postuliert Samy Deluxe, der am Tag der Deutschen Einheit gern den Klassenkasper zur Freude der sich aus diesem Anlaß zahlreich versammelten »Idioten« spielt. Nach Jahren des gelebten Partynationalismus möchte der Hamburger einen Imagewechsel vollziehen. Sein neues Album »Fröhliche Weltuntergangsmusik« verspricht auf den ersten Blick ätzende Kritik, ergeht sich jedoch im endlosen Aufzählen von unterschiedlichen Menschheitsverbrechen in Reimform. Titel wie »Amnesia International« klingen weit spektakulärer, als sie es letztlich sind.

Musikalisch ziemlich eintönig geraten, können auch die Reime nichts mehr retten. Jammern auf hohem Niveau, mehr hat Samy Deluxe alias »Herr Sorge« seinen Fans nicht zu bieten. Eine kritische Annäherung an die Realität endet im melancholischen Downbeat. »Einer Gesellschaft, wo die Menschen dumm sind, dafür alle Telefone so smart. Und die Moral und Werte sind nach unten versunken, und wir schicken Satelliten zum Mars.« Die Einsicht in das geistige wie auch ästhetische Elend endet nicht in einem Refrain, der zum Klassenkampf aufruft. Im Gegenteil. Der kommende Weltuntergang ist Samys einzige Alternative zum derzeitigen Desaster.

Bis es soweit ist, wird Samy De­luxe im Nebenjob noch einige weitere Sneaker in Zusammenarbeit mit Reebok gestalten. Auf vier Modelle hat er es schon gebracht. Den unterbezahlten Kindern, die in Asien diese Schuhe produzieren, verschafft der Hamburger so wenigstens etwas Ablenkung von der Hoffnung, eines Tages ein besseres Leben zu führen.

Herr Sorge: »Verschwörungstheorien mit schönen Melodien« (Vertigo Berlin /Universal)

Freitag, 8. März 2013

Fortgeschleudert

Aus gegebenem Anlaß: Ein Bildband über die ersten 70 Jahre Fußball in Dresden

Ralf Fischer / Junge Welt


Dynamo Dresdens Berufungsverhandlung gegen den Ausschluß vom DFB-Pokal 2013/14 wegen »unsportlichen Verhaltens seiner Anhänger« verlief am Donnerstag unerwartet zäh. Am Nachmittag wurden die Dynamo-Fans vor dem DFB-Bundesgericht durch Bernd Kirschning belastet, der beim fraglichen Pokalspiel im Herbst in Hannover den Polizeieinsatz geleitet hatte. »Es ist permanent zu Anfeindungen gekommen«, erklärte er. Das trug nur nichts zur Klärung der zentralen Frage bei, ob ein Verein für Fans in Haftung genommen werden kann, gegen die er machtlos ist. »Daß dem Verein Dynamo Dresden kein Verschulden nachzuweisen war«, steht im erstinstanzlichen Urteil vom Dezember. Gleichwohl sei das »Fehlverhalten der sogenannten Anhänger (...) dem Verein zuzurechnen«.

Dieser »sogenannten verschuldensunabhängigen Haftung der Vereine“ fehle »die gesetzliche Legitimation«, hatte Sportrechtler Christof Wieschemann vorab erklärt. Hierzulande hafte, wer sich fahrlässig oder bewußt fehlverhalten habe. »Einzige Ausnahme: Bei nicht beherrschbaren Gefahren wie bei Tieren haftet der Halter.« Bei Redaktionsschluß begann in dieser Gemengelage gerade ein »Rechtsgespräch« zwischen den Parteien unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Wie auch immer das Urteil nun ausgefallen ist – es relativiert sich mit Blick auf die Dresdner Fußballgeschichte, die länger ist, als man meinen könnte. Jens Genschmar hat im neuen Bildband »Dresden – Wiege des Fußballs“ die ersten 70 Jahre aufbereitet.

Alles begann damit, daß einige Engländer und Amerikaner im Frühjahr 1874 vor dem Eingang des Großen Gartens ein Spiel uraufführten, »bei dem Bälle mit dem Fuße fortgeschleudert werden«, wie ein zeitgenössischer Journalist erstaunt berichtete. Diese Pioniere des Rasenspiels gründeten dann den ersten Fußballklub in Deutschland und einen der ersten auf dem europäischen Festland. Ihr Dresden English Football Club (DFC) sollte 15 Jahre lang die ungeschlagene Nummer eins in der Stadt bleiben. Aus ihm ging 1898 der bald legendäre Dresdner Sport-Club (DSC) hervor. Deutschlandweit wurden um die Jahrhundertwende Vereine gegründet. Hauptsächlich Schüler und Studenten betrieben den Sport aus England. In Dresden entstanden Vereine wie Dresdensia (1898), Brandenburg (1901), Guts Muts (1902) und Dresdner Fußballring (1902). Das Flaggschiff aber blieb vorerst der DSC. Im ersten Endspiel um die Mitteldeutsche Meisterschaft unterlag er 1902 dem SC Wacker 1895 Leipzig mit 3:6. Drei Jahre später schaffte er es ins ins Halbfinale um die deutsche Meisterschaft, wo der Berliner TuFC Union mit 5:2 die Oberhand behielt. Die Mitteldeutsche Meisterschaft gewann der DSC bis 1933 insgesamt sechsmal.

Parallel zu den bürgerlichen Vereinen spielte der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) eine eigene Meisterschaft aus, diese gewann viermal hintereinander der Dresdner SV (DSV). Als kommunistische Vereine und Einzelpersonen aus dem sozialdemokratisch dominierten ATSB ausgeschlossen wurden, gewann der DSV 1931 die Meisterschaft der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit. Neben solchen Eckdaten bietet Genschmars Band interessante Statistiken, aber vor allem tolle Bilder und Illustrationen. Einziger Wermutstropfen: Als Direktor des Dresdner Fußballmuseums hätte er leicht mehr Hintergründe der angerissenen Themen erschließen können. Allzu selten taucht er tiefer in die Materie ein, beläßt es bei Schlaglichtern auf Vereine und Erfolge. Eine Ausnahme ist das kurze Kapitel über den Frauenfußball der 20er Jahre. Hier hat Genschmar ganze Arbeit geleistet. Die Fotos aus der Sammlung seines Museums sind sensationell. Sie beweisen, daß Frauen in Zipfelmützen schon 1921 dem runden Leder hinterherjagten. Während ab 1933 die Nazis und dann wieder ab 1955 der DFB den Damen das Fußballspielen gänzlich verboten, war es in der Weimarer Republik noch üblich, daß Frauen und Männer im selben Verein spielten.

Jens Genschmar: Dresden – die Wiege des Fußballs: Fußball in Bildern 1874-1945. Edition Sächsische Zeitung 2012, 160 Seiten, 19,90 Euro