Der Glaube an das Schicksal. Die Gruppe C im Prophetendiskurs
Ralf Fischer / Junge Welt
Mein ambitioniertes Projekt als kongenialer Fußballprophet endete schon
in der ersten Runde. Mit einer faustdicken Niederlage, tatsächlich sogar
zwei faustdicken Niederlagen. Weder die griechischen Piraten noch die
japanischen Samurai waren willens, meine in sie gesetzten Erwartungen zu
erfüllen. Im Gegenteil, die Griechen kapitulierten schon nach wenigen
Minuten, während wenigstens die Japaner in der ersten Halbzeit noch den
Anschein erweckten, daß die Elfenbeinküste möglicherweise als Verlierer
den Platz verlassen würde. Doch Didier Drogba drehte das Spiel. Seine
Einwechslung brachte die Japaner auf die Verliererstraße. Dort erst
einmal angelangt, machten es sich die fernöstlichen Kicker gemütlich.
Mit traumwandlerischer Unsicherheit spazierten die Griechen 90 Minuten
hinweg über den Platz, ihnen bleibt jetzt nur noch das Spiel um Platz
drei in der Vorrundengruppe gegen Japan, damit sie nicht frühzeitig und
mit Schimpf und Schande nach Hause fahren müssen. Für die Zuschauer
dieses Spiels prognostiziere ich ein veritables Zugunglück. Eigentlich
will man es nicht, muß aber trotzdem ständig hinsehen. Not gegen Elend,
altersmüde Griechen treffen auf überforderte Japaner. Wenn der
Schiedsrichter nicht das Salz in der Suppe ausmacht, dann wird es
richtig häßlich. Keine der beiden Mannschaften kann es sich leisten zu
verlieren. Aber bisher haben weder die Japaner noch die Griechen
nachgewiesen, daß sie bei dieser WM auch nur ein Spiel gewinnen wollen.
Die kolumbianischen Spieler wirken dagegen äußerst motiviert. Das
Schicksal von Andrés Escobar möchte kein Nationalspieler teilen. Der
Abwehrspieler wurde nach einem Eigentor bei der Fußballweltmeisterschaft
1994 von einem Bodyguard und Fahrer mächtiger Drogenbosse erschossen.
Aktuell berichten kolumbianische Medien, daß ein ELN-Guerillero namens
»Mocho« seine Fußballbesessenheit mit einigen Jahren Freiheitsentzug
bezahlen wird. »Der Kämpfer installierte in seinem Versteck eine Antenne
mit Kabelanschluß und organisierte Verpflegung sowie alkoholische
Getränke, um die WM zu verfolgen«, weiß Wolf-Dieter Vogel in der taz zu
berichten. Das Verhalten seines Chefs empörte dessen unorthodoxen
Bodyguard derart, daß dieser ihn bei den Behörden denunzierte. Kurz
darauf wurde »Mocho« festgenommen.
Für die Elfenbeinküste wird der Einzug in die Endrunde gewiß kein
Spaziergang. Wenn das Team seine Nervenschwäche abstellt und mit einem
Drogba in Topform ist aber alles möglich. Der alternde Stürmerstar
entpuppte sich im ersten Gruppenspiel als Lebensversicherung der
Westafrikaner. »Ich glaube sehr an das Schicksal. Das alles ist schon
lange vorher geschrieben worden«, verkündet der 36jährige Spieler von
Galatasaray Istanbul selbstsicher. Leider haben weder er noch der
Fußballgott mir voher verraten, welche Ergebnisse das Schicksal konkret
im Auge hat. Im Diskurs der Fußballpropheten bin ich eher ein
Federgewicht. Nur ein letzter Tip von mir: Egal was Sie tun, passen Sie
verdammt noch mal auf ihren Bodyguard auf!
Wie geht’s aus? GRN-JAP 0:0, KOL-CIV 2:1